Was gibt ‘s denn da zu Feiern ???

heile Welt?

heile Welt?

 

Ich bin nicht in Festtagesstimmung. Heute ist der 24. Dezember 2011. Seit genau sechs Monaten und einen Tag schreibe ich auf mutterseelenalleinerziehend.de von den Schwierigkeiten und Hoffnungen deutscher AllerzieherInnen. Ein halbes Jahr, in dem ich Statistiken gewälzt, Prozentzahlen veröffentlicht und Berichte über die gegenwärtige Situation verfasst habe. Ein Lagebericht aus der Mitte der Alleinerzieher dieses Landes, ein persönlicher Armutsreport 2011. Denn das erste Resümee – nach einem halben Jahr der Recherche – ist erdrückend:

Deutschland liegt im europäischen Vergleich der Betreuungsangebote noch immer auf dem vorletzten Platz.

Ich weiß es, ich schreibe darüber, ich weiß genau, wovon ich rede. Täglich lese ich die neuesten Meldungen der Tagespresse zum Thema und ich lebe es selbst. Die Schere der Gesellschaft ist wie ein Spagat. Zunächst stellt man die Füße hüftbreit auseinander und spürt gar nichts. Der rechte Fuß rutscht ein wenig weiter, da kann man schon ein wenig spüren, wie der Muskel sich dehnt. Der linke Fuß rutscht auch noch etwas hinaus und man atmet tief ein in den leisen Schmerz, den man da in den Oberschenkeln fühlen kann. Ausatmen und noch ein wenig tiefer und da ist er der Schmerz- Und der Normalsterbliche spürt, dass er es nicht machen kann. Ich kann keinen Spagat. Ich übe mich darin, aber ich schaffe es noch nicht. Es tut einfach zu sehr weh. So wie diese Gesellschaftsschere. Die ist inzwischen auch schon so weit geöffnet, dass ich es merken kann. Und durch die Mitte der Gesellschaft droht sie nun, zuzuhacken. Das dünne Papier zu schneiden – gleich einer Autobahn, die sich zerstörerisch durch ein Wohngebiet wälzt. Und durch noch eins, und noch eins, und noch eins …

Ich kann es inzwischen spüren, was dieser Gesellschaft passiert und es hat mich voll erwischt. Seit 23 Tage leide ich an einem Burn-out-Syndrom . Für mich war dieser Dezember wie ein Adventskalender, bei dem sich hinter jedem Türchen ein ZONK! vesrteckt. Und ich habe eine gewagte Hypothese: Der Kapitalismus hat mich krank gemacht. 
Aber ja, es klingt sehr plakativ. Allein das Wort Kapitalismus tut ja schon beim Aussprechen weh. Da weht ein fauler Nachgeschmack aus dem Verdauungssystem nach Linksextremismus und hippieskem Heile-Welt-Fanatismus, wenn man es in den Mund nimmt. Aber seien wir realistisch: Seitdem Milton Friedmann (“einflussreichster Ökonom des zwanzigsten Jahrhunderts”) die internationalen Regierungen davon überzeugen konnte, die Märkte sich selbst zu überlassen, kann man mit bloßem Auge beobachten, wie sich die Zustände international verschlechtern. Milton Friedmann ist inzwischen tot, sein Erbe ist allgegenwärtig.

Seine Anhänger – unter ihnen Richard Ebeling, Iain Murry, Ken Green und Marlo Lewis – verkünden noch heute erfolgreich die Kunde in alle Welt: Freiheit für das Kapital. Und dabei halten sie sich genau an die von Milton Friedmann verfasste Bibel: Kapital und Freiheit. Ein Werk, in dem das Wort “Freiheit” ganze 374 mal auftaucht und doch jedesmal etwas vollkommen anderes meint als das, was man sich gemeinhin darunter vorstellt. Denn die Freiheit von der Friedmann und seine Jünger sprechen ist die Freiheit für Unternehmen, größtmöglichen Umsatz zu erzielen. Die Freiheit einzelner muss dadurch leider rücksichtslos übergangen werden.

