Warum die Sendung “Alleinerziehend-ein 24 Stunden Job” mein Leben als Alleinerziehende nicht besser macht

 

 

Es ist wichtig, sich seine eigene mit unter schwache und verletzliche Position und Hilfebedürftigkeit einzugestehen. Hilfe annehmen zu können ist der daraus folgende, wichtige Schritt, den es braucht, um ein Problem auch langfristig zu lösen. Doch zwischen sich-unter-die-Arme-greifen-lassen  und der Form der Entmündigung, wie sie uns in der RTLII-Sendung Alleinerziehend- ein 24 Stunden Job von einer überforderten und gestressten alleinerziehenden Mutter gezeigt wurde, besteht ein gewaltiger Unterschied. Nein, dieses Format macht die Situation von Alleinerziehenden nicht besser. Es fördert Voyeurismus und Erniedrigung!

Die Super-Nanny für Alleinerziehende titelt das OK!Magazin und auch vor meinem inneren Auge tauchten direkt die grausamen Bilder von Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs auf, die im Verlauf jeder Folge für den Zuschauer gut nachvollziehbar  vom rettenden Engel Katharina Saalfrank  zu besseren Eltern gemacht wurden. Zurschaustellung von familiären Dramen, mit Tränen, Geschrei und passender Musik im Hintergrund. Happy End inclusive. Und das befriedigt nicht etwa die Bedürfnisse der gezeigten Eltern oder Kinder, sondern einzig und allein die des Senders und Zuschauers.

Dabei klang die Berichterstattung zunächst relativ viel versprechend.”Wir wussten nur: Das ist nicht unsere Welt”, wird Jutta Pinzler, die Inhaberin von sagamedia zitiert, als sie nach ihrer Meinung zu Scripted Reality Formaten gefragt wird. Sagamedia produziert die neuen RTLII Sendung. “Aktuell ist eine Art neue Sachlichkeit gefragt”, heißt es weiter. “Es darf wieder ruhiger, langsamer, entdramatisierter werden – alles, damit die Authentizität besser zur Geltung kommt.”

Leider ist Alleinerziehend- ein 24 Stunden Job  nichts davon anzumerken. Schon der Vorspann zeigt augenscheinlich überforderte Menschen zwischen Kind, Arbeit und Haushalt. Schlagwörter wie Arbeit und Stress,  Haushalt und Probleme, Kinder und zu wenig Zeit werden eingeblendet. Doch die Lösung folgt schon am Ende des Vorspanns: Sarah Sophie Koch hilft!

Der formale Aufbau der Sendung  ist dem der Super-Nanny sehr ähnlich. Einleitend wird hier von den Helden des Alltags berichtet, doch  schon zu Beginn wird schnell deutlich, dass als Heldin nicht die alleinerziehende vierfache Mutter Katrin sondern die Sozialarbeiterin Sarah Sophie Koch von der Sendung gefeiert wird. Deutlich wird die Überforderung einer Frau dargestellt, die prekäre wirtschaftliche Situation, der abwesende Kindsvater und das Versagen aller vier Sprösslinge in Schule und Kindergarten ist schnell Thema. Auch die Rollen der Protagonisten sind sofort verteilt. Von der Mutter wird das Bild einer hilflosen, kleinen, unmündigen Person gezeichnet, zu eigenen bewussten Entscheidungen unfähig. Damit wird sie sämtlicher Autorität beraubt. Jede Form des Aktivismus und der Eigeninitiative, sei es bei der Jobsuche oder bei der Kindererziehung, wird ihr abgesprochen. Sarah Sophie Koch übernimmt den aktiven Part wie selbstverständlich.

Durch die Nutzung von Handkameras und einer gewissen temporären Unschärfe der Bilder im so genannten Videotagebuch der Familie wird eine persönliche, einem Privatvideo ähnliche Atmosphäre erzeugt, die durch die musikalische Untermalung noch verstärkt wird. Für den Rezipienten ergibt das eine heimelig anmutende Atmosphäre. Gemütlich kann er sich auf dem Sofa zurücklehnen, und sich an dem vor seinen Augen entspinnenden Drama erfreuen – auf Kosten der Alleinerziehenden  und ihrer Kinder. Durch Rückblenden wird dem Zuschauer die Entwicklung der Mutter Katrin, ergo der Verdienst der Sarah Sophie Koch, veranschaulicht. Scheinbar mühelos gelingt ihr innerhalb von ein paar Minuten eine Analyse aller fünf Familienmitglieder samt ihrer komplexen und schwierigen Situation zwischen Schneidemesser und Frühstücksei am Küchentisch. Zum Ende hin erfährt man dann von der Sozialarbeiterin, dass sie mit der Entwicklung ihrer Schützlinge zufrieden ist. Das Gesamtfazit darf dann wieder Mutter Katrin vortragen: Wenn man es will, schafft man es auch!

