Schluss mit der Schockstarre! Rassismus geht uns alle an!

Quelle: www.tupokaogette.de

Sich plötzlich den eigenen Privilegien bewusst zu werden tut weh und löst zunächst Abwehr und Verunsicherung, eine Art Schockstarre aus. Es verändert die Sichtweise auf alle Bereiche des Lebens. Wenn eine Mutter ihrem eigenen Kind gegenüber ein Privileg feststellt, steigert sich dieses Gefühl um ein Vielfaches. Dem Thema möglichst auszuweichen und es zu verdrängen, zu ignorieren, oder schön zu reden kann zunächst die Folge sein. Und ich gebe zu: Auch bei mir als weiße Mutter eines Schwarzen Kindes war das die erste Reaktion. Doch nach dem ersten Schock muss es weitergehen!  Wie gehe ich als Mutter mit diesem Wissen um? Tupoka Ogette unterstützt in ihren Empowerment Workshops Eltern Schwarzer Kinder bei diesem schwierigen Prozess und erzählt mir, was es in Deutschland bedeutet weiß zu sein, wie man seinen Blick für die eigene gesellschaftliche Stellung schärft und welche Anforderungen vor allem die Faschingszeit an dieses neue Bewusstsein stellt. 

Tupoka, was bedeutet es für Mutter und Kind, wenn die Mutter weiß ist und das Kind Schwarz?

Es wäre schön wenn ich sagen könnte, dass es gar nichts besonderes bedeutet. Es sind Mutter und Kind und dem sollte eigentlich nichts dazwischen stehen. Die Realität ist leider eine Andere, denn wenn du und dein Kind vor die Tür geht, dann habt ihr eine andere Lebensrealität. Ihr werdet anders wahrgenommen, anders markiert, habt unterschiedliche Chancen, Herausforderungen und kämpft mit unterschiedlichen Vorurteilen. Genauso, wie es einen Unterschied macht, ob man einen Jungen oder ein Mädchen bekommt, mit den gesellschaftlichen Erwartungen und Vorurteilen, die damit verknüpft sind, ist es eben auch mit der Hautfarbe. Damit kommt auf die weiße Mutter eine besondere Verantwortung zu. Dieser sollte sie sich bewusst sein.

Was genau bedeutet das denn für mich und mein Kind?

Rassismus ist in Deutschland noch an sehr vielen Stellen präsent. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir alle rassistisch sozialisiert sind. Schwarze und weiße Menschen haben in diesem Konstrukt unterschiedliche Positionierungen. Weiß zu sein in Deutschland, bedeutet zum Beispiel ein Teil der Mehrheit zu sein, als “normal” und als Individuum wahrgenommen zu werden. Dein Schwarzes Kind wird sowohl individuelle als auch institutionelle Rassismuserfahrungen machen, wird “othering” erleben und mit vielen unterschiedlichen Vorurteilen konfrontiert werden. Deine Aufgabe ist also einerseits, zu verstehen wie Rassismus funktioniert, wo er überall präsent ist – auch den Rassismus in dir zu erkennen – und dann deinen Sohn bestmöglich zu schützen und zu stärken.

Ist es als alleinerziehende weiße Bezugsperson nötig, die Schwarze Bezugsperson zu „ersetzen“?

Ich glaube, als alleinerziehende Bezugsperson ist man der Frage „Kann ich den Vater ersetzen?“, immer wieder ausgeliefert. Es ist eine ähnliche Diskussion. Ich persönlich denke: Ersetzen kann man den (Schwarzen) „fehlenden“ Elternteil nicht. Ich weiß auch nicht, ob das das Ziel ist. Wichtig finde ich, dass du als Mutter weißt, dass du weiß bist und was es bedeutet weiß zu sein. Dass du dadurch bestimmte Erfahrungen nicht selbst durchlebt hast. Du schaust durch eine weiß sozialisierte Brille auf die Welt und es ist deine Aufgabe, diese Brille abzusetzen und deinen Blick zu schärfen, was Rassismus betrifft. Wenn du erkannt hast, dass Schwarz und weiß sein in unserer Gesellschaft etwas anderes bedeuten, ist es wichtig, dass du dann deinem Kind den Zugang zu Empowerment-Räumen ermöglichst. Das sind zum Beispiel Räume, in denen dein Kind mit anderen Schwarzen Kindern zusammen sein kann. Und ich denke, es ist wichtig, dass du so gut wie möglich versuchst, für dein Kind eine vorurteilsbewusste Umgebung zu kreieren.

