Von Kindsköpfen mit Wachstumsschüben

DEINE FREUNDE machen Hip Hop und Elektropop für Familien. Sie wollen Kindern das erste richtige Konzerterlebnis schenken: mit ordentlich Bass, ehrlichen Texten und einer schweißtreibenden Bühnenshow. Warum das so viel Spaß macht, erzählen sie im Interview.

Gastbeitrag von Tine Mothes

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Deine Freunde © Michi Schunk

Songs zu schreiben, die aus der Lebenswelt von Kindern und jungen Familien erzählen, das ist doch eine Herausforderung, oder? Immerhin habt ihr selbst noch keine Kinder und eure eigene Kindheit ist auch schon länger her.

Flo: Die ist länger her, aber noch sehr präsent! Das merkt man immer wieder, wenn wir zusammen unterwegs sind: Da geht es ziemlich kindsköpfig zu. Wir erinnern uns noch total gut daran, was uns damals so beschäftigt hat. Außerdem arbeite ich als Erzieher in der Kita und Vorschule, da bekomme ich auch so einiges mit. Es gibt viele Sachen, die für uns damals relevant waren, aber die heute die Kinder immer noch genau so beschäftigen.

Lukas: Wir kriegen auch inzwischen echt viele Tipps, zum Beispiel auf Konzerten. Da heißt es dann:Macht doch mal ein Lied über…

Bekommt ihr Themenvorschläge von Kindern?

Flo: Ja, das passiert ganz häufig. Aber auch von Eltern bekommen wir viele Anregungen.

Lukas: Meine Oma liefert manchmal auch Vorschläge. Die schneidet Zeitungsartikel aus mit relevanten Themen, streicht die wichtigen Stellen an und schickt sie uns mit der Post.

Eure Songs sind oft rebellisch. Im Lied „Hab ich schon gemacht“ gebt ihr etwa Tipps, wie man seine Eltern am besten an der Nase herumführt. Steht dahinter ein Konzept? Seid ihr bewusst antipädagogisch?

Flo: Nee, also nicht bewusst antipädagogisch. Ein bisschen Pädagogik hat es ja sogar. Das ist die Spaßpädagogik! Wir finden einfach, es gibt schon so viel Musik für Kinder, wo immer was erklärt wird, wo sie was lernen müssen, nach dem MottoDie Erwachsenen erklären den Kindern die Welt, wie sie funktioniert und so. Wir hatten einfach Bock Konzerte für Kinder zu machen, wo es tatsächlich um den Spaß geht, wo sie abfeiern können. Lieder, in denen es keinen Lerneffekt geben muss, sondern einfach Spaß! Eine Mutter hat uns mal erzählt, dass die sich total gefetzt haben zuhause, und dann haben sie unser Lied über Streit und knallende Türen gehört (Digge Luft), und plötzlich konnte keiner den anderen mehr ernst nehmen. Dieser Streit war plötzlich vorbei, weil alle sich totlachten. Das ist doch mal ´ne Geschichte. Wenn wir einen Streit beenden können, das ist doch wunderschön.

Lukas: Es ist ja auch spannend, wie das überhaupt entstanden ist. Bei Erwachsenen fragt man ja auch nicht immer nach dem Sinn dahinter, da geht´s ja auch darum, sich mit der Musik zu amüsieren und Spaß zu haben. Genau darum geht es Kindern doch eigentlich auch! Übrigens sind wir gar nicht so antipädagogisch. Die Songs, die wir machen, sind ja sehr wohl moralisch und voller Werte. Zum Beispiel ist Freundschaft immer wieder ein Thema, oder Familienzusammenhalt. Nur eben nicht schönmalerisch, sondern ehrlich. So wie wir es als Kinder empfunden haben und noch heute empfinden. In einem gewissen Sinne ist das durchaus pädagogisch! Meine Oma, die früher als Deutschlehrerin arbeitete, meinte neulich, dass wir einen fantasievollen Wortschatz vermitteln, dass mit uns der deutsche Wortschatz ziemlich gut ausgebaut wird. Auch das wirkt letztlich pädagogisch.

Wer schreibt eure Texte?

Lukas: Hauptsächlich Flo. Ich bin aber beim ein oder anderen Refrain ganz hilfreich.

Flo: Die Themen überlegen wir uns aber zusammen. Ich versuche auf Rap zu bleiben und Lukas macht, dass es schön klingt. Dann schreib ich alles zusammen, und Pauli macht die Musik. Also auch mit Lukas zusammen eigentlich.

Eure Fans werden ja langsam älter. Habt ihr dafür einen Businessplan? Soll eure Musik mit den Zuhörern mitwachsen?