Die Sendung verfestigt das ohnehin schon präsente Bild der überforderten, hilf- und vor allem Antriebslosen alleinerziehenden Mutter. Es manifestiert die Hemmschwelle von Alleinerziehenden, um Hilfe zu bitten, aus Angst, sie würden dieses klischeehafte Bild der Sendung erfüllen. Diese Darstellung zementiert sich dann in die Köpfe der Zuschauer und macht aus DEN Alleinerziehenden eine homogene Gruppe von überforderten und zu Entscheidungen unfähigen Menschen, die es so nicht gibt! Positive Bilder? Fehlanzeige! Damit sind entsprechende Reaktionen und Vorurteile alleinerziehenden Menschen gegenüber vorprogrammiert, mit denen sich 1,7 Millionen Menschen dann täglich herumschlagen müssen. Perfekte Stigmatisierung. Vielen Dank, RTLII. Mein Leben als Alleinerziehende macht ihr damit sicher nicht einfacher!

 

Ein Statement von Alexandra Widmer von Stark und Alleinerziehend findet ihr hier.

 

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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3 Comments

  1. Die Sendung hat so viele Logikfehler, da weiß man gar nicht, wie oft man noch sich wundern soll. Grundsätzlich möchte ich mal das ganze Dilemma auf das Thema “Nutella” herunterbrechen. Die Mutter sagt, die Kinder haben schon gegessen. Sie essen als Zwischenmahlzeit ein Nutellabrot. Die Supernanny sagt, Nutella geht nicht. So später dann der Schwenk zur gesunden Ernährung mit dem Vorschlag der Nanny: Frühlingszwiebeln, Zucchini, Bockwurst und Kartoffeln, dazu Gurkensalat. Welches Kind sagt denn dazu “hm lecker!”? Wenn schon gesund, warum dann Bockwurst? Und dann “darf ich die Zucchini da rausnehmen?”

    Dann die Pause und später wird das Thema wieder aufgegriffen. “Die Mutter hat sich angewöhnt, regelmäßig mittags zu kochen.” Aha, gesunder Pfannkuchen mit frischen Äpfeln. Und, wer genau hingesehen hat, mit Nutella.

    Ich wette, die Mutter hat es auch schon vor der Sendung geschafft, einen goldenen Mittelweg zwischen Frühlingszwiebeln und Nutella zu finden.

    Und by the way: Die Mutter hat keine abgeschlossene Ausbildung, dann macht sie einen LKW-Führerschein, dann kriegt sie sofort eine Festanstellung und verdient 1800 EUR netto im Schichtdienst (!!). Wo sind die Kinder dann in der Zeit?

    Wer bringt den Sohn dann zum Fußball und wer wäscht die Wäsche, wenn sie a) liegenbleiben soll, weil die Mutter auch mal mit ihren Kindern spielen soll und b) die Mutter Vollzeit arbeitet? Wenn die Mutter um 21:30 Uhr selber schlafen geht, wann macht sie dann den Haushalt? Wer bringt den Jungen dann zukünftig zur Ergotherapie, freitag vormittags?

    Und warum muss die Lösung des ganzen Problems immer darin bestehen, dass die Mutter sich neu verliebt?

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    • Schichtdienst? Sie arbeitet von 8-14! Uhr als LKW-Fahrerin und ruft zum Ende ihrer Arbeitszeit den Kollegen an, der sie dann selbstredend ablöst. Reality halt 😉

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  2. Vielleicht weil die Serie ein Typischer RTL 2 Müll ist ,mit einer Moderatorin die scheinbar perfekt zu diesem Niveau passt

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  1. Verlieb dich nicht in dieses "Klischee"-Alleinerziehend!-Ein 24 Stunden Job - […] liebe Sarah Wies vom Blog mutt…

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