Wenn mich Robbie Williams (Brad Pitt/Johnny Depp/Gerorge Clooney/etc) in der Bar ansprechen würde

Der Satz, den man sich in diese Sexismusdebatte jetzt immer wieder anhören musste, war die reinste Manifestation dieses Sexismusses, ohne dass diejenigen die ihn aussprachen, das offenbar mitbekommen.

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Lampe kaputt und keiner da, der sie reparieren könnte???

“Ja, wenn ein Brüderle einen ansabbert an der Bar ist es eklig, wenn das Robbie Williams (Brad Pitt/Johnny Depp/George Clooney/etc) gewesen wäre, dann hätte die Frau sich gefreut.”

Dieser Satz offenbart sehr viel des männlichen Verständnisses. Sexismus ist es nur dann, wenn der Mann alt und hässlich und die Frau jung und schön ist und vor allem: Die Bar ist das Jagdterrain des Mannes, aber das ist natürlich Blödsinn. Niemand, der bei Verstand ist und sich selbst ernst nimmt, würde sich über die selbe Anmache aus einem eventuell attraktiveren Mund freuen. Davon abgesehen wird es ganz offenbar Zeit, damit aufzuräumen, dass Benehmen abhängig wären von Zeit oder Raum, von Geschlecht, Alter oder Herkunft. Gutes Benehmen, meine Herren ist zeitlos. Immer wieder werden die Fragen laut nach speziellen Regeln für die Bar, solchen für das Büro und anderen für den Privatbereich. Die Herren der Schöpfung hört man allenorts, wünschten sich Regeln, die ihnen vorschreiben, was sie mit uns Frauen dürfen und was nicht. Mit Verlaub, das ist einfach nur Bullshit!

Es wird Zeit, dass diese Heuchelei endlich ein Ende nimmt. Gutes, respektvolles Benehmen ist an keinerlei Bedingungen gebunden. Die Regeln, die diese Herren sich wünschen, ändern sich nicht unter Einfluss von Alkohol, sie ändern sich nicht am Arbeitsplatz und nicht in der Kasse im Supermarkt. Sie sind universell gültig. Man nennt das Integrität. Die meisten Deutschen haben sich bereits angewöhnt, ihr Benehmen den vorherrschenden Regeln anzupassen. Wo strengere Regeln herrschen, benehme mich besser, als beispielsweise zu Hause, wo es gar keine Regeln gibt. Die Scheinheiligkeit dieser Tatsache ist aber doch kaum zu übersehen. Liebe Heren, Sie brauchen keine Regeln. Das regelt der Verstand. Benehmen Sie sich einfach nur immer respektvoll, ohne sich vorher umzuschauen, wo sie gerade sind und ob dieser Ort zu dieser Zeit eine gewisse Etikette erwartet. Wir erwarten gutes Benehmen zu jeder Zeit und in jedem Raum. So ist es.

Und damit kommen wir dann auch gleich an den Tresen. “Wie möchten Sie an der Bar denn angesprochen werden?”, war auch immer wieder zu lesen und zu hören in dieser Debatte und Anne Wizorek antwortete in der ZDF Sendung loginn darauf sinngemäß: “Ich möchte gar nicht an der Bar angesprochen werden.” Mit diesem Satz dürfte sie halb Deutschland in die Verwirrung gestürzt haben, darum hier für diesen verwirrten Teil des Landes eine sehr wichtige Erklärung:

Flirten ist es also – das hat jetzt endlich auch der Letzte mitbekommen – wenn es einvernehmlich geschieht. Dafür gibt es Signale und wenn man nicht unter einer Gesichterkennungsstörung leidet, bekommt das jeder Durchschnittsmensch auch prima hin. Sollten Zweifel herrschen, regelt ein freundliches kurzes Ansprechen das von allein. Wenn der Angesprochene spricht, sind die Signale deutlicher zu erkennen. Jeder halbwegs normale Mensch kann in diesem Augenblick feststellen, ob der andere dieses Gespräch wünscht oder eben nicht. Für deutsche Männer signalisiere ich meine Bereitschaft allerdings offenbar bereits mit dem wochenendlichen Herumstehen an einem Tresen.

