Sie sind sehr gut informiert! Freundliche Grüße, Ihre Bundesregierung

Heute erscheint an dieser Stelle ein Beitrag von Henrika aus Bayern. Henrikas Text ist recht lang, aber ich habe mich entschieden, ihn in seiner ganzen Länge zu veröffentlichen, weil ich ihn für lesenswert halte und der Meinung bin, dass viele hier Ähnliches erlebt haben. Er handelt von Henrikas Wunsch, Ärztin zu werden und trotzdem eine gute Mutter zu sein, von den kleinen und großen Ungerechtigkeiten des “Alleinesorgens” und er enthält ein interessantes Antwortschreiben unserer Regierung an Henrika, die der Bundesregierung mal einen Fehler vorgerechnet hat.

Viel Vergnügen:

 

 Mein Name ist Henni – echt jetzt! Und ich bin wie du alleinerziehend und manchmal auch ziemlich wütend. Meistens nicht. Meistens bin ich ganz normal. Direkt gefolgt von den Posten „müde“, „gestresst“ und „glücklich“… und dann kommt irgendwann mal wütend. Wütend über die bodenlose Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Arbeit und des Ansehens dieser Arbeit in diesem Land. Ich bin auch noch über andere Dinge wütend, aber die variieren stark. Die meisten „Treffer“ erzielt diese Ungerechtigkeit. Mit Abstand!

 Ich bin 36 Jahre alt und mein Sohn ist fast 10. Ich bin von Anfang an Alleinerzieherin gewesen und ich hab auch diese Sätze zu hören bekommen („Das musst du wegmachen lassen. Ich oder das Kind!“), die man eigentlich eher so im Format „Lindenstraße“ erwarten würde als im echten Leben. Aber irgendwo müssen die ihre Drehbücher ja auch her haben.

Jedenfalls… nach einer ganzen Reihe wirklich ganz unerfreulicher Begebenheiten und unter Aufbringung all meiner Selbstbeherrschung ist es gelungen meine „Verhältnisse“ relativ zum Guten zu wenden. Das war auch nicht allein mein Verdienst, wie ich fairerweise zugeben muss, und es ging auch nicht von heute auf morgen. Der Vater meines Kindes stammt aus einer wirklich sehr netten und hilfsbereiten Familie. Und er hat seit mittlerweile etlichen Jahren eine wirklich ganz tolle „neue“ Freundin (neu in dem Sinne ist die natürlich nicht mehr nach 9 Jahren… Aber toll ist sie immer noch!). Außerdem hab ich unbezahlbare „Schützenhilfe“ von meiner Mutter. Ohne die wäre das, was ich alles tue, überhaupt nicht denkbar. Sie hat ihr Leben ein gutes Stück an unser Leben angepasst und auch dafür bin ich extrem dankbar. Das kann ja auch ganz anders aussehen…

 

Ich war schon Rettungsassistentin bevor ich Mutter war und ich liebe diesen Beruf. Er hat nur ein großes Manko: Bis zur Rente taugt er nicht. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen mit Mitte 50 noch einen 100kg-Patienten aus dem 3ten Stock zu tragen… Dank meiner Weitsicht war mir das auch mit Mitte 20 schon völlig klar. Nur ist mir – gerade eben als ich über eine Lösung dieses Problems nachgedacht habe – diese Schwangerschaft dazwischen gekommen. Und damit war die Frage erstmal vertagt.

Ich bin also zuerst mal Mutter geworden und habe mich ein Jahr lang ausschließlich um mein Kind gekümmert. Mit Sozialhilfe, denn Elterngeld gab es damals noch nicht. Dazu hab ich meinen Sparvertrag auflösen müssen und nachdem der mal aufgebraucht war, hat das Amt sich eben den Betreuungsunterhalt beim Vater des Kindes geholt und mir als Sozialhilfe ausbezahlt. Auf Unterhalt verklagen wollte ich ihn nicht. Macht ja auch keine gute Stimmung. Danach habe ich für ein Jahr halbtags gearbeitet. Im Schichtdienst. Nicht dass sich der Aufwand finanziell irgendwie groß gelohnt hätte, aber wie gesagt: Ich liebe diesen Beruf! Das ging dank mit unglaublich viel Glück erhaltenem Krippenplatz und Mama (!) auch ganz gut. Und eben weil’s so gut ging, hab ich im dritten Jahr auch wieder Vollzeit gearbeitet. Und auch das ging …  etwas weniger gut, aber passabel. Nur war das Problem mit der dauerhaften Machbarkeit dadurch noch nicht gelöst.

