Keinen Fußbreit

Onlinekommentare unter Zeitungsartikeln sind immer so eine Sache. Selten sachlich, häufig unverschämt und garantiert schädlich. Wieso denken sich die Betreiber*innen nicht endlich eine Politik dazu aus? Ein offener Brief an die Onlineredaktionen dieses Landes.

internet troll looks like this von Woody Hearn

internet troll looks like this von Woody Hearn

Liebe Zeit, liebe Süddeutsche, liebe FAZ, liebe große deutsche Zeitungen,

Onlinekommentare machen ganz schön viel Arbeit, nicht?! Jeder einzelne Kommentar muss geprüft und moderiert werden. Dafür braucht man extra Arbeitskräfte. Dem subtilen Hass der Kommentator*innen kommt man damit noch lange nicht bei, aber es ist ja Demokratie und da soll ja jeder seine Meinung sagen dürfen. Also macht Ihr Euch diese Mühe. Danke dafür. Die Frage ist nur, wieso Ihr es Euch nicht mit verbindlichen Regeln einfacher macht. Denn ebenso wie die Meinungsfreiheit sich im zweiten Absatz einschränkt – „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ – könntet auch Ihr durchaus zu demokratischen Gesetzen finden, die so einige Probleme von vorne heraus auschließen würde. Denn wenn jemand die vielen Seiten Kommentare unter Euren Artikel liest, könnte diese Person schnell zu dem Schluss kommen, sie läse ein Abbild der Gesellschaft. Dabei ist das ja gar nicht wahr. Die Nische der Internetkommentator*innen ist so klein, das sie wohl ohne Kommentarspalten niemals sichtbar werden würden. Es sind nur wenige Menschen, die da ihre Haltung präsentieren. Viele von ihnen mit System. Das Ergebnis ist, dass ich als Leserin aus reinem Selbstschutz schon lange damit aufgehört habe, diese Kommentare zu lesen. Weil sie mich erschrecken. Weil sie mich glauben machen, ich würde in einer Gesellschaft aus ignoranten und böswilligen Trollen leben. Vor allem, wenn es um Themen wie Gleichstellung – welcher Art auch immer – geht, ist es keine Seltenheit, dass ich mich ins dritte Reich zurückversetzt fühle, in welchem es legitim war, über das Leben anderer zu richten.

Ein paar Fakten:

1. Die Studie „Trolls just want to have fun.“ aus diesem Jahr von Erin Buckels, Paul Trapnell und Delroy Paulhus bescheinigt den Internettrollen und Kommentator*innen unter politischen Debatten sadistische Neigungen.

“Die offen als Trolle geouteten Probanden zeigten im Persönlichkeitstest die auffälligsten Ergebnisse. Je länger sie sich im Netz aufhielten, desto häufiger bescheinigten ihnen die Ergebnisse narzisstische und sadistische Persönlichkeitsstörungen. Aber auch die Gruppe derer, die sich an politischen Debatten beteiligten, erzielten hohe Werte bei den Fragen zu ihren sadistischen, narzisstischen und/oder machiavellistischen Neigungen.”

Gerade letzteres sollte doch glatt als eine Warnung verstanden sein. Machiavellisten geht es nämlich um politische Macht und sie zeichnet aus, dass ihnen dazu jedes Mittel Recht ist. Moral und Recht spielen keine Rolle. Der zweifelhafte Zweck “heiligt” die miesen Mittel.

2. ndr.de ist im letzten Jahr dazu übergegangen, die Kommentarfunktion unter feministischen Texten zu schließen.

 “Der Soziologe Hinrich Rosenbrock ist davon überzeugt, dass die ungewöhnlich hohe Anzahl grenzüberschreitender Kommentare kein Zufall war. Seiner Einschätzung nach hatte NDR.de Besuch von einer organisierten Gruppe von Antifeministen, die gezielt sogenannte Hate Speeches – zu deutsch Hass-Reden – gegen Frauen im Internet verbreiten. “Da wird zum Beispiel gegenseitig aufgerufen: ‘Hier gibt es einen Artikel zum Thema Geschlechterpolitik, kommentiert doch mal alle.’ Dann ist es meistens so, dass einige Personen in diese Foren gehen und da ihre Meinung vertreten, aber auf eine Art und Weise, die andere Diskussionsteilnehmer ausschließt.” “

Tatsache ist, dass Internetkommentare per se politisch sind. Ebenfalls ist es unbestreitbar, dass Machiavellismus tatsächlich die vorherrschende Kraft in diesen Vorgängen ist. Die Frage ist also, wieso Sie als große Redaktionen dem nichts entgegenzusetzen haben? Ich frage mich, ob Ihnen die Wirkung dieser Kommentare bekannt ist?