In Deutschland ist das betrunkenen Angraben am Wochenende leider ein Volkssport. Dieses Selbstverständnis ist es, dass Ihr aufheben müsst, liebe Männer. Ihr müsst aufhören, Zeiten und Räume in Kategorien der Freiheit zu denken. Ihr seid überall gleich frei oder unfrei. Betrunken in der Bar gelten in Wahrheit keine anderen Regeln als nüchtern im Büro. Diese Scheinwelt erhalten sich nur sehr viele zu gerne auf, weil die unfreien Menschen unter uns eben auch diesen einen Moment brauchen, wo sie aus sich ausbrechen können. Regelmäßig einmal die Woche am Wochenende. Klingt nach echter Freiheit, oder?!

Menschen sprechen einander an, wenn es funkt zwischen ihnen, nicht, wenn es Wochenende ist, und sie betrunken und in einer Bar sind. Diese Kategorien gibt es einfach nicht und wer darüber etwas länger nachdenkt, muss sich auch wie ein Heuchler vorkommen, es so zu leben. Also, Jungs: Wenn ich in eine Bar gehe, dann ist das NICHT mein Einverständnis zum Flirt. Ich möchte überhaupt nur dann angesprochen werden, wenn es dafür einen Grund gibt oder es tatsächlich zwischen uns gefunkt hat. Das wird aber nicht passieren, weil es bei mir ja schon lange gefunkt hat. Das war tagsüber und mitten auf der Straße und da habe ich den Mann angesprochen und nun muss keiner von uns beiden mehr irgendwen anders ansprechen. Nicht in einer Bar und nicht auf der Straße. Dennoch werde ich angesprochen. Dabei bin ich sicher, dass ich schon lange keine solchen Signale mehr sende.

“Ich flirte für mein Leben gerne!”, sagt ein Kubicki und für alle klingt das ganz normal.
Es ist nicht normal. Es ist ein trauriges Bild, denn die meisten Männer übersehen, dass sie viele ihrer sog. “Flirts” den Frauen ungefragt auf’s Auge drücken. Weil es da nur um sie selbst geht und nicht um die Frau. Weil sie eben gerne flirten. Weil das halt so eine Art Hobby ist. Traurig für den Mann, dass ihm als Freizeitbeschäftigung so gar nichts anderes einfällt als sein Ego an anderen Menschen aufzupolieren. Und leider grausam anerkannt. Wenn man das Flirten wieder etwas mehr als ein Mittel zum Zweck betrachten würde, wäre uns schon sehr geholfen. Wieso muss ich mit jedem flirten? Wieso kann ich mich nicht einfach unterhalten mit meinen Mitmenschen, ohne dass das Gespräch dabei abrutschen muss ins Tierische? Ich möchte mit meinem Freund flirten und wir hatten diesen ersten Flirt, um uns näher zu kommen. Mit anderen Männern zu flirten halte ich für mehr als überflüssig.

So und nach allem, was Sie nun wissen, liebe Herren: Wenn jetzt der Robbie Williams (Brad Pitt/Johnny Depp/George Clooney/etc) kommt und auf mich zusteuert und mir Hallo sagt, dann sage ich vermutlich auch Hallo und dann unterhalten wir uns vielleicht auch über seine Musik/Filme und ich finde es dann sicher sehr aufregend mit einem so berühmten Menschen zu sprechen. Sollte Robbie (Brad/Johnny/Gerorge/etc) etwas sagen wie: “Sie könnten aber auch ein Dirndl ausfüllen!”, so ist das Gespräch beendet. Weil diese Regeln nun mal einfach universell sind.

Sie gelten für jeden. In jedem Raum. Zu jeder Zeit. Sobald Sie versuchen, die Kategorien für Ihr Benehmen aufzulösen und zu einer vertretbaren Alltagsethik kommen, müssen Sie nie wieder darüber nachdenken, ob Sie nun jemandem zu Nahe getreten sind. Das regeln Verstand und Empathie.

Und passend dazu http://meikebuettner.bandcamp.com/track/nicht-mit-mir

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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