Ich weiß ganz ehrlich im Nachhinein nicht mehr genau, was ich mir dabei gedacht habe. Vermutlich sowas wie „Wer sagt, dass das nicht geht?!“ und „Na, so schlimm wird’s schon nicht werden…“. Mir saß bei der Entscheidung auch die Zeit nicht ganz unwesentlich im Nacken. Bafög erhält man nur für ein Studium, dass man vor Erreichen der magischen 30 aufgenommen hat. Also blieb auch nicht soooo viel Zeit (3 Wochen), sich das nochmal gründlich zu überlegen. Und ich war mir ja auch sicher. Ich hatte schließlich im zarten Alter von 5 Jahren zum ersten Mal artikuliert, dass ich Ärztin werden will. Und diese Vorstellung hatte sich auch nur in der Pubertät mal kurzzeitig unter dem berauschenden Einfluss von Hollywoodstreifen 2 oder 3 mal geändert. Also ein ziemlich stabiler Plan. Was sollte da schon schief gehen? Einziger wirklicher Bedenkpunkt war: Wenn es anfängt für meinen Sohn eine unzumutbare Belastung zu werden, dann höre ich auf. Darüber, ob es für mich eine unzumutbare Belastung werden könnte … Nö. Hab ich nicht dran gedacht. Wenn man was will, dann kann man das auch. Und ich wollte!

 

Und ich will auch immer noch! 7 Jahre später und mit der etwas „ärmlichen“ Bilanz mich erst im 8ten Semester zu befinden. Ich will trotzdem. Studieren mit Kind. Dafür gibt’s mittlerweile Hilfen und Regelungen (die aber eher auf gemeinsame Erziehung ausgelegt sind… Aber sei’s drum). Studieren mit Kind und Teilzeitjob, dafür gibt es weder Regelungen, noch kommt das in irgendeinem Kopf irgendwo vor. Schon gar nicht alleinerziehend! Diesem Umstand verdanke ich es, dass ich trotz blonden Haaren und blauen Augen in Mitteleuropa ein Exot sein darf.

 

Und ganz ehrlich: Es war goldrichtig, dass ich keine Zeit hatte, mir alle relevanten Informationen zum Studium zu holen, bevor ich’s angefangen habe. Ich hätte es nicht getan. Und ich würde es auch nicht wieder tun! Ich hab in diesen Jahren so einige Sachen zu hören bekommen:

Top 1 auf meiner Liste: „Da müssen Sie sich schon mal entscheiden, was Sie wollen… Familie oder Karriere.“ Zum Beispiel vorgebracht von einer wissenschaftlichen Hilfskraft in der Physik bei der Vergabe von Praktikumsplätzen. Ganz oft kriegt man auch gar nicht unbedingt was zu hören. Da läuft das dann nonverbal, dezent und unterschwellig ab. Die Belastung eines Medizinstudiums zwingt ja bekanntlich auch schon Leute mit weniger „sonstigen Baustellen“ in die Knie. Mich hat es auch fast klein gekriegt.

Vorm Physikum (erstes Staatsexamen) hatte ich einen dermaßen ausgeprägten Durchhänger, dass ich meine allerletzten Kröten zusammen genommen habe und mir und meinem Sohn aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit in Kroatien verpasst habe. Ich habe zu diesem Zeitpunkt kaum mehr geschlafen, war ständig krank (immer was anderes) und habe zum Schluss sogar angefangen, Blut zu erbrechen. Oder kurz: Ich hatte über die Jahre so einen Raubbau an mir und meinem Körper betrieben, um „am Ball zu bleiben“, dass meine Organe angefangen haben zu rebellieren. Die Reaktionen darauf waren gemischt, wie sie es meistens sind. Die einen haben es verstanden und mir auch Hilfe angeboten (unter anderem mein Chef beim Rettungsdienst). Die anderen haben mich als faulen Drückeberger bezeichnet und die Augen verdreht. Ähnlich ging es ab, als ich ein Jahr später vorm dritten Versuch durch die mündliche Prüfung zu kommen, eine Meningitis hatte. Irgendwann hatte ich auch das einmal hinter mir und das Physikum in der Tasche. Nicht gut, aber durch. Und durch IST gut! Und ich habe mir so fest vorgenommen, dass mir so etwas nie wieder passiert. Dass ich nie wieder so an meine Grenzen gehe. Und auch nicht an die Grenzen meines Sohnes. Der musste die ersten Schulwochen ohne Mama auskommen und das hat ihm selbst die, für ihn ja völlig fremde, Klassenlehrerin deutlich angemerkt. Er hatte Angst um mich. Und so offen und vertrauensvoll er sonst eigentlich fast überall ist, in dieser Zeit hat er sich zurück gezogen. Seitdem bin ich eben die langsamste Studentin unter Gottes Sonne. Oder vielmehr: Ich wäre es gerne. Denn im Moment das Bafög so langsam mal aus und ich weiß jetzt auch noch nicht so genau, wie sich das in Zukunft am besten regeln lässt. Man wird – wie immer – sehen…