Wie kann ich denn meinen Sohn stärken?

Es gibt zwei Achsen, die eine Rolle spielen. Das ist zum einen die theoretische Beschäftigung mit Rassismus. Woher kommt er? Wie ist er entstanden? Wer ist wie positioniert und wie tief sitzt er in der Gesellschaft? Wie erkenne ich Rassismus und wie kann ich ihn dekonstruieren? Das andere ist Empowerment. Es wichtig, das Kind dabei zu unterstützen, Handlungsstrategien für den Umgang mit Rassismus zu entwickeln. Und es ist wichtig, dass du die Gefühle des Kindes ernst nimmst. Auch dann, wenn du selbst sie vielleicht nicht sofort nachvollziehen kannst.

Meinem Sohn wird regelmäßig von wild fremden Menschen in die Haare gefasst. Was kann ich tun?

Schwarzen Menschen gegenüber kommt es oft zu Grenzüberschreitungen. In die Haare fassen ist in jedem Workshop, den ich mache, ein Riesenthema. Ich finde es wichtig, dass Schwarze Kinder lernen Stopp zu sagen und wissen, dass das total ok ist. Das sie sich nicht anfassen lassen müssen. Manchmal spiegele ich auch die Person und fasse ihr zurück in die Haare. Aber das erfordert Überwindung.

Wie gehe ich denn mit weißen Menschen um, die sagen, dass es keinen Rassismus gibt und das Schwarze Menschen überall akzeptiert werden?

So funktioniert Rassismus. Eines der größten Privilegien vom Weißsein ist es, dass man Rassismus ignorieren kann. Dahinter steht eine riesige Angst. Vor Veränderung, vor Machtverlust etc. In dem Moment, wo sich ein weißer Mensch eingesteht, dass es Rassismus gibt, wird sich seine gesamte Sichtweise auf diese Welt verändern. Gleichzeitig ist das Thema total tabuisiert. Das Wort ist sehr moralisch belastet. Etwas durch und durch Böses. Wir lernen überall: Ja, es gibt Rassismus. Das sind Menschen, die kommen aus der rechten Ecke. Die haben Glatzen und Schlagstöcke, aber nichts mit mir selbst zu tun. Und das ist grundlegend falsch. In dem Moment, in dem du ein politisches Problem nicht als solches anerkennst, kannst du ja nicht drüber reden. Für mich ist der erste Schritt in der Debatte um Rassismus dann getan, wenn die Menschen verstehen, dass rassistisch sozialisiert zu sein, nicht bedeutet, ein Rassist zu sein. Dann können wir anfangen zu reden…

Ist es denn gerade bei Familienmitgliedern auch die Angst um das Schwarze Kind, die diese Reaktion hervorruft?

Natürlich. Ich habe es schon oft erlebt, dass zum Beispiel ein Kind zu seiner Bezugsperson sagte: Auf dem Spielplatz hat mich jemand du N*** genannt! Und die Reaktion der Erwachsenen ist dann oft: Du hast dich bestimmt verhört. Das passiert doch nicht. Das tun sie, weil dieses Erlebnis sie so sehr erschreckt. Sie können nicht damit umgehen und ignorieren es deshalb. Sie wünschen sich natürlich auch verzweifelt, dass ihrem Kind so etwas nicht passiert und wollen das Kind schützen. Diesen Impuls kann ich gut verstehen. Es ist eine schlimme Sache und man ist dann so überfordert, dass man es negiert oder ignoriert. Für das Kind ist diese Reaktion fatal. Es lernt, dass es etwas Schlimmes erlebt hat und emotional verletzt wurde, aber in seinen Empfindungen nicht ernst genommen wird, denn die Bezugsperson nimmt diese Gefühle offensichtlich nicht wahr. Das Kind bezieht dann im schlimmsten Fall alles auf sich und denkt vielleicht sogar, dass es sich den Schmerz über das Ereignis nur einbildet. Das ist dann eine doppelte Verletzung.

