Und wenn der Neue kommt

 

Gastbeitrag von Melanie Makoe

Mutterseelenalleinerziehend zu sein ist kein Zuckerschlecken. Es ist nicht nur der Alltag, den wir als Mütter überwiegend alleine stemmen (es sei denn, wir befinden uns bei Trennung im Wechselmodell, bei dem der Vater das Kind die Hälfte der Zeit über bei sich hat. Dieses Modell ist allerdings noch nicht sehr verbreitet), das Job-Problem oder der häufig fortwährende Stress mit dem Ex-Partner (und seiner neuen Familie). Es ist auch die Angst vor einer ungewissen Zukunft in beruflicher, aber auch privater Hinsicht:

Werde ich jemals wieder einen neuen Partner/eine neue Partnerin finden ? Habe ich dann wieder eine heile Familie, wie ich sie mir (vielleicht) immer noch wünsche? Was, wenn der neue Partner mein Kind nicht akzeptiert? Nimmt mich überhaupt jemand mit einem Kind?

Wie es im Leben immer ist, sehe ich persönlich die Zeit des Alleinerziehend-Seins in der Retrospektive in durchaus positivem Licht. Es war trotz aller Hürden eine Zeit, in der ich eine weitestgehend ausschließliche Beziehung zu meinem Kind hatte. Ich hatte meine persönlichen Erziehungsvorstellungen, die ich konsequent umsetzen konnte es sei denn, der Vater machte etwas anders als ich. Das fiel aber nicht so stark ins Gewicht, da meine Tochter im Schnitt „nur“ alle 14 Tage bei ihm war. Ich war zwar tagsüber sehr beschäftigt und gestresst, aber gestaltete meine Freizeit mit meiner Tochter wie ich wollte. Wenn ich sie aus der Kindertagesstätte abholte, hatten wir Zeit für uns. Wir gingen Enten füttern, auf den Spielplatz oder stöberten in Büchern. Abends, wenn sie im Bett war, hatte ich Zeit nur für mich allein. An den Papa-Wochenenden konnte ich lesen, Freunde oder Verwandte treffen, Hobbies nachgehen oder mal nach Männern schauen. Das war doch eigentlich gar nicht so schlecht!

Dann kam ein neuer Mann in unser Leben und alles änderte sich. Hals über Kopf stellte ich den Mann meiner Tochter vor. Sie fand das am Anfang ganz lustig, denn sie bekam viel Aufmerksamkeit von ihm. Er legte sich wirklich ins Zeug: Dinosaurier-Park in Potsdam, Kinderkonzerte, Kindermuseum….er malte mit ihr, musizierte, bastelte. Toll! Das entlastete mich und ich begann, mich wieder „heil“ zu fühlen. Mutter, Vater, Kind. Dass der Mann nicht der leibliche Vater war, störte zumindest nicht mich. Der leibliche Vater hatte als Beziehungspartner für mich ausgedient und spielte „unter ferner Liefen“ für meine Tochter eine Rolle, aber ich war nur allzu bereit, ihn zu ersetzen. Wir liefen alle Hand in Hand durch die Gegend, küssten uns und waren glücklich. Das ging ja ganz einfach! Weit gefehlt!

Der Mann begann nach nur fünf Monaten, meine Tochter zu maßregeln. Sie solle sich ihrer Mutter gegenüber ordentlich benehmen und nicht einen solch unverschämten Ton an den Tag legen! Warum nimmt „das Kind“ sein Basecap nicht ab, wenn „es“ am Tisch sitzt? Im Restaurant zu schlürfen geht gar nicht und dieses Mäkeln am Essen nimmt nun ein Ende! Wieso verbündet ihr euch eigentlich beim Spielen immer gegen mich? Und dieser unverschämte Vater hat „das Kind“ schon wieder viel zu spät aus dem Urlaub zurückgebracht! Ich fühlte mich zwischen Baum und Borke. Ich wollte die neue Liebe nicht verlieren (und damit meine Illusion auf eine heile Familie), wollte aber mein Kind gegen diese „Erziehungssattacken“ verteidigen. Meine Ausschließlichkeit zu meinem Kind wollte ich auch nicht recht aufgeben. An freien Tagen beanspruchte mich nun der Mann, obwohl ich häufig dringend Erholung gebraucht hätte (statt im Bett zu lesen, rannte ich nun abends durch die City), Wochenenden waren keine Quelle der Ruhe mehr für mich. Der neue Mann fühlte sich ausgegrenzt. Er merkte, es gab noch einen leiblichen Vater im Herzen des Kindes. Dieser Vater im Herzen des Kindes überlagerte alles, was wir gemeinsam veranstalteten. Meine Tochter wurde eifersüchtig auf den „Neuen“, da sie vorher viel mehr Zeit mit mir verbracht hatte. Ein neuer Partner war für sie lediglich jemand, der Mama glücklich machte, aber für sie (zumindest in diesem Stadium) keinen weiteren Zugewinn mehr darstellte. Er wurde eher lästig. Diese bittere Erkenntnis traf mich wie ein Blitz: Ich konnte die Vergangenheit nicht ausradieren und den Vater nicht ersetzen. Der neue Mann wollte viel zu schnell der neue Vater sein und als er merkte, dass das eine Illusion ist, wurde er reizbar und unzufrieden. Als er dann auch noch selbst ein Kind wollte, war ich dazu nicht bereit. Wir hatten ja nicht einmal mit dem ersten Kind Frieden gefunden. Die Beziehung ging – neben anderer Schwierigkeiten – in die Brüche. Wir waren so ziemlich in alle Patchwork-Fallen getappt, die man sich nur so vorstellen kann. Ich hatte den Mann viel zu schnell meinem Kind vorgestellt! Ich wollte eine „heile“ Familie, die es in dieser Form aber nicht mehr geben würde. Was Patchwork genau bedeutet, wusste ich damals nicht. Der neue Partner kann den Vater nicht ersetzen, es sei denn, dieser spielt keine Rolle mehr im Leben des Kindes (weil weggezogen, tot oder nicht umgangsberechtigt aus welchen Gründen auch immer). Der neue Partner wollte zu schnell an der Erziehung mitwirken! Neue Partner sind aber keine Eltern. Sie sollten sich zunächst zurückhalten, die Gepflogenheiten der Eltern-Kind-Beziehung respektieren und sich dann, mit wachsender Beziehungsintensität, behutsam und Schritt für Schritt einbringen. Sie sollten dabei aber im Wesentlichen die Entscheidungen der leiblichen Eltern unterstützen, wobei sie natürlich als Ratgeber fungieren und das auch oft sehr gut können, da sie viel mehr emotionalen Abstand haben. Eine absolute „Ausschließlichkeit“ mit dem eigenen Kind ist nicht mehr möglich, wenn ein neuer Partner im Spiel ist, da dieser nach einer gewissen Zeit auch ein Mitspracherecht bekommen sollte.

