Wer soll das bezahlen?

Geht nicht gibt's nicht.

Geht nicht gibt’s nicht.

 

Ihr erinnert Euch, meine erste Nacht in der Hauptstadt verbrachte ich in einem Zirkuswagen. Es war Winter, es war kalt und ich hatte nur einen kleinen Ofen. So beginnen wohl zahlreiche Geschichten über das Nichts. Aber ich hatte nicht Nichts. Ich hatte Freunde. Allen voran Ali Z.a.D. Ich kann nur jedem raten, der sich dazu entschließt, ein Kind zu bekommen, Freunde zu haben. Gute, echte, richtige Freunde. Denn die LIEBE zerbricht allzu oft. Vor allem im Angesicht der Familiengründung, wo plötzlich gar nicht mehr so sehr das Paar, sondern vielmehr die Brut im Vordergrund steht.
Dank des Netzwerks an Freunden hatte ich noch auf der Autobahn Richtung Berlin eine Antwort erhalten. Der Freund eines Freundes einer Freundin hatte zufällig eine geeignete Wohnung, für die er genau in diesem Moment dringend einen Nachmieter suchte.

Die Nachmieterin wurde ich. Ali und ich trommelten ein paar Helfer zusammen und schon hatte ich eine wunderschöne Altbauwohnung im Prenzlauer Berg mit hohen Decken und Stuck, drei riesigen Zimmern und einem langen Flur für Dreiradfahrten. Ich saß im Trockenen und der Zirkuswagen war Geschichte. Glück gehabt!

Doch der nächste Schlag ließ nicht lange auf sich warten. Die Hausverwaltung schickte mir den neuen Mietvertrag zu auf dem plötzlich eine ganz andere Summe stand, als die von der ich ausgegangen war. Die Miete passe nicht mehr zum Mietspiegel teilte man mir mit und die Miete wurde um satte 150 Euro erhöht. Eigentlich keine große Sache, aber für mich machte es einen großen Unterschied. Diese 150 Euro mehr konnte ich einfach nicht aufbringen und war somit gezwungen, mir wieder etwas neues zu suchen. Doch ich resignierte. Nach all den Kämpfen, die ich für diesen Umzug hatte durchstehen müssen, reichte die Kraft einfach nicht mehr für eine weitere Wohnungssuche oder Verhandlungen mit dem Vermieter. Ich begann damit, Schulden anzuhäufen. Jeden Monat die Summe von 150 Euro, denn ich zahlte brav die ursprüngliche Miete und keinen Cent mehr. Hin und wieder konnte ich Untermieter einquartieren, die diese Differenz für mich beglichen, doch diese Einnahme hatte ich nicht regelmäßig. Außerdem brachte auch jeder Untermieter seine spezifischen Probleme mit sich und am Ende muss man sagen, dass diese Mitbewohner mein Leben eher noch mehr verkomplizierten als dass sie eine Hilfe waren.

Nun hatte ich also ein weiteres Problem: Ich war mutterseelenalleinerziehend, ich war arm und nun auch noch verschuldet.
Ich begann also, mir Jobs zu suchen. Alle Jobs, die ich gerne gemacht hätte, konnte ich mir gleich aus dem Kopf schlagen. Mein Können und Interesse liegt im Film- und Theaterbereich. In dieser Branche gibt es aber keine Jobs für Menschen, die nebenher noch ein anderes Leben haben. Man arbeitet von Früh bis tief in die Nacht, auf Abruf und mit einer Menge Verantwortung. Es gibt keine Halbtagsstellen für Regieassistenten oder Dramaturgen. Mann kann weder Runner, noch Continuity noch sonst irgendein Verantwortlicher beim Dreh eines Filmes sein. Ich musste mich also in anderen Bereichen umsehen.

Ich habe stattdesen in einem Supermarkt gearbeitet, bis mich diese Stellung komplett frustrierte. Ich versuchte es als Kellnerin in einem Café und war allzuschnell überfordert mit dieser Aufgabe. Ich hab am Fließband gearbeitet und für Zeitarbeitsfirmen. Das alles hatte immer nur das eine erschöpfende Ergebnis.
Ich konnte in diesen Berufen nie genug verdienen, um mich aus der Unterstützung des jobcenters loszulösen, war aber dazu gezwungen, den Großteil meiner Abgaben an dieses abzutreten. Es ist absurd und schon von Millionen Menschen angemerkt worden. Die Bestimmungen von Harz IV zwingen einen geradzu, in dieser Abhängigkeit zu bleiben. Man darf mir nun gerne Faulheit vorwerfen. Meinetwegen Disziplinlosigkeit oder Arroganz.

