Wie löscht man ein heißes Eisen?

ACHTUNG! HEIß!

ACHTUNG! HEIß!

Schwierig. Wie kann man etwas löschen, das so viele tausend Grade heiß ist, dass es zerstörerisch glüht und einem schon die Haut verbrennt, wenn man ihm nur zu nahe kommt? Man könnte versuchen aus sicherer Entfernung zu löschen, aber womit? Würde man es mit Wasser löschen, so würde es wohl gefährlich Funken sprühen. Sand würde zu Glas wie Zucker in einer heißen Pfanne karamellisiert und nach dem Löschvorgang hätte man mit ganz großer Sicherheit ein riesiges Chaos. Die Reinigung der Räumlichkeiten würde sicher sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen als das Löschen selbst. Was tut man also mit heißen Eisen? Man fürchtet sich vor ihnen und geht ihnen aus dem Weg. Einfach nicht hinsehen. Aber irgendwann wird auch die Haltevorrichtung, die das Eisen hält zu glühen beginnen und mit ihr alles um sich herum und alles wird Feuer fangen. Also müssen wir nun wohl löschen. Löschen, alles reinigen und von vorne anfangen. Aber worum geht es hier überhaupt?

Es geht um deutsche Jugendämter. Angefangen hat das alles mit einem Zeitungsbericht, den ein Leser dieses Blogs auf die facebookseite gepostet hatte. Rainer Stadler berichtet darin über eine Mutter, die in unmenschlichen Verfahren für ihr Sorgerecht kämpfen muss, weil ihr Exmann sie offenbar zu vernichten trachtet. Als ich weitere Recherchen zu derlei Fällen anstelle, finde ich diesen Bericht in der FAZ. Katrin Hummel über einen Ausschuss des EU-Parlaments, das deutsche Jugendämter überwachen will. Dort ist zu lesen, dass die EU Deutschland schon mehrfach wegen Menschenrechtsverletzungen in Sorgerechtsfällen gerügt hat und Deutschland darauf bisher nicht reagiert habe. “Wir finden das nicht normal“, urteilt Boulland,Leiter einer Arbeitsgruppe im Petitionsausschuss, die sich mit dem Thema Jugendämter befasst, und Abgeordneter der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP). Es ist eben ein heißes Eisen. Es müsste strukturell reformiert werden. Einmal alles löschen, sauber machen und noch mal neu.

Die Lage ist sogar schon so brennend, dass ich bei allen Versuchen, tiefer in das Thema einzutauchen kläglich scheitere. Wann immer sich ein ein Beitrag im Netz finden lässt, an dem man sich nicht die Finger verbrennt, der nicht reisserisch ist, so ist er immer von Katrin Hummel verfasst. Hauptsächlich finden sie News der Boulevardmedien zum Thema, meistens sind sie parteiisch gegen eine der verfahrensbeteiligten Personen, weniger gegen die Politik des Jugendamts. Es scheint schwierig zu sein, brauchbare Informationen zu dem Thema zu finden, und vor allem : Positionen. Die Stichwortsuche Jugendamt-Reform führt mich fast ausschließlich zu einer Reform die 2011 in Kraft getreten ist und die sich ausschließlich auf das Umgangsrecht beschränkt. Außerdem finde ich noch einige Beiträge, die sich mit einem Gesetzesentwurf für den Umgang der Väter nach einer Trennung befassen. Alles schöne Ideen, die aber das Grundproblem nicht lösen.

