Umso mehr Arbeit, desto weniger Geld

Gastbeitrag von Tilla P.

Tilla P. ist alleinerziehende Mutter dreier Kinder zwischen 12 und 19 Jahren, arbeitet als Betreuungsassistentin und kommt auf keinen grünen Zweig. Obwohl auch der fleißige Sohn mitarbeitet und neben seinem Praktikum zur Studienvorbereitung noch in zwei Jobs Geld erwirtschaftet, wird der Familie von ihrem Geld soviel von ihrem Hartz-IV-Regelsatz abgezogen, dass sie weniger haben als Familien, in denen die Kinder nicht arbeiten. Heute rechnet sie uns vor, wie monatlich ihr Geld schwindet.

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Ich war bei der Trennung 45 Jahre alt und bin mit den drei Kindern (damals 13, 10 und 6 Jahre alt) wieder in meinen Heimatort gezogen.
In meinem erlernten Beruf als medizinische Fachangestellte bekam ich keine Stelle, da ich eine “Familenpause” von 13 Jahren gemacht hatte.
In dieser Familienpause habe ich in den beiden Gastronomiebetrieben mitgearbeitet, die mein damaliger Mann und ich aufgebaut haben.
Mit der Trennung gab es auch diese Betriebe nicht mehr, der Vater meiner Kinder hat sich ganz arm gerechnet und bezieht seit nunmehr 6 Jahren Hartz 4 ohne eine Arbeit aufgenommen zu haben.

Ich bin also bei der Arge gelandet.
Der erste Job, den ich gemacht habe, war eine Putzstelle in einem Restaurant, da habe ich die Toiletten und die Küche geputzt.
Auf 400 Euro Basis.
Die beiden jüngeren Kinder bekamen noch UIVG.
Eine Unterhaltsverhandlung gab es auch.
Der Richter beschloss, das dem Vater, da er durch seine 15 Jahre Selbständigkeit schwer vermittelbar sei, ein fiktives Einkommen zugrunde gelegt wurde und er zu einer Unterhaltszahlung von 60!! Euro monatlich für alle drei Kinder zusammen verdonnert wurde.
Diese 60 Euro hat er bis heute nicht einmal gezahlt.
Es gibt mittlerweile mehrere Offenbarungseide (Ein Offenbarungseid, bzw. eidesstattliche Versicherung leistet man gegenüber Gerichtsvollziehern. Es bedeutet, dass man für lange Zeit nicht gepfändet werden kann).Am schlimmsten aber fand ich den Satz in dem Beschluss, der aussagte, das ja auch keine Eile bestehe, da die Kinder durch Sozialleistungen aufgefangen seien.

Eine Umschulung zur Altenpflegerin wurde mir verwehrt mit der Begründung, dass ich zu alt sei. Ich habe schließlich in einem Altenheim als Pflegehelferin gearbeitet und man bot mir eine Ausbildungsstelle an. Auch das wurde mir vom Jobcenter nicht erlaubt, da ich ja bereits eine abgeschlossene Ausbildung habe. Sollte ich die Ausbildung beginnen , würde man mir sofort jegliche Leistungen streichen.

Heute arbeite ich als Betreuungsassistentin, kämpfe immer noch dafür, eine
solide Ausbildung machen zu können, damit ich raus komme aus den Sozialleistungen.
Ich verdiene nicht genug, um die Familie ernähren zu können und bekomme aufstockend Alg2, somit leben wir am Existenzminimum.

Mein Sohn hat gerade sein Abi absolviert und macht nun ein Praktikum zur Studiumsvorbereitung. Doppeljahrgang und NC, das ganze Programm.
Er wird 30 Stunden in der Woche arbeiten und verdient dann 200 Euro. Zusätzlich hat er noch einen Job in der Gastronomie, wo er 150 Euro verdient. Zusammen macht das 350 Euro Einkommen monatlich, 100 Euro darf er behalten, von den restlichen 250 Euro stehen ihm nochmals 20 Prozent zu, die restlichen 80 Prozent werden mir von den Leistungen abgezogen. Was bedeutet: Seit dem 1.8. fehlen mir 200 Euro bis zum Existenzminimum. Die muss mein Sohn dann zahlen, damit es hier irgendwie weitergeht.

Muss – das möchte ich aber nicht.

Wir werden erstmal versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen.
Die mittlere Tochter macht im Rahmen der Fachoberschule ab August ein Jahrespraktikum in einem Kindergarten. Dort arbeitet sie ebenfalls 39 Stunden in der Woche und bekommt ein freiwilliges Taschengeld in Höhe von 50 Euro von der Einrichtung. Außerdem trägt sie Kauflandprospekte aus und bekommt noch mal ca. 25 Euro im Monat dafür.
Den Verdienst von insgesamt 75 Euro darf sie behalten, da wird mir nichts abgezogen.

Ich habe schon daran gedacht, mir noch einen zusätzlichen 400 Euro Job
zu suchen, aber dadurch werden dann nur die Leistungen gekürzt.
Mehr Geld in der Kasse ist nicht.

Scheint so, dass man ärmer wird, je mehr man arbeitet, wenn man mit heranwachsenden Kindern Hartz IV bezieht.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Tja, ein wenig kann ich deine Sicht verstehen. Die Bedarfsgemeinschaft wird eben so zur (politisch gewünschten) Zwangsverarmutung.

    Aber ich möchte dir auch meine Sicht als Vater dreier Kinder gegenüberstellen:

    Bei der Trennung befand ich mich in genehmigter Umschulung. Fatalerweise wurde da zuerst Unterhaltsvorschuss gezahlt, ohne dass mir jemand gesagt hätte, dass ich deswegen noch jahrzehntelang verfolgt werden soll, bis hin zum Offenbarungseid. Ich hätte besser gleich aufgestockt.

    Als ich dann endlich eine erste Arbeit hatte, kam man überein, dass ich nun Unterhalt in Höhe des UVG zahle – von 1350 netto waren 513€ kein Pappenstiel. Im Ergebnis musste ich beim Jobcenter aufstocken, weil der traurige Rest nicht mehr für mich und für die Kinder an den Umgangszeiten reichte. Schließlich brauche ich dafür auch Kinderzimmer und etwas zum Essen und so. Das Familienleben findet ja nicht nur bei der Mutter statt.

    Mittlerweile habe ich zwar eine bessere Stelle – aber sogleich wurde auch der volle sogenannte Mindestunterhalt gefordert: nunmehr 940€ .

    Im Ergebnis habe ich noch weniger Geld übrig und muss nochmehr aufstocken. Also zahle ich (§11b, Nr 7 SGBII) und stocke noch mehr auf. Faktisch kann ich mir die BG-Nummer eintätowieren, weil ich nie aus der Hilfebedürftigkeit (und damit der Kontrolle des JC) herauskommen werde bis die Kinder 25 sind. Für eine Mutter ist das viel einfacher wenn sie Kindesunterhalt, Kindergeld, Kinderzuschlag, usw. vereinnahmen kann.

    Tatsächlich hätte das verhindert werden können – wenn die Mutter bereit wäre, die Kinder zu gleichen Teilen zu betreuen und zu erziehen, dann wären wir beide schon vom Jobcenter los.
    Sie will aber lieber “alleinerziehend” aus Prinzip bleiben.

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