ZDFtalk – Das Betreuungsgeld wird kleingeredet

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screenshot ZDF, Schröder und Buschkowsky bei vertrautem Spiel des Sich-gegenseitig-den-schwarzen-Peter-zuschieben

Unter dem hässlichen Titel “Kinder in die Krippe – Mütter in die Produktion” hatte Maybrit Illner gestern Abend im ZDF fünf Gäste geladen. Anders als bei den üblichen Fernsehtalks, in denen man immer wieder vier Expertenmänner plus eine Quotenemotionsfrau einlädt, waren die Gäste dieser Sendung ausnahmseweise mal in weiblicher Überzahl. Selbstverständlich. Schließlich ging es ja um die Kindeserziehung. Wer außer Heinz Buschkowsky – dem einzigen Mann und nicht-Eltern der Runde, könnte darüber besser Bescheid wissen, als diejenigen, die sich um diese Arbeit in diesem Land nun einmal kümmern: Die Frauen.

Gleich neben dem Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky saß Kristina Schröder, die gleich zu Eingang der Sendung mit einem populistischen Verwirrspiel aufwartete: “Mit dem Betreuungsgeld hat der Staat sich zum ersten Mal vorgenommen zu sagen, auch für  die Familien mit Kindern unter drei Jahren, dort kümmern wir uns um die Betreuung. Wir geben den Eltern ein Wahlrecht, ob sie entweder eine Sachleistung in Anspruch nehmen wollen – nämlich einen KITAplatz, der mit im Schnitt 1000 Euro  im Monat bezuschschusst wird – oder eine Barleistung, nämlich das Betreuungsgeld. Und das Betreuungsgeld ist eben nicht daran geknüpft – wie ja immer alle sagen, dass die Eltern zu Hause bleiben, sondern das Betreuungsgeld wird dann gezahlt, wenn man die Betreuung anders organisieren will als über eine staatliche KITA …”

Das ist interessant. Denn während sie zunächst von den Eltern der unterdreijährigen Kinder spricht, wechselt sie dann unbemerkt im Satz zu der Wahl zwischen einem KITAplatz und anderen Betreuungsmodellen. Nun ist es aber so, dass Unterdreijährige Kinder gar nicht in KITAs gehen, sondern für diese Kinder gibt es die sogenannten Krippen, oder es gibt sie eben nicht. Später in der Sendung wird darauf verwiesen, dass in Deutschland 220.000 KITAplätze fehlen. Auch an dieser Stelle wird es wieder verschwiegen: In Deutschland fehlen mehrere Millionen Krippenplätze. Denn während die Betreuung der Überdreijährigen inzwischen zu mehr als 90% gedeckt ist, krebst die Versorgung mit Krippenplätzen knapp über 10% aller Unterdreijährigen. Somit sind es eben nicht die Eltern der Kinder unter drei Jahren, die hier irgendeine Wahl haben, wie Frau Schröder behauptet.

Eifrig zu all dem nicken konnte permanent Hedwig Freifrau v. Beverfoerde, Sprecherin der Initiative Familienschutz. Frau von Beverforde sollte man kennen, denn sie setzt sich für den Schutz von Familien ein und das auf eine höchst befremdliche Art und Weise. Hier kann man z.B nachlesen, warum sie gegen die Sexualaufklärung in Berlin protestiert. Hauptsächlich sieht sie die traditionelle Familie dadurch diskriminiert, dass Homosexualität und Intersexualität in den neuen Aufklärungsmaterialien für Berliner Schulen als “normal” dargestellt werden. Wen die Initiative Familienschutz wirklich schützt, wird schnell klar, wenn man sich eine Weile mit ihren Thesen beschäftigt hat. Sie wollen die christlichen Mittelstandsfamilien schützen vor der Barbarei der Beziehungsvielfalt in diesem Land. Und darum sind auch sie – im Gegensatz zu 70% der Deutschen – für das Betreuungsgeld. Mit dem griffigen Slogan “Bindung statt Bildung” wirbt sie dafür, dass Mütter sich ausschließlich mit der Aufzucht ihrer Kinder beschäftigen sollen, bis diese Drei Jahre alt sind. Dass Bildung ihr ein Dorn im Auge ist, wundert nicht, wenn man bedenkt, dass sie sich durch Homosexualität bedroht und diskriminiert fühlt. Bei dem Begriff der Bindung lässt sie einfach vollkommen ausser Acht, dass es unerheblich ist, in welcher Form diese Bindung stattfindet. Selbstverständlich brauchen Kinder in den ersten drei Jahren ihres Lebens intensive Bindungen, dass diese sich allerdings nur auf die Mutter beziehen müssen, ist eine lange überholte Phantasie der Traditionsfamilie. Sie und Kristina Schröder wurden nicht müde, die Illusion von besserer Mutterschaft durch mehr Anwesenheit aufzupolieren, während sie dabei im Handumdrehen all diejenigen stigmatisierten, denen für derlei Ideen leider das Geld und die Zeit fehlen. Kristina Schröder vergaß auch nicht zu erwähnen, dass sie doch als Mutter wohl auch Zeit mit ihrem Kind verbringen wolle. Diese Aussage sollte uns wohl darauf hinweisen, dass Mütter die Geld verdienen müssen und sich diese Zeit darum nicht nehmen können, das offenbar nicht wollen? Dabei ist das ja gar nicht die Frage. Jeder möchte gerne Zeit mit seinen Kindern verbringen, aber nicht allen ist dieses Recht vergönnt.