In Wahrheit liegt das Problem viel tiefer. Es sind die Strukturen des Amtes und die Entscheidungsgewalt einzelner Sachbearbeiter. Ich musste das alles am eigenen Leib erfahren. In meinem Fall hieß der Sachbearbeiter Herr Glaser, er arbeitete für das Jugendamt Düesseldorf (und tut es sicher noch) und er sagte mir am Telefon, dass er nicht erlauben würde, dass ich meine Tochter sehen dürfe. Warum? Weil er “eine drogenabhängie Wahnsinnige ja wohl kaum auf ein Kind loslässt!”, erklärte er. Ich bin zwar weder Drogenabhängig noch wahnsinnig und Herr Glaser hatte mich auch noch nie zuvor in seinem Leben gesehen und gesprochen, aber weil meine Mutter ihm das erzählt hatte, hielt er es nicht für Wert es zu überprüfen. Bis ich Herrn Glaser als Zuständigen für dieses hässliche Gerichtsverfahren wegen Befangenheit abweisen konnte, vergingen drei Wochen, in denen ich keine Möglichkeit hatte mein Kind zu besuchen, weil Herr Glaser zu faul war, sich selbst ein Bild von mir zu machen. Dabei bot ich ihm an, noch am nächsten Tag die annähernd 600 Kilometer auf mich zu nehmen, um ihm vorstellig zu werden, aber Herr Glaser hatte einfach keine Lust und so brauchte es ein aufwändiges Beschwerdeverfahren, um ihn von dem Fall zu entheben. Und Herr Glaser ist ja nur ein Mitarbeiter eines einzigen, sehr kleinen Jugendamtes. Es gibt viele Herr Glaser da draußen und im schlimmsten Fall können sie Familien zerstören, in jedem Fall aber ist man auf ihr Wohlwollen angewiesen, auf ihre Intelligenz, ihr Urteilsvermögen und ihre Gnade. Das ist viel verlangt. Und im Grunde kann man keinem Menschen diese Verantwortung übergeben. Die Streitigkeiten um Sorgerecht sind sehr individuell und immer unerbittlich. Die Streitparteien versuchen in der Regel alles, um dem anderen Schaden zuzufügen. Die Konsequenz trägt am Ende das Kind. 2011 haben die Jugendämter 38.500 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, in allen Kommunen steigen die Zahlen seit Jahren rapide. Zahlen hinter denen sich eine riesige Menge Einzelschicksale verbergen, Kinder die von ihren Eltern – oft völlig zu Unrecht – getrennt sind.

Tatsächlich müsste man das gesamte Amt strukturell erneuern und den Dialog mehr in den Mittelpunkt stellen. Pschychologische Beratungen, Vermittlungsgespräche und Hilfsangebote statt übereilter Entmüdigungen, wie es zB. die Eilbeschlüsse von 2006 ermöglichen. Ich selbst fiel einem sog. Eilverfahren zum Opfer. Das einzige was dabei Eile hatte, war der Kindesentzug und der Entzug des Aufenthaltbestimmungsrechtes, nicht jedoch das Verfahren an sich. Ich habe über ein Jahr gegen meine Mutter gekämpft und mich durch alle Instanzen geschlagen, bevor ich endlich wieder mein Kind bei mir haben konnte. In der gesamten Zeit musste ich Anträge stellen, um mein Kind sehen zu können, die teilweise erst nach wochenlanger Prüfung anerkannt wurden, ich war auf die Willkür mehrerer Menschen angewiesen. Meine Tochter und ich wurden ein Jahr lang in ein aufreibendes und traumatisierendes Verfahren geschickt, obwohl das psychologische Gutachten bei mir weder eine Drogensucht, noch Wahnvorstellungen diagnostizierte. Alles war in Ordnung. Bloß die Richterin wollte noch einmal ganz sicher sein und meine Mutter legte noch eine Beschwerde ein und jeden Tag wurden neue Dokumente geprüft und angenommen oder abgewiesen. Das alles war nichts als Justiz und Bürokratie, in deren Zentrum zwei Menschen standen, die einfach nur zu einander wollten.

Diese ganze Bürokratie muss aus diesen empfindlichen Fällen herausgehalten werden. Wir benötigen Streitschlichtung und Mediationen, keine Kontrolleure, denen wir die Macht geben über unsere Erziehungsfähigkeiten zu urteilen. Sachbearbeiter sind nur Menschen. Es kann keinem Menschen zugemutet werden, so weitreichende Entscheidungen über die Leben von anderen zu treffen. Löschen wir das heiße Eisen und kümmern wir uns um die Schweinerei.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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