 

Wo ist jetzt da die Wut? Das war bisher nur mal so in Auszügen meine Geschichte, meine Erfahrungen. Prinzipiell muss ich sagen, dass ich einigermaßen gut dran bin. Und ich glaube, mein Sohn sieht das für sich nicht viel anders. Und trotzdem: Wir leben hier alle zusammen unter diesem Himmel und ich kann nicht umhin festzustellen, dass die meisten Leute für ihren fetteren Lebensunterhalt deutlich weniger Aufwand betreiben als zum Beispiel ich es tun muss. Ich bin nicht neidisch auf das Geld. Sicher nicht. Ich bin – wenn überhaupt – neidisch auf die Sicherheit, die damit verbunden ist. Und die offizielle und messbare Wertschätzung, die es repräsentiert. Denn wo bitte hätte ICH die nicht verdient?

 

Und dann diese kleinen, aber regelmäßigen Schläge unter die Gürtellinie. „Das Leben ist nun mal manchmal unfair.“ als Antwort auf die Bemerkung, dass man es nicht gerecht findet, dass der Vater sich mittlerweile bei keinem Elternabend mehr blicken lässt. Wer das gesagt hat? Unser Vater Stein als ich ihn angerufen habe um zu sagen, dass ich gerade nicht mehr kann und mir das Wasser bis zum Hals steht. Der Vater, der sich zwar prinzipiell um seinen Sohn kümmert, auch nie eine Unterhaltszahlung an ihn versäumt hat und ihm auch außer der Reihe Dinge kauft oder ermöglicht, der aber AUCH mit den Jahren den Abstand der Besuchswochenenden von regelmäßigen 2 bis 3 Wochen auf „Schauen wir mal, wie’s rein passt…“ erweitert hat. Das heißt, er ruft 2 Tage vorher vielleicht mal an… oder auch nicht. Und wenn man daraus eine Regelmäßigkeit ablesen wollte: Einmal im Monat vielleicht?
An Dingen, die die Schule oder die Freunde seines Sohnes hier betreffen, nimmt er überhaupt nicht mehr Teil. Er arbeitet ja so viel. Das stimmt! Er arbeitet viel. Ich arbeite aber auch viel, hab nebenher nicht das Geld mir eine eigene Wohnung zu kaufen wie er und schwänze keine Elternabende, Schulfeste oder Touren mit den Kids, wenn ich es nicht zwingend muss (Arbeit oder Anwesenheitspflicht an der Uni). Und dann dieser Eiertanz jedes mal, wenn man etwas von ihm möchte. Warum zum Teufel fühlt sich das immer wie ein Gnadengesuch und eine Auslieferung an? Und warum kann man ihm nach fast 10 Jahren ohne die ganzen Supergau-Horror-Stories, vor denen er so Angst hatte (Ausplünderung, Fremdbestimmung, Einmischung in sein Privatleben seitens der Kindsmutter), immer noch nicht einfach sagen, was Sache ist ohne dabei gaaaaanz vorsichtig sein zu müssen?

