Übermutter

Schuld an all der Schuld trägt der Mutterkult

Verweilen wir noch einen Moment beim Thema Schuld. Die schuldigsten Mütter der Welt, das sind die deutschen Mütter. In der deutschen Sprache gibt es nämlich ein Wort, dem wir deutschen Mamas zum Opfer fallen: Die Rabenmutter. Es gibt für dieses Wort tatsächlich in keiner Sprache der Welt eine Entsprechung. Nur wir Deutschen kennen einen Begriff für unsere Versagermütter. Eine deutsche Mutter, die versucht, sich selbst zu verwirklichen, fällt nur allzu schnell durch dieses Raster. Klar, wir sind ein fortschrittliches Land mit einer Frau an der Spitze der Regierung. Aber wäre Angela Merkel auch Kanzlerin geworden, wenn sie eine Mutter wäre? Selbstverständlich nicht. Würde Frau Merkel in ihrer Position ein Kind haben, so wäre sie für uns Deutsche als Rabenmutter geächtet.

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Quelle: Bundesregierung

Für sich genommen ist das Wort Mutter nichts als eine biologische Information. Mutter wie Vater sind im Grunde nichts weiter als die Bezeichnung der Personen, die gemeinsam ein Kind gezeugt haben. Und während wir dem Wort Vater auch weiterhin keinen besonders viel größeren Wert beimessen, ist das Wort Mutter belegt mit unzähligen Deutungen und Wertvorstellungen. Über die biologische Bedeutung des Wortes hinaus überladen wir es mit unseren moralischen Ideologien. Wir sind keine Mütter. Wir sind Übermütter. Und dabei ist diese Übermütterung nicht einmal alt hergebrachte Tradition. Unser heutiges Mutterbild ist im wesentlichen geprägt durch den Nationalsozialismus. Meine Uroma zum Beispiel hat sicher nicht daheim die Kinder überversorgt und bemuttert. Meine Urgroßmutter musste aufs Feld. Und da hat man sich sein Baby einfach auf den Rücken gebunden und den ganzen Tag gearbeitet.
Seit dem Nationalsozialismus allerdings wurden die Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt. Sie sollten möglichst viele Kinder gebären und diese zu tapferen Soldaten großziehen. Am dem fünften Kind gab es gar eine Ehrenauszeichnung: Das Mutterkreuz.

Seither hat sich in Puncto Selbstverwirklichung der Frau leider nicht besonders viel getan. In unseren Köpfen steckt immer noch dieser nationalsozialistische Gedankenfehler, eine Mutter müsse für ihr Kind immer Bezugsperson Nr. 1 darstellen.
Und während in anderen europäischen Ländern die Kinderbetreuung durch den Staat ganz hervorragend funktioniert, schwielt in den deutschen Köpfen immer die Angst, eine zu frühzeitige Versorgung durch Dritte, könnte dem Kind in seiner Entwicklung erheblichen Schaden zufügen. Das ist ein Bild, mit dem wir ganz dringend aufräumen müssen!

Eine Frau ist im Grunde wie ein Mann.
Eine Frau ist ein Mensch. Und ein Mensch will arbeiten. Er möchte zwischen seiner Geburt und seinem Tod eine Entwicklung durchlaufen und sich nach eigenen Ideen formen und wachsen. Was uns alle eint, ist die Sehnsucht nach dem Fortschritt. Stillstand ist der Tod. Und es muss endlich möglich werden, dass Frauen sich durch Arbeit und nicht allein durch Mutterschaft verwirklichen. Die Idee von Glückseeligkeit und Erfüllung durch Mutterschaft entspringt faktisch keiner Realität. Es ist ein Mythos. Und dieser Mythos ist in unserem Land soweit verbreitet, dass wir Mütter uns auf dem Spielpatz vorsichtshalber gegenseitig versichern, dass es so sei. Wir lügen, wie süß und bereichernd unsere Kleinen doch für uns seien und wie sehr sie unser Leben zum Positiven verändern. Dabei schlucken wir lieber hinunter, dass wir unter chronischem Schlafmangel leiden, dass wir gerne einmal etwas für uns tun würden, dass wir am Ende womöglich acht Stunden am Tag etwas Vollkommen anderes arbeiten möchten. Aber das wollen wir.

Und anstatt uns gegenseitig immer wieder in unserem schlechten Gewissen zu bestärken, sollten wir einfach mal ehrlich sein. Wir knebeln uns selbst. Die Wahrheit ist, dass wir unsere Kinder lieben. Sie mehr als uns selbst zu lieben –  wie man floskelartig formuliert  – wäre ein Fiasko für Mutter und Kinder. Wir lieben unsere Kinder. Aber wir lieben sie nicht mehr als uns selbst. Wir sollten uns deshalb kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Wir wollen arbeiten und uns weiterentwickeln. Wir wollen – wie die Väter nun einmal auch – noch Dinge erleben, die uns intellektuell fordern. Wir wollen auch mal Ruhe und wir wollen Sinnlichkeit. Wir wollen einfach leben! Und ich wette, ich spreche da für mehr Mütter als ich selber glauben kann nach all den Gesprächen auf Spielplätzen und Elternversammlungen.

Ich mache den Anfang. Ich fordere bessere Betreuungsmodelle, mehr Kita- und Hortplätze und Anpassung aller Arbeitsplätze an die Möglichkeiten von Alleinerziehenden. Ich fordere gezielte Programme zur Rückführung von Müttern in ihren Beruf und ich fordere vorallem eines:

RESPEKT. Für mich und all die anderen Rabenmütter da draußen, die versuchen, sich selbst zu verwirklichen. Helfen wir uns gegenseitig, die Rollenmuster in unseren Köpfen zu überdenken und das verdammte schlechte Gewissen abzuschütteln. Es entbehrt jeder Grundlage. Von nun an dürfen wir alle beruhigt sein. Unser Mutterbild entspringt reiner Ideologie. Raus mit den Naziwerten aus unseren Köpfen .

ARETHA FRANKLIN – THINK

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Author: Sarah Wiedenhöft

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