Die Universität von Wisconsin Madison hat letztes Jahr eine Studie herausgebracht, in welcher beschrieben wird, wie sehr Trollkommentare die Meinung der Leser*innen beeinflussen. Bora Zivkovich, ein wissenschaftlicher Blogger fasst eines der Resultate wie folgt zusammen:

“An article about nanotechnology, a topic most people know very little about and usually have no a priori biases for or against, was presented to the test subjects. Half the people saw the article with (invented) polite, civil and constructive comments. The other half was given the same article but with uncivil comments – essentially a flame-war in the fake commenting thread. The result is that readers of the second version quickly developed affinity for one side of the argument and strongly took that side, which affected the way they understood and trusted the original article (text of which was unaltered). The nasty comment thread polarized the opinion of readers, leading them to misunderstand the original article.”

Fasse ich diese fakten zusammen, komme ich zu einem Schluss, der auch den Redaktionen nicht gefallen dürfte. Denn während die Zeitungen sterben, scheinen die Trolle ja den Grund zu kennen und sie beeinflussen Ihre Leser*innen mit Ihren “Ansichten”. Mit anderen Worten betreibt eine radikale Minderheit einen aggressiven Machtkampf gegen Sie, als Zeitung, mich als Leserin und uns als Gesellschaft. Oft genug sind die Kommentare faschistischer oder rassistischer Natur und unterstreichen die natürliche Unterlegenheit von Frauen, Menschen mit Behinderungen, Immigranten, etc.

Als Menschen sollten Sie darum vielleicht grundsätzlichere Regelungen für Ihre Kommentarfunktion erfinden und gründlicher moderieren. Als Zeitung sollten Sie daran interessiert sein, die Leser*innen nicht mit diesen Kommunikationsmissbräuchen von ihrer Zeitung zu vertreiben, als mein Mitmensch sollten Sie bitte mithelfen, dem Faschismus, Rassismus oder sonstigem menschenfeindlichen Gebahren keinen Fußbreit die Türe zu öffnen. Bitte moderieren Sie endlich konsequenter und nach festen Regeln, die die Menschlichkeit unterstützen. Sie dürfen sich gerne meine Nettiquette entleihen, die ich nicht müde werde, zu verbreiten. Keinen Fußbreit den Machiavellisten! Wehret den Anfängen. Bitte.

1. RESPEKT
ist das oberste Gebot. Auf dieser Seite wird niemand beschimpft. Nicht als dumm, nicht als naiv und auch keine subtileren Beleidigungen sind gestattet. Die Menschen, mit denen Ihr Euch hier “unterhaltet”, sind echte Menschen. So wie ihr selbst. Mit Gefühlen und Talenten und Fehlern und allem, was so einen Menschen eben ausmacht.

2. PRÄMISSE
Behandle den Anderen im “Gespräch” nicht so wie Du behandelt werden willst, (weil vielleicht magst Du es ja, wenn man Dich beschimpft und beleidigt) sondern so, dass dieser Umgang auch noch für das alle schwächste Mitglied der Gesellschaft vertretbar wäre.

 

Und für alle, die der Meinung sind, die Medien wollen das doch so, hier ein link von 2010 zu der Enttarnung des Trolls Konstantin Neven DuMont, Trollkönig und ehemalige Medienkrake. Und wer es gelesen hat, kann sich zur Belustigung im Anschluss einen wenige Tage alten facebookstautus von Herrn DuMont anschauen:

 

Bildschirmfoto 2014-06-03 um 07.50.02

 

Ja, wie soll man eigentlich??? Ich tendiere zu Ehrlichkeit und besserer Moderation! In diesem Sinne: ich wünsche Euch eine trollfreie Woche!

 

Thank You Hater! from Ivan Tiukov on Vimeo.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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