 

Oder die Tatsache, dass man unabhängig von der Studiendauer ab 30 plus 3 Jahren für Kindererziehung keinen Anspruch auf billige studentische Krankenversicherung mehr hat. Den Sinn dahinter KANN ich nicht verstehen. Ebenso wenig wie die Inkompetenz und Gleichgültigkeit mancher Sachbearbeiter. Ich hätte Anspruch auf ganz normale Sozialabgaben vom Gehalt, das zwar klein, aber DA ist. Oder die Fortsetzung des Bafög bis zur möglichen Allerhöchstgrenze. Da hätte ich noch ein Jahr. Dafür werde ich aber kämpfen müssen (mit den unheimlichen Resourcen an Zeit, Mitteln und Muße, die ich zur Verfügung habe). Für wen, wenn nicht für Leute wie mich, sind diese Bestimmungen denn gemacht worden?! Ich hab aus lauter Wut bei der Neuregelung des Bafög vor ein paar Jahren mal sinnloserweise an meine Bundesregierung geschrieben. Ich hab ihnen vorgerechnet, dass mit der neuen Regelung jeder Student, der auch nur mehr als ein Semester langsamer ist, trotz des neuen Betreuungszuschlags drauf zahlt. Die Antwort war: „Sie sind erstaunlich gut informiert.“. Na, so was! Und rechnen kann ich auch noch. Wer hätte das bei Studenten für möglich gehalten?

 

Und was mich so wirklich komplett auf die Palme bringen kann? Wie soll es anders sein: Die Leute, die einem am nächsten stehen. Ganz eindeutig! Wenn meine Mutter mir (vermeintlich) das Recht auf Wut oder Limitiertheit abspricht zum Beispiel. In so ganz kleinen Bemerkungen. „Dann brauchst du ja noch ein Semester länger…“ zum Beispiel und dann das Gesicht dazu. Oder dieser eine Satz als ich mich entschlossen habe wegen meiner Kopfschmerzen (die sich dann als Meningitis raus gestellt haben) doch mal eine Klinik aufzusuchen: „Du willst doch nicht etwa die Prüfung sausen lassen?!“. Das sitzt! Sie meint es vielleicht nicht so und sie hilft mir dann auch immer, aber es ist nun mal gesagt. Und ja, es hat dann schon furchtbar weh getan! Und was ich auch in dem Ausmaß nicht verstehen kann, sind die Lobgesänge auf den Vater Stein. Natürlich gibt es viel schlimmere Exemplare und es ist letztlich alles besser gekommen als man es anfangs befürchten musste, aber wozu kriegt er den Lobgesang? Vielleicht weil’s eben besser ist als erwartet. Bei mir konnte es vielleicht nur schlechter sein als erwartet. Das verdient dann logischerweise auch keine Lobgesänge.

 

Das sind jetzt alles nur Auszüge. Ich hätte da auf beiden Seiten noch viel mehr. Auf der guten, genauso wie auf der schlechten Seite. Insgesamt bin ich aber vorrangig zufrieden mit mir und glücklich über mein Leben, mein Kind und meine doch in weiten Bereichen geschätzte Leistung. Auch wenn man die ab und an erstmal erklären muss und auch dann, wenn ich in den Phasen mit Durchhängern manchmal das Gefühl habe, den Glauben in die Menschheit zu verlieren.

 

Den absoluten Kracher hab ich mir für den Schluss aufgehoben:

Mein Bruder ist jetzt auch schwanger. Und das nicht mit seiner Freundin (Naja, mittlerweile Exfreundin – Das war dann doch ein bisschen zu viel für sie). Die Geschichte ist verworren und natürlich kommt’s auch immer drauf an, wer von den dreien sie erzählt. Aber das Ende vom Lied bleibt das Gleiche: Die Mutter wird meinen Neffen alleine erziehen. Wie genau und welchen Anteil mein Bruder daran haben wird …  Man wird sehen.

Ich liebe meinen Bruder. Wir sind zusammen aufgewachsen und waren auch zeitweise beste Freunde. Und ich will, dass es ihm gut geht. Kurz: Ich stehe ihm emotional natürlich viel näher als der Mutter meines Neffen. Aber deren Situation kann ich wesentlich besser verstehen. Im Grunde ist das die gleiche Geschichte, nur mit vertauschter Besetzung der männlichen und weiblichen Hauptrollen. Und DAS ist echt schwer für mich. Das Verständnis, das ich für ihre Seite natürlicherweise schon habe, gepaart mit dem Verständnis, das ich aber natürlicherweise für meinen Bruder aufbringen möchte. Und die „Fehler“ auf beiden Seiten, die man mit 10 Jahren Erfahrung auf diesem Gebiet so klar sehen kann (gegen die aber irgendwie kein Kraut gewachsen zu sein scheint). Das ist wie die ganze eigene Episode noch einmal zu erleben. Und ich fand eigentlich, dass einmal schon gereicht hat…

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Ich habe so gelacht bei dem Brief!!!

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