Von Kackehaufen und Smartphones

Alles begann mit einem Haufen Scheiße. Dieser Haufen war plötzlich von immenser Wichtigkeit. Meine Tochter wollte ihn unbedingt haben und gab mir dafür sogar fast zwei Euro. Das ist eine Menge Geld für sie. Sie machte diese Bitte, bitte-Nummer mit den Engelsaugen und den hundert Versprechen und dieser plötzlich enorm ansteigenden Höflichkeit. Mein Kind versprach mir die Welt, wenn es nur bitte für 1,79 Euro einen Haufen Scheiße würde auf mein smartphone laden dürfen. Ich stimmte zu und entdeckte eine neue Welt. Das Gefühl, in einen Haufen Kacke getreten zu sein, werde ich seither nicht mehr los.

IMG_0652Ich habe bisher immer völlig unüberlegt abgelehnt, wenn meine Tochter mal wieder den Wunsch nach einem Smartphone äußerte. Mir ging es dabei meist eher darum, dass meine Tochter ein Kind ist mit ihren zehn Jahren und dass sie darum ihrer “Pflicht” nachkommen muss, im Dreck zu spielen und dabei die Dinge in ihren Hosentaschen zu zerstören. So läuft es hier auch. Die Dinge in ihren Taschen gehen spätestens dann kaputt, wenn sie sie gemeinsam mit den dreckigen Hosen zur Wäsche tut und mal wieder vergisst, ihre Heiligtümer aus den Taschen zu kramen. Mein Kind ist zehn Jahre alt, setzt täglich etwa das fünffache meiner eigenen Energie um, springt, rennt, fällt hin und bricht Dinge durch, auf denen man nicht hüpfen sollte oder bricht mit Dingen zusammen, die offenbar nicht zum Anlehnen gedacht sind. Dabei kann sie eine Menge lernen. Ein Smartphone – ganz praktisch gedacht – würde bei ihr wohl keine zwei Wochen halten.

Aber wenn es denn doch hielte. Gerade, weil es ihr ja so heilig ist und sie vermutlich jede Sekunde daran denken würde, dann brauche ich immer noch nicht viel über Smartphones zu forschen, um mir vorstellen zu können, dass ein funktionsfähiges Smartphone für meine Tochter sogar noch schlechter wäre als ein kaputtes. Ich dachte, sie würde doch dann immerzu dem Reiz dieses Gerätes ausgesetzt sein. Auf dem Spielplatz würde sie dann nicht mehr über diese schwarze Gummiplane hüpfen, sondern sie würde vielleicht darauf sitzen und doodlejump spielen. Doodlejump ist eine der apps, von denen sie mir schon so viel erzählt hat. Wo ein seltsames Wesen auf dem Bildschirm herumhüpft. Wenn ich an Smartphones und Kinder denke, dann stelle ich mir immer vor, dass sie plötzlich in bewegungsloser Starre verharren und ihre Aktionen von Avataren ausführen lassen. Dass sie ihr Leben in einen virtuellen Raum verlagern und aus der analogen Welt gelöscht werden. Bis zu dem Haufen Unrat war meine Ablehnung jedenfalls immer eher ein Instinkt als ein konkretes Wissen um eine Gefahr. Nun, da der Haufen sich in unser Leben gedrängelt hat, sehe ich diese Gefahr.

Der TOPRUNNER unter den Kinderargumenten schlechthin ist schon immer und wird immer sein: “Der, die, die, die, die und der haben/dürfen das auch.” Und wenn wir auch noch so beharrlich antworten, dass uns überhaupt nicht beeindruckt, wie andere Gärtner ihre Rosen düngen, so bleibt es ja doch immer hängen bei uns und wir überprüfen ständig, ob das Kind vielleicht doch inzwischen alt genug ist und wir das nur noch nicht mitbekommen haben. Mich nervt es, wenn ich wieder mal höre, dass ein Großteil der Klasse über irgendetwas verfügt, was ich für meine Tochter nicht für richtig halte. Laut ihr haben mindestens zehn ihrer Mitschüler*innen ein Smartphone. Einige von denen schreiben mir hin und wieder Whatsapp-Nachrichten. Das ist also keine Erfindung meiner Tochter. Das ist schon so.

