Treatment zur Wahrung der Distanz Teil II – eine kaum zu begreifende Geschichte

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BLENDE

Inzwischen liegt Maike in den Armen ihres Königs. Sie weint Träne um Träne aus ihrem feuchten Körper, der mit jedem Tropfen an Kraft zu verlieren scheint. Maike hat ihre Mutter und ihre Tochter verloren. An einem Tag! Der Beschluss war inzwischen in der Post und sie liest ihn ein ums andere Mal und kann nicht fassen, was da steht. Ihr – Maike von Wegen – wurde das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Tochter entzogen! Was geht nur in der Großmutter vor sich, zweifelt sie und was – um Himmels Willen – erzählt sie meinem Kind??

In der Zwischenzeit sind Kind und Großmutter sowie dessen Mann bei seinen Eltern in Bayern zu Besuch. Laupenta (Name selbstverständlich geändert) will wissen, warum sie wegfahren sind und warum ihre Mama nicht gekommen ist. Schließlich wollte sie doch mit Mama in den Urlaub fahren. Nach Bremen. Und nicht mit Oma und Opa nach Bayern. Laupenta ist inzwischen fünf. Kein kleines Baby mehr. Sie versteht die Welt nicht mehr. “Die Mama ist einfach nicht gekommen!”, erzählt ihr die Großmutter und verpasst ihr damit ein Trauma, das sich gewaschen hat.

Ihre erste Beratung bei einem Anwalt macht Maike wieder Hoffnung. Der Fall läge ja eindeutig, Frau von Wegen solle sich keine Sorgen machen. Schließlich sei sie weder drogenabhängig noch wahnsinnig. Das werde man nun einfach nachweisen. Maike soll einen Drogentest durchführen lassen. Das ist gar nicht so einfach. Denn Drogentests können nur von offizieller Stelle verordnet werden oder müssen selbst übernommen werden. Ein solches Screening kostet über 200 Euro. Das leistet sich der Staat nicht für jeden von uns. Da sich durch ein Beratungsgespräch in der Drogenberatung allerdings bereits herausstellte, dass Maike auf keinen Fall drogenabhängig ist, will die Beratungsstelle ihr keinen Test verordnen. Maike muss das erste Mal ihre Hosen fallen lassen. Sie sucht den Chef der Beratungsstelle auf. Unter Tränen berichtet sie, dass sie diesen Test ja bräuchte, um genau das nachzuweisen: Dass sie nicht drogenabhängig ist. Sie berichtet von der Entführung ihres Kindes durch die Großmutter und der Angesprochene fasst sich ein Herz und unterschreibt ihr die Überweisung in die Toxikologie zum Drogenscreening. Dort muss Maike erneut ihre Hosen runterlassen.

Maike hat nämlich tatsächlich eine Geistesschwäche. Sie hat ein Problem mit ihrem Sympathikus. Maike hat Paruresis. Das ist die Angst davor, in der Öffentlichkeit Wasser zu lassen. Der Sympathikus ist wichtiger Bestandteil des vegetativen Nervensystems. Er sorgt bei Gefahr dafür, dass alle nebensächlichen Bedürfnisse ausgeschaltet werden. Das bedeutet im Klartext: Wenn man im Busch pinkelt und dabei von einem Tiger überrascht wird, schaltet der Körper das Pinkeln praktischerweise sofort ab, damit manin Ruhe fliehen kann. In einigen Gehirnen hat sich allerdings ein Fehler versteckt. Sei er ausgelöst durch ein Trauma oder durch eine falsche Erziehung. Einige Menschen fühlen sich durch die Anwesenheit anderer beim Pinkeln bedroht und dann läuft nichts mehr. Zu diesen Menschen zählt unglücklicherweise auch Maike. Da man beim Drogentest unter Beobachtung pinkeln muss, scheitert das Projekt und Maike ist am Boden zerstört, als die Ärztin sie nach dem dritten erfolglosen Versuch nach Hause schickt. Sie teilt ihr mit, dass man pro Test nur drei Chancen zu pinkeln hätte und dass es als Täuschungsversuch gelte, wenn man es nicht täte in dieser Zeit.

Sie sucht erneut Rat bei der Beratungsstelle. Man reagiert skeptisch auf sie. Schließlich hatte sie doch beteuert, clean zu sein und nun ein Täuschungsversuch. Maike lässt erneut die Hosen runter und berichtet von ihrer Paruresis. Um ihre Glaubhaftigkeit zu wahren, lässt sie die Hosen auch noch tiefer rutschen und berichtet von dem traumatischen Erlebnis, das ihr diese Störung eingebracht hat. Ein weiterer Test wird angeordnet, wo Maike nun buchstäblich die Hosen runter lassen muss. Sie konnte mit der Toxikologie der Dietrich-Bonhöfer-Klinik verabreden, dass sie sich vor dem Test nackt auszieht, um zu beweisen, dass sie keine Urinproben anderer versteckt. Die Klinik muss lange überredet werden, weil sie das vollständige Entkleiden für Diskrimierung hält, doch nachdem Maike erneut von ihrem Problem berichtet, werden sie weich. Doch Maike kann wieder kein Wasser lassen. Sie hat anderthalb Flaschen Wasser geleert und hat einen unfassbaren Druck auf der Blase, aber ihr Sypathikus spürt Bedrohung und weigert sich. Zu diesem Zeitpunkt wurde Maike bereits fünfmal öffentlich gedemütigt. Vor einem Familienrichter, dem Chef der Drogenberatungsstelle und vor den Ärzten der Toxikologie. Doch was nun kommt, ist die Erniedrigung per excellence. Maike sucht verzweifelt nach einem Weg, ihren Unterleib zu entspannen. Sie setzt sich die Kopfhörer ihres mp3 players auf und beginnt zu masturbieren. Sie sitzt nackt auf der Toilette der Toxikoogie und masturbiert. Dabei beginnt sie zu weinen. Es ist als würde sie sich selbst vergewaltigen. Sie muss einen Orgasmus haben, damit sich ihr Unterleib entspannt und Wasser lässt. Maike lässt jede Erniedrigung an sich selbst geschehen. Sie will einfach nur ihr Kind zurück. Koste es, was es wolle! Es funktioniert. Etwas ähnliches wie ein Orgasmus stellt sich ein und Maike kann tatsächlich immerhin ein paar Tropfen aus ihrer fest verriegelten Blase befreien. Als die Ärztin die Türe öffnet, findet sie Maike nackt weinend mit einem leicht befüllten Pastikbecher in der Hand. Erniedrigung Nummer 7.