Lukas: Das ist sie ja sogar schon! Wir haben längst gemerkt, dass sich was verändert hat. Im Vergleich zur ersten Tour damals zum ersten AlbumAus´m Häuschen(2012) hat sich unser Publikum total verändert. Die sind einfach ein bisschen größer jetzt. KiTa ist nicht mehr, Grundschule kommt jetzt!

Flo: Wir haben so richtig das Gefühl, dass das Publikum sich jetzt gefunden hat. Wir sind jetzt zwei Jahre mit unserer Musik unterwegs gewesen. Am Anfang dachten wahrscheinlich viele noch so:Was ist das?oder erstmal so:Ist das jetzt ironisch?

Lukas: Und alle so:Ist das jetzt für Erwachsene oder für Kinder?

Flo: Inzwischen haben wir hauptsächlich Kinder im Alter zwischen sechs und zehn. Und ich sag´s ganz ehrlich, es ist uns auch ganz recht. Natürlich wollen wir niemanden ausschließen, aber auf der ersten Tour zum Beispiel hatten wir auch teilweise so dreijährige tapsige Kinder, die dann vor der Bühne so Purzelbäume geschlagen haben. Das war ein bisschen chaotisch.

Lukas: Inzwischen kommen immer wieder auch Kinder, die sagen:Ich hab den Song XY erst vor einer Woche so richtig verstandenoderJetzt weiß ich erst, dass es darum geht, sich nicht immer an Regeln zu halten!Also ja, man kann definitiv mitwachsen.

Bleibt ihr jetzt bei dieser Zielgruppe oder gibt es als nächstes ein Album über Frühpubertät, Mobbing auf dem Schulhof und erstes Verknalltsein?

Flo: Jugendliche sind uns zu anstrengend! (lacht) Nein, wir bleiben genau in diesem Kosmos jetzt, dort fühlen wir uns wohl. Aber wenn wir Songs schreiben, dann haben wir keine Altersgrenzen vor Augen, dann fragen wir uns nicht:Passt das jetzt zu einem Achtjährigen oder nicht?. Stattdessen schreiben wir einfach los, und am Ende schauen wir weiter.

Lukas: Auf dem aktuellen AlbumHeile Welt(2014) gab es durchaus Momente, wo wir überlegt haben, ob das nicht schon zu viel ist. Zum Beispiel haben wir einen Song über Bälle, die für immer auf Hausdächern verschwinden. Im Grunde ein ziemlich trauriger Song, den man, wenn man will, durchaus tiefsinnig interpretieren kann. Aber es gibt auch die Möglichkeit, einfach nur die Melodie gut zu finden, und in ein paar Jahren dann den Text.

Lukas, du warst bis vor kurzem Moderator beim Tigerentenclub. In letzter Zeit haben wir dich dort aber nicht mehr gesehen…

Lukas: Nee, ich hab aufgehört, schon vor einer ganzen Weile. Die von mir moderierten Sendungen liefen zwar noch bis zum Sommer, aber ich hab schon vor einem Jahr aufgehört.

Pauli, du bist Live-DJ beim Projekt „Fettes Brot“. Macht es eigentlich einen Unterschied, wenn man für Kinder auflegt?

Pauli: Nö, find ich eigentlich nicht. Also es ist schon anders natürlich, es ist nicht so schwitzig auf der Bühne. Aber es macht genau so viel Spaß. Es ist sehr ehrlich, das find ich toll. Ein sehr schönes Gefühl, wenn du in die lachenden kleinen Gesichter schaust.

Lukas: Außerdem haben wir das große Glück, dass wir in sehr ähnlichen Räumen spielen. Unsere aktuelle Tour ist fast ausschließlich in Konzerthäusern gewesen, wo auch Erwachsenenbands spielen. Wir haben nicht das Gefühl, dass wir jetzt alles so großartig anders machen. Unsere Musik ist auch sehr ähnlich produziert.

Pauli: Als wir angefangen haben, fand ich´s großartig, auch mal an Orten zu spielen, die man so jetzt nicht kennengelernt hätte. Aber inzwischen sind das hauptsächlich Läden, wo sonst Erwachsene feiern gehen.

Flo: Und das wollen wir ja auch. Das war ja schon immer unser großer Wunsch, dass das für manches Kind vielleicht so das erste richtige Konzerterlebnis wird. Dazu gehört für uns dann auch eine ordentliche Anlage mit bisschen Bass, bisschen Licht, und dann halt auch das ganze Feeling, ne! Wir haben schon in Jugendzentren gespielt, das kann man auch zwischendurch immer mal so machen. Aber eigentlich wollen wir den Kindern möglichst das erste richtige Konzerterlebnis verschaffen.