Weil meine Tochter den Haufen selbst bezahlt hat, habe ich ihn ihr erlaubt. Sie lud ihn auf mein Telefon und kümmerte sich um ihn. Pou, so heißt der kleine Scheisser, muss gefüttert und gewaschen werden, man muss mit ihm spielen und ihn schlafen bringen und aufwecken. Wie ein kleines Tamagotschi eben. Pou nennt jeden Hein und schickt sms, so genannte Push-Benachrichtigungen, wenn ihm etwas fehlt. “Hein, I’m hungry. Give me food.”

Hätte meine Tochter ein eigenes Smartphone, dann würde ich wohl nicht merken, wie sie den Haufen füttert und wäscht, ich wüsste vermutlich auch nicht, welche apps sie noch so runterlädt den ganzen Tag. Ich würde mich von außen nur über ihre Nervosität wundern und dann würden wir uns ständig streiten, weil sie mit ihrem Kopf immer nur bei diesem Gerät wäre und ich würde es nicht verstehen. Doch der Haufen spricht immer mich an und nun weiß ich Bescheid und werde rasend vor Wut auf die Spieleentwickler und darüber, dass ihnen niemand einen Riegel vorschiebt.

Der Haufen braucht ständig meine Aufmerksamkeit. Wenn ich sie ihm nicht gebe, geht es ihm schlecht. Das Handyspiel fordert meine Verfügbarkeit. Permanent. Als Erwachsener kann ich mich vielleicht dagegen entscheiden. Aber nun da ich weiß, wie anspruchsvoll dieser Dreckshaufen ist, würde ich da meiner Tochter sagen wollen: “Sch*** doch drauf! Lass ihn doch verrecken!”? Für das Kind mit dem Smartphone ist der Haufen sein Haustier.  Mein Kind entwickelt Gefühle für dieses Spiel und verhält sich fürsorglich. Ich habe mir nach dieser Erfahrung mal noch einige andere der Spiele angesehen, die als apps angeboten werden. Meine Tochter kennt eine Vielzahl davon aus ihrem Umfeld. Und sie alle haben das eine gemeinsam:

Sie sind kein Spiel. Sie wirken ernst und machen sich wichtig, sie fordern permanente Verfügbarkeit und machen eigentlich überhaupt keinen Spaß. Sie bieten keine Entspannung oder Zerstreuung, sondern fordern meine Konzentration und meine Disziplin. Ich muss ständig Kühe melken, einen Haufen Kacke waschen, ein Stockwerk bauen, ein Zimmer rennovieren, Züge auf die Reise schicken undsoweiter. Wenn ich nicht ständig reagiere auf die Wünsche meines Smartphones, verdiene ich kein Geld oder mein Haustier wird krank. Wenn ich nicht ständig mit dem Haustier spiele, habe ich dann auch kein Geld für eine Medizin. Ähnlich ergeht es meinem Bauernhof, meiner Stadt, meinem Hochhaus und der Fülle all der anderen “Spiele”. Sie machen keinen Spaß mehr, wenn man nicht alle fünf Minuten irgendwo irgendeine virtuelle  Handlung vollzieht. Das Gerät fordert somit eine permanente Aufmerksamkeit unserer Kinder. Was sie da spielen, sind gar keine Spiele, sondern bitterer Ernst. Wenn wir früher Computer spielten, hatten wir die Chance auf ein Erfolgserlebnis. Das, was unsere Kinder heute auf den Handys spielen, gibt ihnen nichts von dem, was wir darunter verstehen.

