Sehr geehrter Herr Ulrich Nußbaum,

was bin ich nur für ein Glückpilz, Herr Finanzsenator Ulrich Nußbaum. Ich bin in einer wahrhaft priviligierten Situation, denn ich kann die Betreuung meines Kindes heute, morgen und an all den Streiktagen in der Vergangenheit decken. Was sind auch Sie für ein Glückskeks, Herr Nußbaum, denn wie die meisten Eltern würde ich kaum auf die Idee kommen, von Ihnen dafür eine Entlohnung zu fordern. Obwohl das natürlich eigentlich so sein sollte. Ja, eigentlich sollte die Betreuung und das Unterrichten von Kindern unbedingt wertgeschätzt und inzwischen vergütet werden. Aber ich möchte Sie nicht überfordern mit diesem visionären Gedanken. Denn offenbar fällt es Ihnen ja schon schwer, die Lehrerinnen und Lehrer, die diesen harten Job Tag für Tag für uns alle übernhemen, angemessen dafür zu entlohnen. Nun streiken die Lehrer*innen meiner Tochter eben schon seit ein paar Monaten immer wieder und ich klatsche in die Hände, weil ich in dieser Zeit meine Arbeit niederlegen kann und mich voll und ganz darauf konzentrieren kann, mit meiner Tochter Mathematik zu üben. Denn wie wir ja wissen nach den neuesten Pisaergebnissen. Die Kinder derer, die weniger Geld verdienen, sind ganz schlecht in Mathematik. Und dass ich weniger Geld verdiene, ist ja klar. Schlielich muss ich ja immer mal wieder mit meiner Tochter Mathe lernen zu Zeiten, in denen Kinder normalerweise eine Schule besuchen. Das ist kein Problem, Herr Nußbaum. Wirklich nicht. Denn ich übernehme gerne Verantwortung! Ist eigentlich gar nicht so schlimm. Meistens macht man sich sehr beliebt bei seinen Mitmenschen, wenn man für irgendwas die Verantwortung übernimmt. Sei es für das reibungslose Ablaufen eines Kuchenbasars in der Schule oder für die Verfehlungen in Erziehungsfragen. Ich übernehme oft und gerne die Verantwortung und heimse mir damit jedesmal viel Sympthie ein. Aber ja. Verantwortung ist etwas schönes. Und darum möchte ich Sie heute animieren dazu, es auch einmal zu probieren.

Vielleicht ist Ihnen selbst ja schon einmal unangenehm aufgefallen, dass Sie für Ihre Probleme keinen Zuständigen mehr finden können? Niemand ist verantwortlich, niemand der rechte Ansprechpartner. Ich wette, dass Sie dieses Gefühl kennen! Es gehört zum Zeitgeist, dass Sub-Sub-Sub-Unternehmen für die Belange eines anderen Unternehmens arbeiten und dass Sie sich darum nirgendwo beschweren können, da die Verantwortlichkeit immer irgendwo anders liegt. In irgendeiner unerreichten Ferne. Das ist ganz schön doof, oder?

Das politische Equivalent dazu kennen Sie. Es ist das alte Bund-Länder-Spiel. Ein lustiges Spiel, bei dem die Person mit dem längsten Atem gewinnt. Es geht so. Der Bund beschließt etwas, verteilt dafür die Mittel an die Länder und sagt:

“Das müssen die Länder machen!”

Die Länder wiederum haben sich das ja nicht ausgedacht und sagen: “Das soll der Bund regeln!”

Der Bund so: “Das ist Sache der Länder.”

(…)

Das Spiel wird in Talkshows und Zeitungsartikeln gespielt. Gewinner ist die Person, die es schafft den Vorwurf als Letztes zu äussern und den schwarzen Peter möglichst glaubhaft und öffentlichkeitswirksam unter das Volk zu mischen. Momentan, Herr Nußbaum, sieht es ganz so aus, als würden Sie das Spiel verlieren. Denn

“Das Arbeitsgericht hat klar festgestellt, der Arbeitgeber Land Berlin kann über seine Arbeitgeberpflicht nicht disponieren. Das heißt er kann sie nicht abgeben an jemand anders, er muss sich seiner Verantwortung stellen.”,

sagt der Vorstand für Angestellten- und Beamten Politik der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft.
So, Herr Nußbaum. Für mehr bleibt mir leider keine Zeit. Ganz bald wird meine Tochter nach Hause kommen und wir werden dann Mathematik üben müssen. Darum muss ich jetzt schnell noch ein bisschen was schaffen, bevor ich den Job der Lehrer*innen wieder übernehmen kann. Wir machen das seit Monaten so. Kein Problem. Wie gesagt: Ich übernehme gerne Verantwortung. Aber diesen einen Tipp würde ich Ihnen dann doch noch geben wollen: Wenn Ihnen Verantwortung nicht so liegt, sollten Sie kein Lehrer werden. Da haben Sie sich weise entschieden. Jedoch muss ich Sie leider enttäuschen: Zur Tätigket des Finanzsenators muss man leider auch Verantwortung übernehmen. Wenn Ihnen das alles zu viel wird, empfehle ich die Tätigkeit eines Berliner Schülers. Der muss zur Zeit kaum was tun, hat häufig schulfrei und viele wechselnde Verantwortliche vor der Nase. Vielleicht wäre das ja eher was für Sie?

Mit freundlichen Grüßen,

Maike von Wegen

Wenn Ihr auch an Herrn Nußbaum schreiben oder ihn anrufen wollt:

Telefon: (030) 9020-0
Telefax: (030) 9020-2624

Postanschrift:
Klosterstraße 59,
10179 Berlin

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    meine Mutter war alleinerziehend mit drei Kindern (eins ging mit 12 Jahren), und naja, obwohl sie selbstständige Akademikerin war, gings bei uns ziemlich drunter und drüber. Was für die persönliche Entwicklugn vll. gut, im Allgemeinen aber völlig fatal ist, da ich 20 Jahre gebraucht habe, um mich an Regeln halten zu können…nebenbei bemerkt würde sie heute mit Bezug auf die Frauen-Emanzipation sagen: “Es hat sich seit meiner Zeit nichts geändert (60er/70er); wofür haben wir eigtl. gekämpft?”

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