Es dauert zwei Monate, bevor endlich die Verhandlung stattfindet. In der Stadt der Großmutter. Maike reist an voller Optimismus. Ausgestattet mit ihrem Drogentest und einer Anwältin. Was sollte schiefgehen? Nun. Alles geht schief.
Die Richterin selbst spricht wenig. Stellt nur Fragen. Der Kindsvater ist auch mit von der Partie. Er hat selbstverständlich auch Maikes Schwester mitgebracht und Maike fühlt sich einsamer als je zuvor. Kindsvater und Großmutter äußern, dass Maike komplett geistesgestört sei und fordern, das Kind solle bei der Großmutter leben. Die allergrößte Verletzung, die der Kindsvater damit auslöst, ist die Tatsache, dass er nun endlich für das Sorgerecht seiner Tochter kämpft. Nur eben nicht für sich, sondern für jemand anderen. Maike ist entsetzt und verletzt, die Richterin schockiert. Sie ordnet weitere Drogentests an und außerdem eine psychologische Begutachtung. Das Kind soll so lange bei der Großmutter bleiben.

Maike bricht zusammen. Sie weint nun jeden Tag, legt alle Arbeit nieder und ist nun nur noch damit beschäftigt, Anklageschriften zu beantworten, Verleumdungen zu widerlegen und Anschuldigungen abzumildern. Jede Woche treffen etwa zwei Briefe ein, die die Gegenseite der Staatsanwaltschaft schickt, um Maike zu diffamieren. Ihr König erträgt die Belastung nicht mehr, beginnt damit, ihr fremdzugehen. Maike erwischt ihn und fühlt sich wieder ein Stück einsamer. Die Verbindung trennt sich mit viel Ärger und Tränen. Laupenta wird inzwischen in der fremden Stadt eingeschult. Die psychologische Begutachtung wird durchgeführt und stellt heraus, dass Maike von Wegen geistig gesund und zurechnungsfähig ist, dass die Tochter ihre Mutter vermisst und zu ihr zurückwill und dass die Großmutter über keinerlei Empathie verfüge. Die Großmutter schlägt weiter um sich und fechtet das Gutachten an. Nun beginnt sie damit, die Psychologen persönlich anzugreifen und stellt deren Professionalität in Frage. All das ist kaum zu glauben. Die Großmutter kämpft wie ein Löwe um das Sorgerecht ihrer Enkelin, lässt keine Möglichkeit aus, ihre eigene Tochter und andere Beteiligte in den Dreck zu ziehen, nur damit sie das Kind behalten kann, das nicht ihres ist.

Inzwischen befindet sich die Familie in der zweiten Instanz – das Oberlandesgericht. Der selbe Kampf wird noch einmal ausgefochten. Diesmal vor dem Senat. Der Krieg läuft nun schon über ein Jahr und Maike hat schon fast die Hoffnung aufgegeben, als sich endlich alles auflöst. Es ist wie in einem Traum. Endlich erfährt sie Gerechtigkeit. Der Senat lässt sich darüber aus, wie unangebracht er das Auftreten des Kindsvaters empfindet. Der Kindsvater wird grimmigen Blickes in seine Schranken gewiesen und Maike spürt so etwas wie Vergeltung. Endlich drehen sich die Verhältnisse ins rechte Licht. Was bis zu diesem Tag wie ein schlechter Witz wirkte, wie etwas das einfach gar nicht sein kann, löst sich endlich in seine wahren Bestandteile auf. Vom Kindsvater wolle man weiter nichts wissen. Er sei ja nicht einmal bemüht gewesen in all den Jahren das Soregrecht für sich selbst zu beantragen. Und auch die Großmutter bekommt ihr Fett weg. Sie habe ihre Tochter Maike inzwischen ja noch beim Arbeitsamt und weiteren Stellen angezeigt. Auf allen Ebenen versuche ja da die eigene Mutter, das Leben ihres Kindes systematisch zu zerstören. Die drei Richter des Senats stellen endlich Gerechtigkeit her und schließen mit den Worten: “Ich wüsste überhaupt keinen einzigen Grund, warum Laupenta nicht auf der Stelle mit ihrer Mutter nach Hause gehen sollte.”

Das Kind wird in den Saal gerufen, um ihm die Neuigkeit zu unterbreiten und Maike und Laupenta umarmen sich weinend und innig. Endlich wieder vereint!

HAPPY END!

… vorerst .

 

THE SUPREMES – BACK IN MY ARMS AGAIN

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Author: Sarah Wiedenhöft

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