Übertragen auf zum Beispiel Pacman, dieser würde heute vermutlich so entwickelt werden:

Pacman frisst Punkte und wird dabei gejagt. Alle vier Stunden (Und Spielzeit endet heute nicht, wenn Du das Spiel aussachltest. Die Spielzeit der Handyapps ist die Echtzeit) hat Pacman die Chance auf ein Sonderlevel. Die Punkte, die er in diesem Level einsammelt, werden auf die nächsten Spielbretter verteilt. Wenn er in den Sonderleveln nicht genügend Punkte frisst, erlebt er irgendwann Level ohne Punkte. Er kann nichts einsammeln, wird nur gejagt und hat keine Chance mehr Geld und Punkte oder Obst einzusammeln. Es erscheint dann aber die Lösung per Pop-up: Du kannst neue Punkte kaufen!

Alle Spiele bieten mir diese Alternative. Ich kann entweder permanent aufpassen und spielen und mir mühsam den Erfolg erarbeiten oder ich erhalte die Pop-up-Nachricht, dass ich Punkte/Geld/Karotten/Heiltrunks/etc. einkaufen kann. Dabei fällt auf, dass die Spielwährung eine äusserst harte ist. Ihr Wechselkurs ist immer sehr schlecht und ich muss schon mindestens 8 echte Euro ausgeben, um für mein getauschtes Spielgeld irgendetwas zu erreichen.

Diese Vorstellung gruselt mich. Meinem Kind wird doch hier der Spielraum gekürzt. Von einem Spiel erwarte ich, dass es mein Kind mal anregt und mal beruhigt, mal entspannt und zerstreut und mal soll es sie auch bilden oder ihr neue Fragen stellen. Das, was unsere Kinder auf ihren Smartphones haben, nennen wir leichtfertig “Handyspiele”. Aber es ist wirklich alles andere als das. Im Hintergrund lachen sich die Spieleentwickler ins Fäustchen und in unseren Kinderzimmern sitzen die gestressten Endnutzer und ackern, was das Zeug hält für den Sonderbonus. Und damit unterbrechen sie das, was wir mühsam zu erarbeiten versuchen mit unseren Kindern.

Wir wollen Räume schaffen. Die Achtsamkeit verlangt ihren Raum. Und darum wollen wir, dass es Zeiten gibt, in denen wir essen, Zeiten, für die Hausaufgaben, Zeiten zum Spielen, etc. Wir versuchen Bewusstsein zu schaffen für unser Handeln und verlieren dabei allerdings jede Chance, wenn es permanent vibriert in den Hosentaschen unserer Kinder. Während des Essens, bei den Hausaufgaben und sogar, wenn sie schlafen. Ich verstehe jeden Eltern, der wütend wird, wenn das Kind beim Essen das Gerät zur Hand nimmt oder während eines Gesprächs. Wir sollten uns dringend beherrschen in diesen Momenten und ein längeres Gespräch mit unseren Kindern in Angriff nehmen über diese angeblichen Spiele. Und wir müssen ihnen Alternativen anbieten. Was wir nicht dürfen, ist wütend zu werden auf unsere Kinder. Sie haben diesen Unsinn nicht entwickelt, sondern fallen ihm nur zum Opfer.


STOPPOK – SCHEIßE AM SCHUH

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Krass.Meine Schwester, eine erwachsene Frau, hat dieses “Spiel” auch.Ich hab zwar schon immer gedacht, dass das irgendwie bescheurt ist, aber in welchem Ausmass hat mir jetzt erst dieser Artikel gezeigt.Das ist schon richtig schlimm.Vor allem, weil sich, wie du schreibst/Sie schreiben,Kinder viel weniger solchem Zeug entziehen können (ich hoffe ich hab das richtig verstanden). Auf jeden Fall mal wieder echt hart, wie egal der Mensch ist, und wie wichtig das Geld.Guter Artikel!Grüße

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