Lukas: Es ist total schön zu sehen, wie man immer sicherer wird. Wir haben ja gemerkt, das war in der Theorie alles ganz schön, als wir «Aus´m Häuschen» aufgenommen haben. Aber es ist total schön zu sehen, dass es in der Praxis auch klappt. Und dass es auch immer größer wird. Weil wir aus Hamburg kommen, ist es dort ja sowieso schon ein bisschen größer, aber wenn wir jetzt auch in Köln und Berlin ausverkauft spielen können, ist das natürlich genial. Auch weil es nicht wirklich ein Vergleichsprodukt gibt. Es gibt Kindertheater oder auch Kindermusicals durchaus auch in größerem Rahmen, aber richtig große Konzert, auch mit ein bisschen Bass, und auch mal ein bisschen lauter: Dass wir das dürfen und machen können, ist schon echt geil.

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Wie ist es, nachmittags Konzerte zu geben? Gibt es da einen Unterschied?

Lukas: Man kommt früher ins Bett.

Flo: Es gibt weniger nervige Warterei vor allem. Also ich bin zum Beispiel echt bisschen ungeduldig manchmal und ich find´s total super, dass man jetzt nicht den ganzen Tag hier abhängen muss, bis man spät abends dann endlich spielt. Wir kommen eigentlich immer irgendwo hin, bauen auf, machen den Soundcheck und dann geht´s auch gefühlt kurz danach schon los. So hat man immer was zu tun, das ist dann nicht so langweilig.

Pauli: Bei Erwachsenenkonzerten ist es halt so, man kommt irgendwann am Vormittag an und wartet dann 10 Stunden rum. Aber hier geht das alles in einem Rutsch.

Lukas: Auch wenn es ein bisschen stressig nach Zeitplan geht dann manchmal. Unsere Crew hat sich ja auch vergrößert. Inzwischen sind da ja auch einige Leute dabei, die auf Tour für und mit uns arbeiten. Wir haben einen eigenen Lichtmann, einen eigenen Tonmann, einen Manager. Also es wird natürlich schon auf uns aufgepasst, aber wir sind inzwischen auch schon ein bisschen zu groß, um alles nur irgendwie zu machen. Wir haben übrigens für unser Team gerade einen Preis gewonnen. Den Hamburger Musikpreis. Da ist das ganze Team um die Band ausgezeichnet worden für die Entwicklung über die Jahre. Das war für uns alle total gut, weil wir daran noch mal gemerkt haben, dass die Branche auch sieht:Hey, die haben sich wirklich was ausgedacht!undDa passiert wirklich was. Bei uns schaut niemand von oben drauf. Wir können uns zu dritt die Sachen, die wir auf der Bühne machen, ausdenken. Die beschreiben wir unserem Team und dann überlegen die gemeinsam mit uns, wie wir das umsetzen.

Flo: Wir sind sechs kleine Jungs, die das Ding hier rocken. Mehr Leute haben wir nicht, ne. Und das find ich gut. Dass das so ne kleine Live-Familie ist und das jetzt nicht mit so viel Trara, sondern ein kleines Team und jeder hat seine Aufgaben, das macht Spaß.

Geht euch der ganze Kinderquatsch eigentlich manchmal auf die Nerven?

Flo: Nö! Man muss mit Kindern eigentlich nicht anders sein als mit Erwachsenen. Also den Ab-18-Humor, den heben wir uns natürlich für die Rückfahrt auf. Aber ansonsten switchen wir doch unsere Persönlichkeit nicht völlig, bloß weil Kinder vor uns stehen. Sondern wir schnacken schon mal mit denen. Ganz entspannt. Wir müssen nicht in irgendeine Rolle schlüpfen.

Lukas: Ich hab jetzt auch nicht das Gefühl, dass unsere Konzertbesucher uns als Kinder wahrnehmen oder so was. Es gibt ja oft dieses Phänomen, wenn man Kindermusiker oder Leute, die im Fernsehen was für Kinder machen, sieht, dass die sich dann so eine Maske aufsetzen. Und das müssen wir nicht. Übrigens, dieser Humor, den wir da auf der Bühne machen, dieser Nicht-Humor, das ist für mich die höchste Form des Humors. Weil man muss nicht zynisch sein, man muss sich keine blöden Pointen ausdenken, sondern man schafft einen Humor, der sowohl einen Sechsjährigen als auch einen Sechsundfünfzigjährigen treffen kann. Dadurch macht man es sich nicht unbedingt leichter.

Lasst uns ein Spiel spielen.. Bitte beendet die folgenden Sätze!

Als ich klein war, wollte ich…“

Lukas: Lokomotivführer werden!

