Studieren mit Kind: Ponyhof ist was anderes

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Sarah Wiedenhöft und Mr. W./ Bild: Janka Burtzlaff

Neulich saß ich im Seminarraum neben einer Kommilitonin, wir warteten auf den Beginn des Seminars. Sie ist etwas jünger als ich, 22, drittes Semester soziale Arbeit. Als ich ihr sagte, dass ich Medienwissenschaften im Master studiere und alleinerziehend bin, schaute sie verständnisvoll: “Ich weiß, wie du dich fühlst“, sagte sie und nickte mitfühlend. “Ich habe im letzten Semester eine Hausarbeit über alleinerziehende Mütter geschrieben. Das ist schon alles nicht so einfach. Wenn du möchtest, darfst du sie gern lesen.” Ich schaute sie ungläubig an.

Obwohl sicher nett gemeint, verletzte mich dieser Satz unendlich. Nur durch ihre Seminararbeit weiß sie sicher nicht, wie ich mich fühle. Wie müde und erschöpft ich manchmal abends auf dem Sofa sitze. Und wie unfassbar glücklichich bin, wenn mein Sohn dann mit einem gemalten Bild aus seinem Zimmer kommt und sagt: “Für dich, Mama. Ich hab dich lieb!” Aber wie sollte sie auch.

Wie mein Alltag aussieht? Meist so:

Ich stehe morgens um 6 Uhr auf, jeden Tag. Auch am Wochenende. Ich mache Frühstück für meinen Sohn, helfe ihm beim Anziehen und beim Zähne putzen, kümmere mich um sein Schwimmzeug, seinen Rucksack für den Ausflug und sein Essen für den Kindergeburtstag. Um verletzte Knie und fehlende Feuerwehrautos, die dringend in der Kita benötigt werden, natürlich auch. Ich bringe ihn in den Kindergarten und fahre dann zur Uni.

Dort sitze ich den ganzen Tag in Seminaren, Hörsälen oder in der Bibliothek. Ich hole ihn aus dem Kindergarten ab, wenn es schon dunkel ist. Häufig müssen meine Eltern oder Freunde einspringen, denn einige Seminare gehen bis 20 Uhr, und das übersteigt die Kita-Öffnungszeit um mehr als eine Stunde. Und die Öffnungszeiten unseres Kindergartens sind schon sehr komfortabel.

Viel gemeinsame Zeit bleibt mir und meinem Sohn nicht. Er muss bald schlafen, und ich muss lernen, oft bis spät in die Nacht, bevor wieder morgens um 6 Uhr der Wecker klingelt. Die nächsten Klausuren stehen bald an. Der Tag ist auf die Sekunde durchgeplant.

Bevor mein Sohn einschläft, lesen wir immer noch sein Lieblingsbuch und reden über seine Erlebnisse im Kindergarten. Er lacht viel und kuschelt sich an mich. Darauf freue ich mich den ganzen Tag. Er bekommt dann große glänzende Augen vom Erzählen, und ich weiß, dass es im Kindergarten schön war. Dann setze ich mich an den Schreibtisch.

Das alles klappt gut. So lange nichts Unerwartetes passiert. Wenn meinen Sohn über Nacht ein Magen-Darm-Virus heimsucht, und er zwischen 3 und 5 Uhr morgens viermal sein komplettes Bettzeug vollgekotzt hat, bin ich am anderen Tag nicht nur todmüde, sondern stehe auch noch vor einem anderen Problem: Ich kann nicht in die Uni, und wenn ich zweimal im Semester fehle, fliege ich aus dem Kurs. Bologna, Anwesenheitspflicht. Atteste und Reden helfen. Aber nicht immer.

Wenn die Kita mal einen Tag geschlossen ist, oder – noch schlimmer – wochenlange Streiks anstehen, habe ich genau dasselbe Problem. Im allerschlimmsten Fall müsste ich das komplette Semester wiederholen.Das kann, wenn man vom Bafög-Amt oder anderen finanziellen Förderungen abhängig ist, schnell zu einem Problem werden. Denn hier gilt: Die Regelstudienzeit sollte möglichst nicht überschritten werden. Die Anzahl der gesammelten Credit Points muss auch bei Müttern am Ende stimmen. Ansonsten drohen Kürzungen des ohnehin schon knappen Geldes.

Mein Sohn ist deshalb nicht selten mit in der Uni. Wenn ich ein Referat halte, sitzt er neben mir, manchmal auch auf dem Schoß des Professors. Wenn er dann mitten im Kurs anfängt,  sein Lieblingslied zu singen, verstecken spielen will oder einfach laut fragt, wann er endlich nach Hause darf, muss ich darauf hoffen, dass alle Anwesenden verständnisvoll reagieren. Und das tun sie meist auch. Viele Menschen in der Uni freuen sich, wenn sie meinen Sohn sehen. Und er freut sich wiederum auf die Süßigkeiten, die sie für ihn mitbringen, und die Exkursionen in viele Museen.

