Schmaler G(rat)schlag

Zuletzt haben wir uns gemeinsam darüber geärgert, wie die Caritas Scheidungskinder in einem Kampagnenvideo dargestellt haben. Im Anschluss haben wir uns vielleicht den Rest unserer timeline auf facebook angesehen und noch schnell ein witziges Bildchen geteilt. Eines das einem die Vorzüge eines Familienbettes veranschaulicht oder einer Tragehilfe statt eines Kinderwagens. Wenn wir das getan haben, haben wir möglicherweise den Fehler der Caritas wiederholt. Wieso wir mit unseren guten Ratschlägen lieber ein wenig vorsichtiger sein sollten.

 

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Wenn es eine Frage gibt, auf die sicher 120 Prozent aller erwachsenen Menschen mindestens eine Antwort wissen, so ist es die Frage:

Was braucht ein Kind für eine gesunde Entwicklung?

Alle haben was das betrifft einen Masterplan und alles, was darin steht ist alternativlos. Dabei gibt es mehr verschiedene Vorstellungen und Ideale als es Menschen gibt und während die eine Mutter Stillen im Tragetuch für ein Muss hält, geht ein anderer Vater vielleicht davon aus, dass sein Kind lernen muss, alleine zu schlafen. Der eine Leser erkennt bei diesen beiden Beispielen sofort einen Zusammenhang und referiert über die Wichtigkeit des Bondings, während eine ganz andere Leserin jetzt vielleicht in ihrem Familienbett dem Baby eine Flasche mit Ersatzmilch reicht.

Erziehungsfähigkeit ist ein Wort, das wir häufig im Munde führen und das Gerichte sogar durch Gutachten zu be- oder widerlegen suchen, während es dazu allerdings gar keine wissenschaftliche Definition gibt. Nicht, weil hier abertausende Forscher und Forscherinnen ihr Leben lang geschlafen haben, sondern aus dem einfachen Grunde, dass diese Beurteilung schlicht unmöglich ist.

Ganz grob könnten wir formulieren:

Richtig ist sein Kind zu lieben, falsch ist es, seinem Kind Gewalt anzutun.

Und schon könnten wir alle ganz beruhigt sein und etwa 6 Mio. Kinder weniger in Gefahr wähnen als wir das normalerweise tun, denn unser Grundproblem ist: Wir wissen ALLES (allesallesalles) besser. Ich nehme mich da gar nicht raus, aber ich bin jetzt einfach mal so schlau und erzähle Euch nichts von meinen pädagogischen Ansätzen, weil es mich gar nicht interessiert, ob sich das mit Euren Ansichten über Kindeswohl deckt oder nicht. Schließlich macht das alles am Ende eh keinen Unterschied, denn mein Umgang mit meinem Kind gestaltet sich im Alltag genau so wie Euer Verhältnis zu Eurem Kind gestaltet. Und weder Du noch ich weden mit unserem umfassenden Wissen über kognitive Entwicklung irgendetwas am Alltag der anderen ändern. Aber wir werden uns mächtig auf die Nerven gehen. Insofern greifen wir vielleicht sogar doch in die Erziehung der anderen ein. Indem wir sie mit ihren schlechten Gefühlen dank unserer Reden nach Hause schicken, wo sie dann einen doofen Tag mit ihren Kindern haben, weil es ihnen kaum möglich ist, die Verletzung über unsere Worte zu vergessen. Wir können das also doch beeinflussen. Nur eben leider meistens genau so, wie wir es nicht wollen. Weil wir wissen die Dinge doch nicht besser als unsere Freunde, damit es ihnen schlechter geht. Das ist doch gar nicht unsere Absicht.

Dieses Piktogramm entwertet mich

Gut. Wenn das gar nicht unsere Absicht ist, dann schweigen wir doch einfach drei mal mehr Dinge in uns hinein als wir aussprechen. Denn worüber wir definitiv nie nachdenken, das ist die tatsächliche Wirkung unserer Worte und Bilder. Wenn ich auf facebook ein Bildchen teile auf dem ein Piktogrammvater mir suggeriert, dass das Tragetuch sein Baby glücklicher macht als der Kinderwagen, dann kann das Bild noch so niedlich und ermutigend aussehen, ich treffe damit immer auch eine andere Aussage. Ich sage: Wenn du das nicht so machst, dann ist dein Baby nicht so glücklich.

Selbst wenn es so wäre. Was ist denn, wenn der Vater so einfach nicht glücklich wäre? Wenn ihn die Körperwärme dann verrückt macht oder er einfach nicht dogmatisch irgendeiner Linie folgen will, sondern es für besser hält, mal so und mal ganz anders zu agieren? Dieser Vater hat dann ganz sicher wie wir alle dieses eine Gefühl, das Menschen bekommen wenn sie alleine sind und nachdenken können. Er bekommt dann vielleicht ein schlechtes Gewissen. Ganz von selbst. Weil Eltern sich sowieso immer wieder in stillen Stunden fragen, ob sie nicht gerade dabei sind, die gesamte Zukunft ihres Kindes zu zerstören. Sein schlechtes Gewissen wird ihm in der Beziehung zu seinem Kind gar nicht weiterhelfen. Wir sollten ihm helfen, es schleunigst wieder loszuwerden. Stattdessen bestätigen wir in ihm aber eben diesen Aspekt. Wir zeigen ihm ein lustiges Bildchen das ihm sagt: Ja, stimmt. Schäm dich! Geh nach Hause und fühle deine ganzen schlechten Gefühle. Erkenn ruhig deine Unzulänglichkeiten!

Wieso tun wir das? Wir diskutieren über Stilltechniken, Wickeltechnicken, ob oder ob nicht, sollte man und müsste man nicht eigentlich, wir fällen ständig Urteile darüber wie es zu sein hätte und das schlimmste: für all diese Anmaßungen benutzen wir dann auch noch wildfremde Kinder, in deren Namen wir angeblich unsere Urteile fällen. Und so lösche ich täglich Kommentare auf der facebookseite, wenn die Kirmes der Zänker wieder Halt bei mir macht und das Karussel sich wieder zu drehen beginnt mit Weisheiten wie:

Ein Kind bekommt man doch nicht zu Studienzeiten !

oder

Wer sein Kind nicht im Familienbett schlafen lässt, liebt es offenbar nicht so sehr wie ich meines !!

oder auch

Ein Kind braucht seine Mutter/Muttermilch/Mutter und Vater/ (füge ein beliebiges Dogma ein) !!!

oder eben die subtilere witzigere Variante, in welcher ein knackiges Bild mir auf einen Schlag meine Fehler in der Beziehung zu meinem Kind verdeutlicht. Und dann darf ich mich natürlich “nicht so anstellen” und “es ist doch nur ein Bild” und es ist ja auch “ganz anders gemeint”. Ja, mag sein. Aber das nächste mal, wenn dieser Gedanke Deinen Mund verlassen möchte, dann denke doch bitte noch einmal an die Worte der Caritas. Die haben es nämlich auch gar nicht so gemeint.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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