Ich baute keine Zeitfenster für meine Tochter mehr ein, weil ich dachte, wir waren eine neue Familie. Meine Tochter hätte aber weiterhin freie Zeit nur mit mir allein gebraucht. Für mich selbst hätte ich auch besser sorgen müssen, in dem ich mir trotz des neuen Partners und des Kindes Zeit nur für mich allein hätte nehmen sollen. Ganz so wie es heute der Fall ist. Ich habe sogar noch eine zweite Tochter bekommen mit einem Mann, der selbst schon ein Kind hat. Das ist alles nicht immer einfach, aber eine Sache habe ich gelernt: Eine Familie (ob Patchwork oder Kernfamilie) muss nicht immer alles zusammen machen und die Beziehungen der Mitglieder zueinander sind sehr verschieden! Gerade im Patchwork haben die Mitglieder oft ein schlechtes Gewissen den anderen gegenüber, dass diese zu kurz kommen. So sorgt der Vater sich, dass das Kind aus der ersten Beziehung zu kurz kommt. Die Mutter sorgt sich, dass ihr Kind nicht genug Zeit mit dem leiblichen Vater abbekommt oder das Kind sorgt sich, dass es einen der beiden Elternteile unglücklich macht, wenn es „zu selten“ da ist. Diese Gefühle und Sorgen sind real und manchmal begründet. Manchmal nicht. Man kann es aber nicht mehr allen recht machen, denn ein Flickwerk ist eben ein fragiles Gefüge. Damit muss man leben lernen. Vor allem die Kinder müssen dringend geschützt werden und dürfen sich nicht schuldig für Befindlichkeiten von Erwachsenen fühlen! Sich selbst und den leiblichen Kindern Zeit und Raum geben, wo man kann – leibliche Elternteile respektieren und auf ihren Plätzen belassen – seinen eigenen Platz im Patchworkgefüge finden… das ist es, worauf es nach einer Trennung in Verbindung mit neuen Partnern ankommt. Der Platz eines Stiefelternteils kann auch angenehm sein. Er muss nicht nur mit Nachteilen im Vergleich zu leiblichen Eltern einhergehen. Man kann sich nach eigenem Gutdünken auch mal rausnehmen, muss nicht immer dabei sein, wenn das Kind zu Besuch kommt (zumindest als Stiefmutter), hat meistens einen objektiveren Blick auf Erziehungsfragen und wird daher sogar manchmal zuerst von den Stiefkindern bei Problemen angesprochen. Wir müssen lernen, das Gute im Patchwork zu erkennen, damit der Wechsel von „alleinerziehend“ zum „Patchwork“ gelingen kann! Eine 70%ige Trennungsquote in Patchworkfamilien muss nicht sein!

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Melanie Makoe ist Autorin und Psychologin. Sie schreibt über den Alltag in ihrer Patchworkfamilie.

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Für weitere Infos: Das Patchworkfamily-Notfallbuch von Melanie Matzies-Köhler und Mama goes Patchwork – Meine Top 10 Denkfehler von Melanie Makoe (Matzies-Köhler, nur ö=oe)

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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4 Comments

  1. Ich gebe dir absolut Recht Melanie- eine 70% Trennungsquote muss nicht sein, wenn alle Alleinerziehenden dein heutiges Wissen um mögliche Fehler vorab hätten. Ein sehr lesenswerter Artikel, nicht nur für Alleinerziehende, sondern auch für alle, die schon ins Abenteuer Patchwork gestartet sind.

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  2. Oh, ein schwieriges Thema. Ich selbst bin noch lange nicht so weit, dass ich mir einen “neuen Mann” wünsche.. bin gerade ganz zufrieden mit uns alleine (meinem Sohn und mir)… Aber irgendwann kommt das sicher auch auf uns zu.
    Und klar, da gibt es sicher viele Fallen. Aber gibt es denn Standard-Regeln? Hätte es nicht auch sein können, dass es trotz der “Fehler” klappt?

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  3. Dass ein Vater tot ist, bedeutet keineswegs, dass er im Leben des Kindes keine Rolle mehr spielt. Es wäre, im Gegenteil, eher bedenklich, täte er das nicht. Tot ist nicht gleich “weg”.

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    • Oh ja, Andrea, das stimmt natürlich…Ich meinte das eher in Bezug auf “tatsächliche Präsenz” im Alltag. Entschuldige….

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