selbstGerecht (gesprochen: kleines Selbst, großes Gerecht)

Es wird unkuschelig. Jetzt ist nämlich auch mal gut. Kill your Idol, prangte früher von den Wänden meines großen Bruders und von seinem T-Shirt. Dieser Satz hat sich in meinen Kopf eingebrannt wie ein Brandzeichen. Es ist mir präsent. Ich soll keine Götzen anbeten und auch Helden wie Kinski fallen tief. Die anderen sind auch nur Menschen und der wichtigste Gedanke dieses Satzes: Wachse über Dich und Deine Ideale hinaus. Das ist eine schöne Idee, jedoch ein sehr trauriger Vorgang. In den letzten Tagen habe ich viele meiner Helden fallen gesehen und dabei einen seltsamen Umstand beobachtet.

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Künstler Fab Ciraolo malt häufig Ikonen und Idole in poppig bunten Farben

Ich liebe das Internet. Die vielen unabhängigen Blogger, die Menschen, die nach Lektüre der Zeitung noch ein zweites Mal nachdenken und zu anderen Fazits kommen als der/die Verfasserin der zu letzt gelesenen Reportage. Menschen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen gratis mit dem Rest der Welt teilen. Seitdem ich selbst zu bloggen begonnen habe, hab ich im Netz einige Helden und Vorbilder entdeckt. Blogger, deren Blogs ich gerne lese und teile, Menschen, deren Gedankengänge mich schon oft zum Umdenken bewegt oder meine Meinung verstärkt haben. Ich habe mir die ganze Zeit eingebildet, Teil einer kuscheligen Peergroup zu sein. Ich folge Blogs und Bloggern auf twitter, via facebook und per rss und oft stellt sich ein Gefühl von Geborgenheit ein, wenn ich mich eine Weile in diesen Netzwerken aufgehalten habe. Die Menschen dort ärgern sich über die selben Dinge wie ich, prangern die gleichen Missstände an und inspirieren mich auch oft zu meinen eigenen Beiträgen. Dieser Beitrag ist wieder durch die Peergroup inspiriert. Jedoch berichte ich heute leider von ihr als eine Illusion.

Jeder hat ja seine eigene Nische. Meine wurde mehr und mehr der Feminismus, die Gewaltfreiheit und insgesamt Chancengleichheit, Integration und Emanzipation. Ein spannendes Feld mit vielen brauchbaren Idolen. INzwischen folge ich vielen dieser “Idole” auf facebook und twitter und sie folgen mir. Ich habe immer gedacht, wir seien so etwas wie eine kuschelige Gemeinschaft. Ein Ort zum Wohlfühlen. Hier sieht es jeder so wie du. Hier bist Du nicht alleine. Hier ist Deine Gesellschaft. Doch nach all den Diskussionen der letzten Tage über Rassismen in Kinderbüchern, fühle ich mich plötzlich gar nicht mehr in bester Gesellschaft und mich beschleicht ein ganz grausiges Gefühl. Worum geht es meiner Peergroup eigentlich wirklich?

Die Peergroup erscheint mir inzwischen mehr als eine sog. INgroup. Eine Gruppe, zu der man sich dank ähnlicher Ansichten und Ideen zugehörig fühlen kann. Andere Ansichten und Meinungen verfrachten einen direkt in die sog. Outgroup. Somit ist die Ingroup keine wahrhaft solidarische Gemeinschaft, sondern eine, die nur ihrer eigenen Gruppe gegenüber solidarisch handelt. Eine einzelne Äusserung kann sich sofort au der Ingroup befördern.

Was wollen wir eigentlich? Wie wollen eine solidarische Gesellschaft, Gleichberechtigung, Chancengleichheit. Das sind auch die Worte, die sich viele auf die Fahnen schreiben unter denen sie dann genau das Gegenteil betreiben. Wenn das Ziel eine gerechte Gesellschaft sein soll, müssen wir damit beginnen, diese Gerechtigkeit untereinander (!) zu üben. Oft scheint es, als wollten einige gar nichts daran ändern, um in ihrer Ingroup zu bleiben. Gewollt oder ungewollt beweisen gerade einige Menschen das Gegenteil dessen, was sie sich wünschen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass einige – offenbar unbewusst – gar nicht für eine Gleichstellung kämpfen, sondern versuchen die Ungerechtigkeiten aufrecht zu erhalten. Mit dem Ergebnis, dass sich die kuschelige Ingroup nie auflösen möge. Solange es die Ungerechtigkeit gibt, gibt es mein zu Hause unter Gleichgesinnten, die mit mir kämpfen. Menschen, die sich mit mir empören, die meine Gefühle nachvollziehen und teilen können. Solidarität für mich und meine kleine Gruppe. Nicht für die anderen. Klar bin ich gerecht! Ich bin sehr selbstgerecht.

Dieses Phänomen spielt sich traurigerweise vor allem in der sog. linken Szene ab und ich vermute, dass das an der Angst vor dem Fremden liegt, die wir nun einmal ALLE hegen. Wir haben Angst vor den Ideen der Andersdenkenden, mögen sie auch die selben Ziele verfolgen wie wir, wir haben Angst vor gesellschaftlicher Veränderung, weil man an ihrem Anfang nie absehen kann, wie sie enden wird. Wir haben alle Angst, aufeinander zuzugehen. Und dabei beackern wir große, große Themen und verstehen uns selbst niemals als Teil dieser Logik. ICH bin das politische Wesen. ICH beeinflusse mein Umfeld in jedem Augenblick. Im großen gegen Ungleichheiten zu wettern und im kleinen dabei seinem Umfeld vor den Kopf zu stossen, ist kein Vorstoss, sondern ein Dolchstoss. Es ist Gewalt. Es ist genau das, was wir alle nicht wollen.

Am Ende ist das eingetreten, was die Wände meines Bruders von mir verlangt haben. Ein paar meiner Idole sind gefallen. Aber das ist nicht schlimm. Vielleicht stehen sie ja wieder auf, wischen sich den Dreck von den Klamotten und machen weiter damit, mich zu beeindrucken. Als Menschen. Menschlich.

„La Révolution est comme Saturne: elle dévore ses propres enfants.” (Pierre Vergniaud)

zu deutsch: “Die Revolution ist wie Saturn. Sie frisst ihre eigenen Kinder.”

DEAR READER – DOWN THERE, MINING

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Author: Sarah Wiedenhöft

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