starke Eltern dürfen auch mal Schwäche zeigen

BR Doku

Schwäche zu zeigen ist eine starke Eigenschaft. Sich den eigenen Fähigkeiten und auch Grenzen bewusst zu sein und diese zugeben zu können, ist ein großartiger Charakterzug und auch eine schwierige Aufgabe. Andere Menschen trotz ihrer Grenzen und Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden, filmisch stark darzustellen, ist mindestens genauso schwierig. Die Dokumentation Mit Kind ins Abseits – Alleinerziehende im Existenzkampf von Steffi Illinger und Barbara Schepanek liefert ein unaufgeregtes und doch packendes und aufrüttelndes Portrait von drei Einelternfamilien und schafft es, alle Beteiligten trotz oder gerade wegen der Grenzen, an die sie täglich stoßen, stark darzustellen und die Rezipienten zum Nachdenken anzuregen. Und das ganz ohne Schuldzuweisungen.

Mama, du holst mich heute ab, oder?

Fragt Samira ihre seit acht Jahren alleinerziehende Mama Ute. Die beiden sind mit Samiras 13 jähriger Schwester im Auto auf dem Weg zur Schule. Ute lacht.

Wer denn sonst? Ich hole dich doch immer ab.

Seit vier Jahren ist Ute arbeitslos und auf Hartz 4 angewiesen. Nie hätte sie gedacht, dass ihr das mal passieren würde. Fast wie mit Vollgas gegen die Wand fahren fühlt es sich an. Die große Verantwortung für die zwei Mädchen mischt sich mit der Angst ums Geld. Um die Existenz. 550 Euro hat die Familie zum Leben. Da müssen alle Ausgaben gut durchdacht sein. Trotz abendlicher Fortbildungen und vielen Bemühungen ist der Wiedereinstieg schwer.

Auch Jürgen plagen die gleichen Sorgen. Seit 2 Uhr morgens steht er in der Backstube, während seine drei Kinder noch im Bett liegen. So verdient er den Lebensunterhalt der Familie. Gleich ist seine Nachtschicht zu Ende. Und, wenn er ehrlich ist, freut er sich nicht darüber.

Wer weiß, wie die wieder drauf sind!

Seine Kinder seien zur Zeit schwierig, so Jürgen. Oft launisch. Manchmal braucht er einfach eine Auszeit. Dann setzt er sich nach draußen. Für fünf Minuten nur. Er zeigt Fotos in die Kamera. Auf einem ist ein kleiner Junge, etwa eineinhalb. Sein erster Sohn, der leider viel zu früh starb. Jürgen gibt dem Tod des Kindes die Schuld an der Trennung von seiner Frau.

Auch Isabel und ihre neunjährige Tochter Antonia haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Isabel muss Vollzeit arbeiten. Das Geld reicht sonst einfach nicht aus. Viel Zeit für Antonia bleibt da nicht und so ist das schlechte Gewissen immer mit dabei. Genauso wie die tickende Uhr, die man förmlich hören kann. Ständig in Hektik, immer auf dem Sprung.

Die Dokumentation ist durch den Alltag der Familien strukturiert. Der Zuschauer bringt mit Mutter Ute die Kinder in die Schule, begleitet Papa Jürgen zur Frühschicht in der Backstube und ist dabei, wenn Mama Isabel von der Arbeit nach Hause hetzt, um rechtzeitig Tochter Antonia aus der Betreuung abzuholen. Der ganze Tag der Familien ist auf die Sekunde genau durchorganisiert.

Parallel werden übergeordnet die Schwierigkeiten, mit denen Einelternfamilien zu kämpfen haben, in einem Voice over vermittelt. Wenig Geld, wenig Zeit. Und trotzdem: Die Eltern kämpfen. Für sich und ihre Kinder.

In der Dokumentation  wird betont, dass die große Mehrheit der Alleinerziehenden weiblich ist. Es wird aber vor allem gesagt, dass alle Alleinerziehenden mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben: Arbeit und Kinderbetreuung zu vereinbaren. Die gezeigten drei Familien sind lediglich ein Beispiel für viele weitere.

Überforderung, Druck, Stress, Erschöpfung. Diese Begriffe fallen während des halbstündigen Filmes immer wieder. Das Gefühl nicht zu genügen, es einfach nicht zu schaffen. Egal, wie sehr sich die Alleinerziehenden auch aufreiben. Und plötzlich steht unausgesprochen eine unangenehme Frage im Raum:

Sind wir eine vollwertige Familie?

Ute wünscht sich einen Partner, um wieder eine vollwertige Familie zu sein. Ja, den Kindern fehlt der Vater. Ja, Reflexion in der Erziehung durch einen Erwachsenen, der auch ein Stück Verantwortung nimmt, wäre schön. Ja, auch das schlechte Gewissen ist irgendwie immer mit dabei. Das Gefühl, nie ganz an einem Ort zu sein, immer auch mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu müssen. Und schließlich hat der Tag nur 24 Stunden. Düstere Aussichten. Doch, einen Vorteil hat die alleinige Verantwortung für die Kinder: Immerhin sind keine Absprachen notwendig, wenn Ausflüge geplant sind.

Doch für die fehlt meist das Geld. Jürgen und seine Kinder zehren noch von einem Campingurlaub, den die Großeltern bezahlt haben. Eine schöne Zeit, die sie gern wiederholen würden. Hoffentlich ist es in diesem Jahr finanziell möglich.

Das Fazit am Ende: Ich bin froh, wenn ich sagen kann: Für heute haben wir es wieder geschafft.

Ruhig, unaufgeregt und ohne den Alleinerziehenden Eltern die Schuld zuzuweisen berichtet diese Dokumentation vom mit unter harten Alltag von Einelternfamilien. Vom Kampf, den Spagat zwischen Kindern und Job zu schaffen, ohne sich dabei selbst aus den Augen zu verlieren. Von Existenzangst, Urlaubsträumen und Wünschen. Und sie bietet vor allem ein Portrait von drei starken Eltern, die alles für ihre Kinder tun.

 

Die Dokumentation Mit Kind ins Abseits – Alleinerziehende im Existenzkampf von Steffi Illinger und Barbara Schepanek  wurde am 09. März 2015 im Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt. Ihr findet sie hier.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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