Flo: Tatsächlich Milch verschütten. Also ich habe am Tisch immer gekleckert und dann gab´s Ärger mit Mama. Dann hat sie gesagt:Das kannst du alleine machen, wenn du 18 bist. Und dann hab ich immer gedacht: Wenn ich 18 bin, dann verschütte ich meine Milch. Ich dachte, das wäre ne gute Idee. Jetzt bin ich weit über 18 und habe doch nicht so viel Bock drauf.

Pauli: Ich wollte immer auf großen Bühnen stehen!

Wenn ich mir eine geheime Superkraft wünschen könnte, dann wäre das…

Lukas: Ich würde die Zeit zurückdrehen.

Flo: Fliegen, sofort!

Pauli: Ich würde mich gerne von einem zum anderen Ort beamen können.

Lukas: Und wo willst du landen?

Pauli: Zuhause. Schlafen.

Lukas: Er hat die krasseste Fähigkeit und nutzt die nur dafür, um im Bett zu landen (alle lachen)

Wir machen Musik für Kinder, weil…

Lukas: Weil es Zeit war.

Flo: Und weil es wahnsinnig viel Spaß bringt.

Pauli: Es macht wirklich Spaß. Man muss nicht so viel dabei nachdenken, man macht´s einfach.

Lukas: Und weil wir uns halt auch so wundervoll verstehen. Wir kennen uns schon sehr viel länger als es die Band gibt und haben das Glück, dass wir auch privat Freunde sind. Das Ding ist: Bei Musik für Kinder geht man ein kleines bisschen anders ran als wenn man jetzt das superneue Hype-Projekt machen will, und besser als alle anderen, und es darf bloß nicht poppig oder bloß nicht zu hiphopig sein. Stattdessen gehen wir da völlig frei ran und die Musik ist so, wie wir uns das vorstellen. Wir sitzen nicht stundenlang da und zerbrechen uns die Köpfe. Es gibt keinen Think Tank.

Pauli: Es gibt keine Single Veröffentlichung, wo jemand Stress macht:Bis zu diesem Termin muss das Ding rauskommen!, und dann hört nach spätestens drei Wochen kein Mensch mehr das Album. Das ist irgendwie auch sehr schön an diesem Bereich, dass man da so unabhängig kreativ sein kann.

Lukas: Man kann sich auch musikalisch so schön austoben. Wenn wir Lust auf Big Band Sound haben, dann machen wir das einfach. Und wenn wir so Techno-Synthies in die Musik verwursteln, dann sagt uns dann kein böser Musikredakteur:Das dürft ihr aber nichtoderIhr habt eure Seele verkauft. Wir können einfach alles machen was Spaß macht.

Was sind eure Pläne für 2015? Geht ihr wieder auf Tour? Dürfen wir uns auf ein neues Album freuen?

Flo: Wir wollen eine neue Platte machen, die soll im Herbst rauskommen. Im Frühjahr fangen wir mit den Aufnahmen an, aber wir schließen uns jetzt nicht komplett ein und verschwinden auch nicht komplett von der Bildfläche. Wir werden auch weiter Konzerte spielen. Also wir werden weiter unterwegs sein. Darauf haben wir große Lust. Und wir wollen noch viele, viele weitere CDs machen.

Lukas: Wir hatten gerade auch die schöne Aufgabe, ein Kindertheaterstück zu schreiben für das Kreuzfahrtschiff AIDA. Da gehen wir ab März für vier Tage noch mal mit aufs Schiff und erleben dort die Premiere. Unser Stück fährt für zwei Jahre auf zehn Schiffen durch die Welt, wird von den Kindern an Bord innerhalb von einer Woche gelernt und am Ende immer vor den Eltern aufgeführt. Unsere Aufgabe war es, dafür die Songs zu schreiben, das Rahmenkonzept, die Visualisierung und so weiter. Das war quasi wie ein Album.

Flo: Ja, das war auch viel Arbeit

Lukas: Das kommt leider nicht ganz öffentlich raus, man kann´s aber dann auf dem AIDA-Schiff und eventuell auch online kaufen. Das war jetzt so die Aufgabe der letzten Monate. Und als nächstes kommt ein neues Album. Die Leute von AIDA haben uns schon ganz früh unterstützt. Die haben uns schon eingeladen, als wir noch gar nicht bekannt waren. Deshalb sind wir denen zu langer Dankbarkeit verpflichtet.

Das bin ich euch auch! Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Tine Mothes. Sie hat eine heimliche Schwäche für Kinderkram. Warum DEINE FREUNDE für sie wie die großen Brüder sind, die sie sich immer gewünscht hat, könnt ihr hier lesen.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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