Also ist es genau das, was man eigentlich nicht erreichen möchte.

Genau. Und es ist viel besser, zu sagen: Hey, es ist furchtbar, was du da erlebt hast. Ich verstehe deinen Schmerz. Mich erschreckt es auch. Verbalisieren der eigenen Angst ist wichtig, denn nur so lernt das Kind, dass sein eigenes Gefühl richtig ist.

Stell dir vor, im Kindergarten ist ein Kind als Indianer verkleidet. Wie reagierst du darauf?

Ich habe das Gefühl, dass das gerade in Deutschland ein sehr unberührtes Thema ist. Zu kultureller Aneignung ist sehr wenig Wissen vorhanden. In dem konkreten Fall würde ich versuchen, mit der Kita und auch mit den Eltern in den Dialog zu gehen.

Was empfiehlst du Eltern, wenn Kinder den Wunsch äußern, beispielsweise als Indianer oder Hulamädchen zu gehen?

Ich denke, es ist wichtig, mit den Kindern darüber zu sprechen und ihnen zu erklären, warum so eine Verkleidung mitunter kritisch sein könnte. Wir können uns ja auch als Eltern entscheiden, ob unser Kind etwa als Polizist mit oder ohne Waffe zum Fasching geht. Bei Themen wie kultureller Aneignung oder Rassismus sind wir darauf trainiert, um sie herumzutanzen und uns nicht direkt damit auseinander zu setzen. Wir trauen uns nicht, eine klare Position einzunehmen.

Meine letzte Frage: Schwarze und weiße Kinder spielen zusammen völlig gleichberechtigt. Was muss deiner Meinung nach passieren, damit das möglich wird?

Das ist noch ein langer Weg, aber die Hoffnung stirb zuletzt 😉 Es ist perspektivisch möglich, aber da muss noch an vielen Stellen angesetzt werden. Rassismus steckt in jeder Ritze der Gesellschaft. Pädagog*innen brauchen Fortbildungen und intensive Auseinandersetzung mit Rassismus, damit sie entsprechend reagieren können. Die Auseinandersetzung mit Vielfalt und das Aufeinandertreffen von Machtachsen muss in jeder Bildungseinrichtung präsent sein. Medien sind ein Riesenthema. Es muss in Büchern, Filmen und allem möglichst präsent sein. Es muss zunächst einmal ein Vorurteilsbewusstsein geschaffen werden. Überall an diesen Punkten sitzt das Thema Rassismus und bevor das nicht aufgearbeitet ist, ist ein diskriminierungsfreies Miteinander utopisch.

 

Tuboka Ogette lebt in Berlin und ist Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung. Zu diesen Themen bietet sie Workshops in ganz Deutschland an.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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4 Comments

  1. Lebe Du mal als Weisser in Afrika, dann weisst Du was Rasissmus ist.

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    • Bin neugierig auf deinen Bericht 😉

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    • Hallo Kamau, Du hast wohl nichts an diesem Artikel verstanden, oder? Es ist ziemlich wütend machen, wenn Du nach diesem Artikel dieses Satz als Fazit ziehst. Schade…

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    • Hahahahaha; du bist so offensichtlich noch nicht einmal in Afrika gewesen – sonst hättest du bemerkt wie man dich dort als weiße Person regelmäßig bevorzugt behandelt. In welcher der 54 Länder in Afrika eigentlich?

      Dass dich die Menschen dort als das behandeln was du bist, ein Angehöriger der globalen Elite wohlhabender Menschen, die Not nicht kennen während viele Afrikaner selbst unter sehr schwierigen Bedingungen leben, ist kein Rassismus.

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