Einen Nebenjob zu finden, der mit den Schlafgewohnheiten eines Kleinkindes vereinbar ist, ist gerade in den ersten Semestern mehr als schwierig. Mit meinen Nebenjobs hatte ich viel Glück: Als freie Autorin, Texterin und Assistentin beim Kurzfilmfestival Hamburg und in einer Filmproduktionsfirma konnte ich oft Texte oder andere Arbeiten abends zu Hause erledigen. Obwohl das natürlich bedeutet, dass ich noch länger wach bleibe und weniger Schlaf bekomme.

Einmal, als ich keine Kinderbetreuung für meinen Sohn hatte, brachte meine Chefin sogar ihre kleine Tochter mit zur Arbeit und breitete eine Krabbeldecke auf dem Boden aus. Hier ist es genauso wie in der Uni: Reden und Atteste helfen meist. Aber eben auch nicht immer. Einen Nebenjob in der Gastronomie musste ich aufgeben.

Für die berüchtigten Partys im Studium habe ich keinen Kopf und keine Zeit. Aber es fehlt mir auch nicht. Meine Partys finden woanders statt: Im Kinderzimmer, wenn mein Sohn Freunde eingeladen hat oder abends, wenn mich meine Freundinnen besuchen kommen.

Ich bin in die Mutterrolle hinein gewachsen und in ihr erwachsen geworden. Ich habe gelernt, zu lieben, mich abzugrenzen, zu kontrollieren, nachzusehen, da zu sein, los zu lassen. Und das ist großartig.

Mein Sohn ist mein größter Schatz. Er zeigt mir, wie spannend kleine Käfer sein können oder wie sehr man sich über ein Eis freuen kann. Das hätte ich ohne ihn vielleicht längst vergessen. Er lebt im Hier und Jetzt, ohne an die Vergangenheit oder an die Zukunft zu denken und sagt direkt, was er denkt und fühlt. Absolut ehrlich.

Ich hätte mich nie anders entscheiden wollen als für das Leben, was ich mit ihm gemeinsam führen darf. Auch, wenn es nicht immer leicht ist: Es ist gut so.

Dieser Text erschien zuerst auf bento. Bist Du auch Studierende/r und hast ein Kind? Tipps und Infos findest du zum Beispiel hier.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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3 Comments

  1. Moin Sarah,
    bin zufällig auf deinen Artikel gestoßen. Habe selber drei kleine Mädels zu Hause und studiere auch mit BaföG-Unterstützung. Wollte nur mal den Tipp geben, dass man die Förderungsdauer verlängern kann, wenn man ein Kind zu versorgen hat. Soweit ich weiß pro Lebensjahr des Kindes. Ob das für den Master auch geht kann ich aber nicht sagen.
    Gruß.
    Michel

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  2. Pro Lebensjahr des Kindes ein Semester sollte es heißen…

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  3. Hallo Frau Wiedenhöft;

    Ihr Artikel mit dem “Milchkaffee” hat mich auf Ihren Blog aufmerksam gemacht. Ich frage mich, ob solche rassistischen Vorfälle häufig bei Ihnen vorkommen und ob dies in den Grössstädten in D ebenso häufig vorkommt.

    Ich komme aus Berlin, lebe aber seit 7 Jahren in der Region von Paris. Mit meiner schwarzen Frau haben wir zwei Töchter (davon eine im Alter Ihres Sohnes). Hier in Paris habe ich bisher keine solchen rassistischen Erfahrungen gemacht, was auch daran liegt, dass von 20 Kindern in der KiTa mind. die Hälfte nordafrikanische, schwarze, asiatische Einflüsse oder gemischt sind. Die Vielfalt in unserem Viertel ist hoch.

    Bei unseren regelmässigen, aber immer kurzen Besuchen in Berlin habe ich soetwas glücklicherweise auch noch nicht erlebt. Die Leute gucken zwar, aber mehr auch nicht.

    Da wir aber mit dem Gedanken spielen irgendwann nach Berlin zurückzukehren, frage ich mich mehr und mehr, wie die Situation in Deutschland ist. Gerade die aktuelle politische Entwicklung und der gewaltbereite Rassismus in Deutschland schreckt mich ab.

    Wie ist Ihre persöhnliche Einschätzung zur aktuellen Lage? Hat es sich verschärft oder ist es gleich geblieben?

    mit freundlichen Grüssen aus Paris,
    Sebastian

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