Was ist eine Familie?

Das Bundesfamilienministerium möchte wissen, was junge Menschen über Familie und Vereinbarkeit denken und was sie alles brauchen, um ein gutes Familien- und Arbeitsleben führen zu können. Im Grunde ist das genau das, was ein Ministerium tun muss: herausfinden, was die Bürger und Bürgerinnen wünschen und versuchen, diese Umstände zu ermöglichen. Bis hierhin könnte man das Ministerium loben. Wenn doch nur nicht der dazu erstellte Fragebogen schon wieder so viele neue Fragen aufwerfen würde!

 

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Das erste, was einem bei jeder Kampagne in die Augen fällt ist das Kampagnenbild. In diesem Fall gibt es zwei Varianten, obwohl beide das gleiche zeigen – VATER MUTTER KIND. Im Internet finden sich dazu zahlreiche Kommentare wie dieser hier:

 

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“Es sind bloß Bilder” könnte ein schlichteres Gemüt einwenden, das sich nicht bewusst ist über die Macht von Symbolen, doch leider führt sich eben dieses Familienbild weiter durch die ganze Umfrage. Schon bei Frage 3 und 4 beginnen die ersten Schwierigkeiten. Wie soll ich diese Fragen beantworten?

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Die einzig gangbare Variante ist hier ein hilfloses “weiß nicht”, dabei weiß ich sehr wohl. Ich weiß, dass das Alter keine Rolle spielen sollte. Ich weiß aus meinem Leben, dass Menschen mit 15, 20, 30 oder 70 Kinder bekommen und ich weiß, dass alle diese Kinder die selben Chancen verdient haben. Wieso ich diese Frage gestellt bekomme in diesem Zusammenhang weiß ich allerdings wirklich nicht.

“Ob Du wirklich richtig stehst, siehst du wenn das Licht angeht!”

Spätestens bei Frage 8 entstehen die ersten Zweifel, ob dieser ganze Fragebogen tatsächlich auf ein großes Entweder-Oder-Szenario hinaus laufen soll. Wollen Sie lieber eine familienfreundliche Arbeitsstelle oder soll die Arbeit Sie vielleicht auch erfüllen? A oder B??? Bitte treffen Sie nun Ihre Wahl. Und zu Frage 9 treffen Sie doch bitte einfach ein beliebiges Pauschalurteil über alle deutschen Unternehmen. Sollten Sie dazu nicht in der Lage sein, bezeugen Sie Ihre absolute Ahnungslosigkeit durch beherztes Anklicken der Antwort “Weiß nicht!”

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Frage 10 und 11 verdeutlichen am besten die Entweder-Oder-Haltung der Fragestellenden. Es kann nur eine Antwort angekreuzt werden. Treffen Sie Ihre Wahl also weise. Brauchen wir ausreichende Betreuungsplätze oder lieber finanzielle Hilfe? Oder familienfreundlichere Arbeitszeiten??? Sie finden diese Frage kann so einfach nicht beantwortet werden? Dann sagen Sie doch: “Weiß nicht.”

 

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Bloß nicht die Väter vergessen!

Wen das Bundesministerium meint wenn es von Familien spricht, offenbart sich dann in all seiner Einseitigkeit ab Frage 12. Allen homosexuellen und wissenschaftlichen Tatsachen zum Trotz wird ganz unverbindlich nach dieser Einschätzung gefragt:

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Und wenn Sie nun lesbisch sind und Kinder bekommen möchten, dann beantworten Sie doch nun einmal bitte diese Frage hier:

 

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Platz für Ihre eigenen Ideen ?!

Am Ende müssen die Befragten sich nur noch eben statistisch einordnen. Single, feste Partnerschaft oder verheiratet? Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Erneut werden schon in der Umfrage all diejenigen ignoriert, die polyamuröse Partnerschaften leben, neue Partner*innen haben mit denen sie die Kinder großziehen oder die Teil einer Co-Elternschaft sind.

Ich hatte nicht gewusst, dass Geschlecht eine Rolle spielt bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vielen anderen ging es wohl wie mir. Das Internet sagt dazu zum Beispiel:

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oder dieses hier:

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Für mich wurden am Ende mehr Fragen aufgeworfen als ich beantworten konnte. Ich als freie Selbständige, die in einer Patchworkbeziehung lebe und über weiteren Nachwuchs nachdenke, komme in dieser Idee von Familie ja offensichtlich gar nicht vor. All die Alleinerziehenden da draußen sind offenbar auch nicht gefragt. Ich hätte gerne das Feld: “Sonstige Anrgeungen” gefunden. Da hätte ich dann gerne formuliert, dass Menschen in allen erdenklichen oder eben nicht erdenklichen Situationen Kinder bekommen. Diese Kinder sollten alle die gleichen Chancen und Sicherheiten haben. Außerdem hätte ich angeregt, die Grundversorgung aller Menschen im Land zu sichern. Und ich wette, dass die wahren Chancen für Familien eher in der Verantwortung eines Wirtschafts- oder Arbeitsministerium stecken. Fragen wir vielleicht nicht länger danach, wer würdig ist eine Familie zu gründen, sorgen wir lieber dafür, dass der Arbeitsmarkt nicht länger die Würde der Menschen untergraben darf. Dann klappt das mit der Vereinbarkeit von ganz alleine.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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6 Comments

  1. Ich muss auch sagen, dass mir das alles zu eng gefasst ist. Was denn wenn ich gerne einfach nur einen Kitaplatz hätte der bezahlbar ist, und außerdem mit den bestehenden Arbeitszeiten von mir und meinem Mann konform ist? Achja. Gibts nicht. Daher (gezwungenermaßen) Stay At Home Mom. Vereinbarkeit? Neee. *grummel*

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    • Danke für Deinen Kommentar, Katarina. Der hat mich gleich dazu gebracht, in Deinem Blog zu stöbern und Deine Suche nach anderen Eltern ohne Kindergartenplätze auf facebook zu teilen.
      Liebe Grüße!

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    • Herzlichen Dank, Christine! <3

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  2. Also ich verzweifle grad schon auf der ersten Seite! Für mich klingt das nur nach Zukunftsplanung wenn man mal Familie will, aber nicht wenn man schon eine hat. Auf der letzten seite soll man aber Kinder angebrn, wen vorhanden. Was mich aber echt am meisten aufregt ist, dass es total auf das traditionelle Familienbild gestützt ist. Wo bleiben AE’s? Der Fragebogen wird ein falsches Bild der Gesellschaft abgeben, der nicht wirklich die momentan vorranschreitenden Defizite und ohre Problemlagen aufzeigt.

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    • Das ist ja auch so gedacht. Der Fragebogen richtet sich ja an die “Generation Y”. Also tatsächlich geht es um deren zukünftige Kinderplanung.

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