Sag was.

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Man schwimmt nie alleine gegen den Strom

 

Ich weiß, dass meine Biographie ein Extrembeispiel und glücklicherweise nicht der durchschnittliche Hergang eines Alleinerziehendenalltags ist. Fakt ist aber, dass jeder – wenigstens vom Hörensagen – eine Geschichte zu erzählen weiß, in dem die Worte Aufenthaltsbestimmungsrecht oder Sorgerecht auftauchen. Und einige Aspekte dieser Dramen stimmen immer überein. Zum Beispiel die totale Isolation.

So schien es zum Beispiel während der gesamten Zeit meines Gerichtsstreits – und diese Zeit dauerte immerhin ein Jahr – absolute Selbstverständlichkeit zu sein, dass kein Mitglied meiner Familie sich auf meine Seite schlug.
Ich habe drei Geschwister, zwei Stiefgeschwister, zwei Tanten, einen Vater mit neuer Frau, eine Großmutter, eine Cousine, einen Cousin, … , usw. Und diese Menschen standen nun entweder auf der Klägerseite vor Gericht oder hielten sich schlicht raus aus dem Schlamassel.
Das war erstaunlich. Und ich kenne zahlreiche anderer Geschichten, in denen es ähnlich lief. Treibt erst einmal jemand einen Keil durch dieses fragile Konstrukt, das wir als Familie bezeichnen, erlebt man den wahren Wert dieses fahlen Wortes.

Wir alle gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass es von Bedeutung ist, wo wir herkommen. Das Wort Familie übersetzen wir spontan mit Zusammenhalt und – gehörigkeit, wir sprechen von einem STAMMBAUM. Etwas das hart, beständig, groß und fest ist. Und alt. Sehr alt und weise. Die Wahrheit ist: Wenn es stürmt, brechen die Äste ab und lassen sich unschuldig zu Boden fallen. Was bleibt ist ein hässlicher kahler Stamm zu dem jeder sich dann wieder zugehörig fühlen soll. Teil des Ganzen, Teil des Stamms.

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– STAUMBAMM! Wörter sind Nazis! –

Das nur am Rande.
Fakt ist: Wie dieses kleine Spielchen am Rande zeigt, sind Wörter nichts als Illusionen. Das Wort Familie bildet da wahrhaft keine Ausnahme. Worauf wir uns so selbstverständlich verlassen, ist gar nicht existent. Wir pflegen Traditionen wie Weihnachten und Geburtstage mit diesen Menschen, aber das bedeutet lange noch nicht, dass man sich auf diese Menschen verlassen könnte. Und wie kommt es, dass alle Erzählungen über Weihnachten immer mit dem Klischee spielen, dass unterm’ Christbaum alle streiten? Wieviele Witze gibt es über die leidigen Telefonate mit der Mutter oder Schwiegermutter?

Ich bin wahrhaft nicht verbittert über diese Tatsache. Aus mir spricht keine Verzweiflung und keinerlei Selbstmitleid; aus mir spricht ein riesiges Vertrauen. Was mich all diese traurigen Erfahrungen gelehrt haben, ist, mir selbst zu vertrauen. Das bedeutet nicht, dass ich mit herabgezogenen Mundwinkeln durch die Gegend eier und skandiere: “Die Menschen sind schlecht! Traue nur dir selbst!” Es bedeutet, dass mein Vertrauen ein weitaus höheres Gut geworden ist als es zuvor war. Wem ich vertraue, dem mache ich das größte Geschenk, das ich zu geben im Stande bin.
Und dass ich gelernt habe, mir selbst zu vertrauen heißt, dass ich besser auf meine Gefühle höre. Gesellschaftliche Verpflichtungen, die mein Bauch mir verbietet, lasse ich nicht mehr über mich ergehen. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Meiner Mutter nicht, dass ich irgendetwas kann; meinem Vater nicht, wie vernünftig ich inzwischen bin und keinem Niemandem mehr gar nichts überhaupt nie.

Das Gute am Leid ist, dass wir daraus immer etwas über das Glück lernen. Und sei es bloß seine Wertschätzung.
Dennoch könnten wir wohl einiges an Leid ersparen, wenn wir damit aufhören würden, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Nennen wir die Dinge doch zur Ausnahme mal bei ihren Dingen!
Sprechen wir – verdammt noch einmal – über unsere Ängste und tun wir nicht länger so abartig cool. Was mir das deutsche Fernsehen, Familienmagazine und Frauenzeitschriften als Familie verkaufen wollen, kastriert meine Seele. Von der Werbung ganz zu schweigen.

“Ich will keinen guten Willen, ich will Rückgrat sehen. Dabei sein ist nicht alles, wenn wir das Glücksrad drehen.”
(Zitat aus “weniger ist mehr” von EINSZWO)

“Miteinander reden ist mehr als tausend Worte”
(Zitat von mir)

 

In diesem Sinne: Alles Gut
Alles gut habe ich gemeinsam mit dem großartigen Sven van Thom arrangiert und aufgenommen.
Und gewidmet war dieses Liedgut niemand geringerem als meiner treuen Freundin Kathrin Weßling

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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