Die Äusserungen Buschkowskys sind in meinen Augen irrelevant, weil er weder von den Realitäten weiß, noch selbst ausreichend KITAplätze in Neukölln geschaffen hat und weil er sich gleich zu Eingang mit seiner Äusserung disqualifizierte: “(…) eine Gesellschaft muss ich auch daran messen lassen, wie sie mit den Schwächsten umgeht!” Applaus aus dem Publikum, Bravo Buschkowsky, aber leider: FAIL. In seinem Buch “Neukölln ist überall” ist es ja eben der Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky selbst, der den Schwächsten aus unserer Gesellschaft mit Anlauf in die Gesichter spuckt.

Ebenfalls eingeladen waren Katrin Göring-Eckardt, neu gewählte Spitzenkandidatin der Grünen und die ZDF-Fernsehmoderatorin Barbara Hahlweg als Gegnerinnen des Betreuungsgeldes. Frau Hahlweg, die der Meinung ist, dass nur eine glückliche Frau eine gute Mutter und nur eine arbeitende Frau eine glückliche seien könne, kam in dieser Diskussion allerdings kaum zur Sprache und schien vor allem für die Kameras am Tisch zu sitzen. Eine arbeitende glückliche Mutter mit strahlend blauen Augen, die professionell lächeln kann. Ein erfrischender Anblick zwischen lauter mies gelaunten PolitikerInnen.

Frau Schröder fielen hauptsächlich Anekdoten darüber ein, wie sie die Debattenführung persönlich getroffen habe. Kleinste Ausschnitte aus Nachrichtenbeiträgen – zB, dass man in einem Beitrag ein Kind vor dem Fernseher abbildete oder die Beleidigung dieses Beschlusses durch Begriffe wie “Herdprämie”. Dabei wirkte sie wie ein beleidigtes Schulmädchen und war sogar von ihrem eigenen Applaus genervt. Gegen Ende schoben Buschkowsky und Schröder dann noch intensiv gegenseitig die Schuld in die Schuhe und redeten von Verantwortung – allerdings nie von ihrer eigenen und verstärkten damit den Eindruck von einem Streit zwischen Grundschülern. “Du hast angefangen!”

Die Idee der 24-Stunden-KITA wurde im Vorbeigehen stigmatisiert und als etwas abgestraft, das ja schon allein durch seine Namensgleichheit mit 24-Stunden-Tankstellen, etc ohnehin nach liebloser Kapitalismusmanier röche. Dass eine 24-Stunden-Kita natürlich nicht bedeutet, dass die Kinder dort über 24 Stunden betreut werden, sondern nur, dass der Bedarf der Betreuung ganz individuell an die Arbeitszeiten der Eltern angepasst sind, wurde ausgeklammert. Ein Konzept, das tatsächlich viel mehr diskutiert werden sollte, doch wie in der Politik fiel es auch in dieser Diskussionsrunde all zu schnell unter den Tisch.

Es folgte noch ein Beitrag über Dieter Hundt, Vizepräsident von BUSINESSEUROPE (Vereinigung der Industrie- und Arbeitgeberverbände Europas), welcher der Meinung ist, eine dreijährige Elternzeit sei viel zu lang. In dem Punkt, dass diese Aussage aus seinem Munde eine Unverschämtheit sei, da er für die Realitäten unseres Arbeitsmarktes Verantwortung trage, waren sich ausnahmsweise alle einig. Dennoch stand die Frage dann auch noch zur Diskussion: Können Frauen nach einer dreijährigen Pause überhaupt noch in den Beruf zurückkehren? Die einheitliche Meinung: Es ist schwierig bis unmöglich. Diese Einigkeit kann einem Angst machen, da sie prima für eine politische Kampagne zu nutzen ist.

Vermutlich denkt Frau Schröder mit ihren KollegInnen im Ministerium bereits darüber nach, dieses Elterngeld auf ein Jahr zu reduzieren und dadurch massenhaft Einsparungen zu schaffen. Argumentieren kann man schließlich damit, dass drei Jahre einen zu langen Ausstieg bedeuten, um den Beruf wieder aufnehmen zu können. Das lässt nicht eben hoffen. In Zukunft müssten sich Mütter dann also schon nach einem Jahr der Mutterschaft um eine der wenigen Stellen in diesem Land bewerben, wenn sie den Unterhalt für sich und ihre Kinder beschreiten wollen.

FAZIT: 70 % der Deutschen sind gegen das Betreuungsgeld, der Rest liebt seine Kinder und will sich so eng wie möglich an sie binden, eine Alleinerziehende aus dem unteren Drittel der Gesellschaft wurde gar nicht gefragt, und offenbar gibt es den Quotenmann in Talkshows ebenso wie die Quotenfrau, wenn es ausnahmsweise mal um “echte Frauenthemen” geht. Insgesamt also eben einfach Fernsehen: Viel Blabla, keinerlei Verantwortung und eine Menge Auslassungen. Prädikat: Besonders schmerzvoll.

Hier kann man den Talk sehen. 

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Das Betreuungsgeld ist auf Dauer keine Lösung für die Familien und für die Kinder auch nicht, denn diese brauchen einfach den Umfang mit anderen Kindern. Das Geld aus dem Betreuungsgeld sollte man darin investieren, um Kindergartenplätze zu schaffen. Damit würde man den Familien einn ganz Stück weiter helfen.

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