so halb feministisch

Vorgestern habe ich mal wieder so einen Artikel gelesen von einer Autorin, die sich als eine halbe Feministin bezeichnete. Etwas ängstlich und so, als gestünde sie uns einen Makel. Etwas an ihr scheint nicht richtig sein, suggeriert der Text. In ihrem Fall ist es, dass sie neulich eine Diät gemacht hat und dass sie außerdem auch gerade erst einen betrunkenen Abend twerkend in der Küche verbrachte. Die Äußerung “halb-feministisch” zu sein taucht aber auch an anderen Stellen immer wieder auf. Ich selbst habe mich früher so bezeichnet. Warum diese Dame aber in Wahrheit eine echte Feministin ist und wieso Feminismus niemandem Diäten, twerken, Vollzeitmutterdasein oder harten Sex verbietet, das besprechen wir noch mal eben schnell.

 

Feminism3Das Misverständnis ist so alt wie der Feminismus selbst und es besteht auf beiden Seiten. Es sind nicht bloß die “Halb-” oder “Nicht-Feminist*innen”, die dem Irrtum aufsitzen, auch einige Aktivist*innen aus den Reihen derer, die sich als waschecht verstehen, sitzen mit ihnen drauf. Sie teilen sich einen Standpunkt mit sehr wenig Platz und häufig kommt es an diesen Sitzplätzen zu Ärger. Es ist wohl Zeit, aufzustehen, sich diesen Standpunkt mal von oben anzusehen und sich einen neuen zu suchen, denn Feminismus ist für die Vielfalt und für den Menschen, Feminismus richtet sich niemals gegen Menschen. Tut er es, ist es kein Feminismus! Daraus ergibt sich für beide Seiten die Notwendigeit, die Position nur ein klitzekleines Stückchen zu verrücken und nur einen kleinen Schritt aufeinander zu zu gehen.

Für die angeblichen Halbfeminist*innen bedeutet das: DU BIST RICHTIG. Niemand will Dir Diäten verbieten oder twerken. Du kannst die Sexpraktiken ausleben, die Dir Spaß machen und Du sollst bitte immer anziehen, was Du willst. Du kannst tanzen wie Du willst, rumlaufen wie Du willst und singen was Du willst. Der Feminismus ist im Grunde nichts anderes als der Wunsch, dass JEDER MENSCH frei und reflektiert wählen können soll, wie er/sie das Leben gestalten möchte. Persönlich werden kann es überhaupt nur, wenn es um Lebenskonzepte geht. Hast Du Dir eines ausgedacht, das die Lebenskonzepte anderer stören würde, so kann das nicht akzeptiert werden vom Feminismus. Wir werden dann Dein Konzept kritisieren, weil es offenbar ein unfaires ist. Und das ist der einzige Punkt. Feminismus ist nichts als die Kritik der reinen Vernunft. Du sollst Dir der Dinge bewusst werden, die Du tust und sagst und Du sollst an Dir arbeiten, um nicht blind die geltenden Machtgefüge zu unterstützen.
Feminismus möchte bestehende Machtgefüge aufheben, damit alle die selben Chancen bekommen. Wenn wir twerkende Frauenhintern kritisieren, dann meinen wir die männlich dominierten Medien, die uns diese Bilder immer wieder auftischen. Es geht um die Reproduktion der Medien. Wenn wir Diäten kritisieren, reden wir über den gesellschaftlichen Druck dahinter. Über die Zeitschriften und Werbeplakate, die uns dem Druck aussetzen, so auch aussehen zu MÜSSEN. Wenn Du eine Diät machen möchtest, weil Du das für Dich als Wohltat empfindest, dann sollst Du es bitte unbedingt tun. Und wenn Du entschieden hast, als Mutter Vollzeit zu Hause zu bleiben und den Haushalt alleine zu erledigen, ist das auch Deine Sache. Wir kämpfen nur gegen den äusseren Druck, nicht gegen die Person, die eine freie Wahl für sich getroffen hat. Der Feminismus richtet sich gegen mediale Darstellungen, gegen poltische und juristische Manifestationen der Ungleichheit und gegen gesellschaftliche Strukturen. Er kann sich gar nicht gegen Menschen richten. Merke: Wenn Du Dich persönlich angegriffen fühlst, ist es kein praktischer Feminismus.

Womit wir zur anderen Seite kommen. Wir, diejenigen, die wir uns als Feminist*innen begreifen, dürfen diese wichtige Faustregel im Eifer nicht vergessen. Dieser Kampf wird allzuoft auf dem Rücken von Menschen geführt. So feiert die EMMA zum Beispiel Alice Schwarzers neues Buch und lässt sich über Prostituierte aus, die am Rande der Veranstaltung stehen, demonstrieren und nicht zu Wort kommen. Das ist kein Feminismus. Denn hier wird ein Machtgefüge errichtet. Die EMMA führt sich hier als Chef auf und stüplt über.   Feminismus gesteht diesen Frauen ihre eigenen Meinungen zu und lässt sie diese äussern. Ebenso die Mädchenmannschaft führt sich leider allzuoft höchst dominant auf. Mit dem Fehlen jeglicher Solidarität werden Menschen auseinandergenommen, anstatt der gesellschaftlichen Strukturen. Ein/e sogenannte/r Feminist*in, die sich urteilend über eine andere Frau oder einen anderen Mann auslässt, bleibt eine Feministin. In diesem Augenblick verhält sie sich aber nicht feministisch.

Ob Du ein/e Feminist*in bist, kannst Du mit diesem kurzen und sehr einfachen Selbsttest überprüfen. Stelle Dir nur die Ausgangsfrage:

Bist Du dafür, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten?

Wenn Du diese Frage mit “ja” beantwortest, bist Du ein/e Feminist*in. So einfach ist es. Viel Spaß mit Deiner neuen Lebenseinstellung und beim Prüfen Deiner Konzepte auf feministische Tauglichkeit.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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