Treatment zur Wahrung der Distanz – eine schwierig zu erzählende Geschichte

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Die nun folgende Geschichte ist wahrhaft grausam. Ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen, wie ich sie erzähle. In diesem Fall ist es schwierig, den distanziert lakonischen Ton der vorangegangenen Geschichten aufrecht zu erhalten. Sie besteht aus tausend Worten, die einem nicht so einfach durch die Finger gehen. Am logischsten wäre es, das Ganze als Film zu erzählen. Diese Episode meines Lebens hat tatsächlich alles, was ein abendfüllender Spielfilm braucht. Eine Romanze, einen waschechten Familienkonflikt und glücklicherweise auch ein Happy End. Das Drehbuch würde allerdings den Rahmen dieses Blogs sprengen. Versuchen wir es also mit einem verkürzten Treatment.

Maike von Wegen fühlt sich frei und unbeschwert. Ihre Tochter lebt zur Zeit bei der Großmutter in der Mitte der Landkarte, sodass Maike in Sternform das Land bereisen und dabei immer bei ihrer Familie vorbei schauen kann auf der Strecke von einem zum anderen Konzert. Ihre Mühe wird endlich in Applausform belohnt und sie hat das Gefühl, dass sie etwas erreichen kann. Auf dem Zenit der Glückseligkeit trifft sie auch noch auf ihren Traummann. Er sammelt sie ein auf seinem Fahrrad aus der Nacht, wie ein König auf einem Pferd. Er kommt aus der Dunkelheit, bittet sie aufzusteigen und fährt sie in sein Königreich. Als sie ihm das erste Mal durch die Haare fährt, fühlt sie sich erinnert an den Mann aus ihren Träumen. Dieser Mann, der seit Jahren immer mal wieder in ihren Träumen auftaucht und am Morgen einfach gnadenlos verschwindet. Er scheint es zu sein. Ihr König. Maike ist so glücklich wie noch nie. Er ist so wunderschön und er verspricht ihr den Himmel. Ein Urlaub wird geplant. Mit den Kindern. Der König hat eine Tochter im selben Alter. Auch die Königskinder verstehen sich glänzend. Auf einmal ist alles einfach und die Welt ein bunter Spielplatz.

An dem Tag als Maike ihre Tochter für den gemeinsamen Urlaub bei der Großmutter abholen will, ruft sie Morgens dort an. Man müsse am Abend unbedingt mal darüber sprechen, wie Laupenta (Name selbstverstänlich geändert) demnächst auf sanfte Weise wieder in den mütterlichen Haushalt zurückgeführt werden könne. Inzwischen ist sie seit fünf Monaten bei der Großmutter und nun, da Maike ihre Pläne verwirklicht hätte, wäre es wohl an der Zeit. Die Großmutter reagiert seltsam. Etwas ist in ihrer Stimme, aber Maike kann nicht erkennen, was es ist.

Im Zug – 500 Kilometer hinter Berlin und 100 Kilometer vor dem Ziel – klingelt ihr Handy. Es ist ihre Mutter. Die Großmutter weiß, wie sehr Maike es hasst, im Zug zu telefonieren. Im Grunde ist ihr jede Regung – eigene und vor allem die der anderen –  in Zügen ein Gräuel. In einem ruhigen Tonfall erklärt sie Maike, dass sie sich am Zielort ein Hotel suchen oder einfach zurück nach Berlin fahren solle. Man würde sie am Abend nicht empfangen. Maike versteht nicht und die Großmutter erklärt, dass sie gerade bei Gericht sei. Maike bekommt es mit der Angst zu tun. Was denn geschehen sei, will sie wissen und erntet eine unfassbare Antwort:

Die Großmutter habe heute im Kindergarten die Befürchtung geäußert, die Kindsmutter plane, das Kind zu entführen. Man habe ihr darauf geraten, das Jugendamt einzuschalten und die wiederum hätten dazu geraten, beim Familiengericht der Kindsmutter in einem Eilverfahren das Aufenthaltsbestimmungsrecht entziehen zu lassen. Maike verliert den Boden unter den Füßen. Sie purzelt erbarmungslos aus den weichen Wolken, auf denen sie sich wähnte und unter ihr ist kein Ende in Sicht. Bodenloser Sturz. Kein Halt.

Der Mann ihr Gegenüber sieht sie mitleidig an und Maike hält die Hand vor ihren Mund, flüstert:
“Ich verstehe nicht, was in dir vorgeht. Das ist doch irgendein komisches Missverständnis. Lass uns doch einfach wie verabredet reden bei dir heute Abend.” Sie werde nicht zu Hause sein, entgegnet die Mutter und die Verbindung bricht ab. Die Verbindung zu allem. Alles bricht ab und Maike will nicht weinen in einem Zug. Sie unterdrückt jede Regung. Der Mann gegenüber lächelt ihr betroffen zu. “Kein guter Tag??”, fragt er.
Maike schüttelt den Kopf.

Ihr Kopf wird ein Stein. Ein riesiger Findling. Zum Zerbersten gefüllt mit Masse. Tränen sammeln sich unter der Oberfläche und verdampfen über die heiße Haut. Zurück bleibt nur Salz. Das Salz macht den Kopf immer schwerer. Maike will nicht weinen. Nicht im Zug. Als sie endlich am Zielbahnhof den Fuß auf das Gleis setzt, sucht sich das Wasser seinen Weg. Es läuft aus ihren Augen wie ein Schwall. Nicht in Form von Tränen, eher wie Wasser das über eine volle Wanne schwappt. Sie kann nichts mehr sehen und läuft wie an einem Bindfaden aufgezogen zur Bahnhofspolizei. Dort berichtet sie unter Schluchzen von ihrem Problem. Die Polizisten fragen sie, wer sorgeberechtigt sei. “Nur ich!”, antwortet Maike und die Beamten bieten an, das Kind bei der Großmutter abzuholen.Sie wisse aber nicht, wo das Kind sei, erklärt sie und äußert außerdem ihren Unmut darüber, das Kind mit der Polizei abzuholen. Maike will ihre Tochter nicht traumatisieren.

In Wahrheit ist die Traumatisierung bereits im vollen Gange. Während Maike auf der Wache weint, spricht die Großmutter bei einem Richter vor. Sie berichtet von ihrer drogensüchtigen und geistig verwirrten Tochter, die ohne Strom und Wasser in Berlin lebe. Sie zeichnet das Bild einer Frau, dem kein normaldenkender Mensch jemals ein Kind an die Hand geben würde. Die Großmutter berichtet, sie habe das Kind vor seiner Mutter gerettet und in ihren Haushalt aufgenommen. Nun plane die Kindsmutter, das Kind zu entführen. Der Richter ist entsetzt und beruhigt die Großmutter. In Großaufnahme sehen wir, wie er seine Unterschrift unter den Beschluss setzt. Maike von Wegen wird das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihr Kind entzogen und die Großmutter beantragt vorsichtshalber noch das alleinige Sorgerecht und setzt sich anschließend zufrieden in ihr Familienauto und fährt mit ihrer neuen Familie nach Bayern.

BLENDE.

 

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Adjektive in diesem Text ich jetzt im Nachhinein streichen musste .

http://youtu.be/oaZXSBTv8mk

KAREN DALTON – IT HURTS ME TOO

I can’t be happy, mama, for being so blue
When you keep on worrying the way you do
When things go wrong, so wrong with you
It hurts me too (Lyrics by Tampa Red)

 

 

 

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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