Sei jung und halt den Mund? Nicht mit mir!

Ich erinnere mich an eine Situation, die mich sehr verletzt hat. Ich wollte für Mr. W., zu dem Zeitpunkt etwa ein halbes Jahr alt, ein Konto eröffnen. Ausnahmsweise lag er auf dem Weg zur Bank an diesem Tag im Kinderwagen. Durch die lange Krankenhauszeit und die damit verbundene Trennung von mir und die vielen Untersuchungen verlangte er nach unheimlich viel Körperkontakt. Es war mir kaum möglich, ihn auch nur kurz abzulegen, um auf die Toilette zu gehen oder zu duschen, ohne dabei einen aus Leibeskräften brüllenden, puterroten Sohn in Kauf zu nehmen. Und lange schreien durfte er aufgrund seiner durch die Beatmung stark geschädigten Lunge nicht. Nach der Zeit im Krankenhaus waren wir in einer unheimlich Kräfte zehrenden Symbiose, die sich nur schwer lösen lies. Vom vielen Kind Tragen mit dem schweren Monitor, den wir aufgrund von Atempausen mit nach Hause bekamen, tat mir der Rücken so weh, dass es aber an diesem Tag nicht anders ging.

Der Weg zur Bank war schon anstrengend. Es war sehr heiß und voll im Bus, die Elektroden, die nötig waren, um seinen Puls und die Atmung zu messen, lösten sich von Mr. W.s vom Schweiß feuchter Brust und den Füßen, was den Monitor ständig piepen lies und mir böse Blicke von sämtlichen Menschen im Bus einbrachte.

In der Bank angekommen hatte ich erst einmal große Mühe, die Tür zu öffnen. Niemand der umstehenden Menschen half. Als wir es dann endlich zum Schalter geschafft hatten, stand ich einer rothaarigen Frau, nennen wir sie Frau Dagobert, gegenüber. Sie war stark überschminkt und trug einen schwarzen Hosenanzug und das für diese Bank übliche rote Halstuch.

Ich: Ich möchte ein Konto für meinen Sohn eröffnen.

Frau Dagobert sah zuerst mich an und musterte mich von oben bis unten. Dann fiel ihr Blick in den Kinderwagen auf Mr W.

Sie: Oh, wie süß! Eine kleine Promenadenmischung! Ist das wirklich dein Kind? Wie alt bist du denn? Und wer hat das Sorgerecht für euch?

Wortlos legte ich den so genannten Negativtest, die Bestätigung über die Nichtabgabe von Sorgeerklärungen gemäß § 58 a SGB VIII, auf den Tisch, der unter anderem für die Kontoeröffnung notwendig ist, wenn die Eltern keine Erklärung über die gemeinsame elterliche Sorge abgegeben haben. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals, der das Sprechen unmöglich machte. In diesem Moment fing der Monitor an zu piepen, denn Mr. W. hatte heftig sein Bein bewegt, was die Elektrode löste. Hektisch suchte ich unter dem viel sagenden Blick von Frau Dagobert nach dem Aus-Knopf.

Frau Dagobert musterte mich wieder von oben bis unten.

Sie: Oh, es gibt also keinen Vater? Dann war es sicher ein süßer, kleiner Unfall!

Traurig und verletzt nahm ich meinen Negativtest und verließ wort- und tatenlos die Bank. Als ich dann auf dem Weg nach Hause wieder im Bus saß, liefen mir Tränen über die Wangen. Später schrieb ich noch einen müden Beschwerdebrief an die Bankfiliale, der jedoch nie beantwortet wurde.

Immer, wenn ich damals an diese Situation dachte, war ich wütend. Wütend auf mich selbst. Angeschrien hätte ich Frau Dagobert am liebsten, nach dem Chef verlangt, ihr im richtigen Moment die passenden Worte gesagt. Aber ich konnte nicht. Mir fehlte die Kraft dazu. Ich fühlte mich wertlos und allein.  Mutterseelenalleinerziehend.

Wenn ich heute an diesen Tag denke, bin ich immer noch erfüllt von Wut. Diese richtet sich aber nicht mehr  gegen mich selbst, sondern gegen die unheimlich dumme und von Vorurteilen und diskriminierender Sprache gezeichnete Frau Dagobert. Es reicht! Niemand darf mich und mein Kind abwerten! Ich habe das Recht, mein Leben zu gestalten, wie ich es möchte, ohne dafür be- oder verurteilt zu werden! Ja, auch junge Mütter können Lesen und Schreiben! Alle Menschen haben ein Recht darauf, glücklich zu sein, mit dem, was und wie sie leben! Und: Wir sind eine Familie!

Meinen Mund lasse ich mir nicht mehr verbieten! Ich möchte laut sein, für die Menschen, die wie ich in dieser Situation damals keine Kraft haben, für ihre Rechte zu kämpfen. Denn: Wir sind nicht allein! Wir sind 1,7 Millionen!

 

 

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

3 Comments

  1. Liebe Sarah,

    es tut mir so Leid, dass Du und dein Sohn so ein schreckliches Erlebnis hattet.
    Für mich ist es unfassbar, wie unmenschlich sich manche Leute verhalten.
    Ich wünsche Euch beiden alles Gute.

    Post a Reply
    • Liebe Eva,

      Danke dir! Das tut gut! Und das wünsche ich dir/euch auch.

      Post a Reply
  2. Frau Dagobert springt abends in ihren intersektionalen Geldspeicher aus Ismen und badet darin … Rassismus, Sexismus, Adultismus, Klassismus …. mhmmmmmmmmmmmmm und als Badezusatz noch ein bisschen allgemeine Arschigkeit.
    Und leider dümpeln wir alle, wenn vielleicht auch nicht so genüsslich, irgendwie in derselben Plörre herum – gut dass es Stimmen wie deine gibt, die Mut machen!
    Alles Gute für den Start und hoffentlich findest du hier viele, die dich unterstützen!

    Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*