Aber wer kann ernsthaft verlangen, dass Menschen sich in Beschäftigungen  quälen, die ihnen keine Freude bereiten, um sie am Ende mit höchstens 140 Euro dafür zu entlohnen??? Wer will ernsthaft diese Schar frustrierter Mütter, die mit hängenden Mundwinkeln ihre Kinder ins Bett bringen? Wem sollte das irgendetwas nutzen? Mit diesen 140 Euro konnte ich nicht einmal meine Mietdifferenz überbrücken. Es ergab für mich schlicht und ergreifend keinen Sinn zu jobben. Also ließ ich es bleiben und feilte weiter an meinem Masterplan. Ich arbeitete an meinem Roman und meiner Musik und versuchte, selbst etwas zu schaffen, von dem ich vielleicht am Ende würde leben können. Mit anderen Worten: Ich arbeitete fortan unbezahlt an eigenen Projekten, in die ich meine ganze Kraft investierte und ich arbeitete weiterhin an der Erziehung meiner Tochter.

Ja. Das ist nämlich Arbeit!
Katrin M. hat in einem Kommentar auf dieser Seite folgendes angemerkt: “Ganz nebenbei empfand ich es schon immer als unfair, dass man als Tagesmutter die Kinder anderer Menschen betreut und dafür vergütet wird, wohingegen man, wenn man zuhause die eigenen Kinder versorgt, nach spätestens 2 Jahren der finanzielle Ofen komplett aus ist…”
Und so ist es. Vater Staat wünscht sich Kinder. Und Vater Staat wünscht sich aber auch, dass diese Kinder gesund und leistungsstark sind. Sie sollen wohlerzogen sein, die Gesetze unserer Gesellschaft befolgen und eines Tages Mal ihre Arbeitskraft in unsere Wirtschaft einbringen. Diese Kinder heranzuziehen ist eine Leistung, die niemand vergütet bekommt. Niemand außer der Lehrer, Sozialpädagogen und Beamten dieses Landes. Die Eltern gehen leer aus.

Seit gestern haben wir wieder eine Mutter zur Familienministerin. Kristina Schröder ist seit dem gestrigen Donnerstag Mama. Wir können von Glück reden, dass sie das Elterngeld verteidigt, dessen Abschaffung tatsächlich im Gespräch ist. Die Frage ist bloß, ob Mütter wie sie oder ihre Vorgängerin von der Leyen wirklich im Stande sind, die reale Mutterschaft in dieser Gesellschaft zu vertreten, da sie nur die eine Hälfte der Eltern darstellen. Nämlich die Hälfte mit dem Geld. Die andere Hälfte der Erzieher lebt am Existenzminimum und hat nicht die Chancen, zusätzliche Betreuung für ihre Kinder zu zahlen und die eigene Karriere auszubauen.

Ich habe Katrin in den Kommentaren das Folgende geantwortet: “Alte oder behinderte Menschen haben das Recht auf Pflegepersonal. Wir können nur im Krankheitsfall auf kompliziertem Weg eine Haushaltshilfe beantragen oder beim Jugendamt eine Familienhilfe, die dann aber bei “normalen” Müttern wie uns höchstens einmal in der Woche für zwei Stündchen vorbeikommt. Und dann gibt es auch noch die zahlreichen Horrorgeschichten über Familien, die sich besser nicht beim Jugendamt hätten melden sollen …”

Ich kenne den Einwand: “Wer soll das bezahlen???”
Die Antwort lautet: Ich weiß es nicht.
Aber ich habe eine andere Antwort: In ca. dreißig Jahren werden wir gar nichts mehr zahlen können, wenn wir heute den Kindern die Grundlage nehmen für ein erfülltes, gut erzogenes und ausgebildetes Dasein. Wer soll denn später in unserem Land das Geld verdienen, wenn heutige Statistiken belegen, dass den Kinder von Hartz IV Empfängern mit der größten Wahrscheinlichkeit später die selbe “Karriere” blüht. Wer soll DAS bezahlen???

EDIT FEB 2013: Noch bessere Antworten auf die Frage nach der Finanzierung finden sich übrigens in meinem Buch, das im August 2013 bei Droemer Knaur erscheint.

JUPP SCHMITZ – WER SOLL DAS BEZAHLEN ?

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Author: Sarah Wiedenhöft

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