Soweit die Theorie. In der Praxis beobachte ich das Folgende:

Um mich herum ist große Hektik. Jeder ist in Eile und steht unter Druck. Alle rennen durch die Gegend und starren  mit weit aufgerissenen Augen auf die Uhren. Überall sind Uhren und Kalender, alle gehen ständig an ihr Telefon. Wir rennen immerzu dem Geld hinterher. Und dabei verhält sich die benötigte Menge an Geld zum Läufer wie eine Karotte an einem Faden zu einem an den Karren gespannten Esel. Die meisten erreichen nie ein Ziel und rennen weiter und rufen jemanden an oder posten ihren Status bei facebook, um sich nicht einsam zu fühlen. Denn soziale Interaktionszeiten werden mehr und mehr gekürzt durch den Mangel an Geld, der zu einem Mangel an Freizeit führt. Oder zu Minderwertigkeitskomplexen und Depressionszuständen. Zu Burnout und Schlafmangel.

Diese Gesellschaft macht mich buchstäblich krank und ich wage zu behaupten, dass es viele dieser Krankheiten nicht geben müsste, wenn wir wieder zu einem humaneren Wirtschaftssystem finden würden. Die Regierungen müssen lernen, den Mensch in das Zentrum ihrer Bemühungen zu stellen. Ich weiß um die Banalität meiner Idee und eben deswegen muss es möglich sein. Die Märkte müssen wieder reguliert werden. Es muss humane Mindestlöhne geben und Unternehmen müssen sich ab einer gewissen Größe dazu verpflichten, die Kinderbetreuung ihrer Angestellten zu sichern.

Es ist Weihnachten und wir gönnen uns für drei Tage Pause von diesem ganzen Trubel. Nicht jedoch, ohne zuvor noch einmal die Märkte ordentlich angeheizt zu haben. Und unter dem Weihnachtsbaum zählen die großen Unternehmer ihre Extrascheine, die der Dezember eingebracht hat und sehen in eine strahlende Zukunft, während der ein oder andere unter euch unter größten Anstrengungen, ein paar Geschenke für die Kleinen auftreiben konnte. Wenn das das stille Abkommen auf dieser Party ist, dann möchte ich bitte nicht mitfeiern.

Ich wünsche allen meinen Lesern ein stressfreies Weihnachten 2011 und ein GESUNDES Jahr 2012.
Mögen sich alle Eure Wünsche erfüllen und mögen bloß nicht alle Wünsche materialistischer Natur sein. Ich hoffe, dass wir alle unseren Frieden finden und dass wir begreifen, dass Freiheit und Frieden etwas anderes meinen, als das was die Werbeindustrie daraus gezaubert hat. Ich wünsche uns allen, dass wir uns befreien können von falschen Klischees und vorschnellen Meinungen. Ich wünsche mir, dass wir füreinander satt gegeneinander zu kämpfen lernen. Dass wir unseren gemeinsamen Feind erkennen, statt uns weiterhin verwirren und aufeinander hetzen zu lassen. Ich wünschte aus all den seligen Sprüchen dieser Tage würde nur endlich Realität erwachsen.

FRIEDEN AUF ERDEN!
wünscht mutterseelenalleinerziehend.de

 

Und für ein alternatives Weihnachtsfilmprogramm, dass den Geist der Weihnacht doch besser nährt als die Plätzchenmanufakturen RTL und Co. empfehle ich die folgenden Filme:

Die Yes Men regeln die Welt (Dokumentation über eine Netzkunst- und Aktivistengruppe, die große Konzerne mit ihren sog. “Identitätskorrekturen” in handfeste (finanzielle) Schwierigkeiten treibt.

und SHOPPEN BIS ZUM UMFALLEN:
http://www.youtube.com/watch?v=300ZPPDOn64

sowie:

PLASTIC PLANET von WERNER BOOTE
http://www.youtube.com/watch?v=DoNu8hTOBag

 

 

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On