#regrettingmotherhood: Sehnsucht nach Freiheit. Manchmal.

Strand

Die Diskussion um die Ambivalenz des Mutterseins seit dem Artikel  in der Süddeutschen habe ich sehr gespannt verfolgt. Christine Finke von Mama Arbeitet hat einen sehr schönen Text zum Thema geschrieben. Auch Rona Duwe von den Phoenix-Frauen hat einen tollen Text geschrieben. Beide haben durch späte Mutterschaft eine lange Zeit des selbstbestimmten, kinderlosen Lebens verbracht. Das heißt, in ihren Gefühlen greifen sie auf Lebenserfahrung zurück. Erfahrung aus dem Leben ohne Kind.

Ich bin gern Mutter und ich liebe meinen Sohn sehr. Aber manchmal fühle ich mich ein bisschen wie die kleine Meerjungfrau, die aus dem Wasser die Menschen beobachtet und sich aus ihrer Vorstellung heraus ein Leben wünscht, das sie eigentlich gar nicht kennt. Auf diese Weise beäuge ich schon ab und zu das scheinbar freie Leben meine Kommiliton*innen, die etwas haben, was ich nicht kenne: Eine Zeit als erwachsene, kinderlose Menschen.

Als mich mein Frauenarzt mit dem Satz: “Herzlichen Glückwunsch! Ihre Blasenentzündung wird demnächst Arme und Beine bekommen!”, überraschte, war ich in der 12. Klasse und mitten in den Abiturvorbereitungen. Fragen, wie etwa, ob ich eine Familie haben möchte und wann und wie viele Kinder ich bekommen möchte, hatte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nie gestellt. Eigentlich sollte dann, nach dem Abitur, ein Leben der Selbstbestimmtheit beginnen. Der Unabhängigkeit. Reisen, Parties, sich ausprobieren.

Ich wollte in England studieren. Die Bewerbung war schon unterwegs. Die Einladung zum Interview an der University in London trudelte gleichzeitig mit dem positiven Schwangerschaftstest ein. Da saß ich nun auf dem Sofa, zwei Tage vor der ersten schriftlichen Abiturprüfung.  In der linken Hand das Ultraschallbild, in der rechten Hand die Einladung zum Interview in der Uni.

Ich bin nicht nach London geflogen. Aber ich gebe zu, dass ich lange überlegt und viele Gespräche geführt habe. Auch einen Beratungsschein habe ich mir ausstellen lassen. Jedes Mal, wenn ich heute darüber nachdenke, überkommen mich Schuldgefühle. Ich habe damals einen Schwangerschaftsabbruch  in Erwägung gezogen, nicht zuletzt, weil sich abzeichnete, dass ich mich mit der Entscheidung für Mr. W. auch für ein Leben als Alleinerziehende entscheiden werde. Aber was bedeutet das? Wie wird mein Leben aussehen? Ich wusste es nicht.

An das Muttersein bin ich unbedarft herangegangen. Ich dachte mir: Das wird schon! Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob und wie lange ich stillen möchte. Auch andere Mütter mit kleinen Kindern kannte ich bis zur Entbindung nicht. Der Besuch eines Geburtsvorbereitungskurses hatte sich dann auch erledigt, da Mr. W. schon 6 Wochen vor dem Start des geplanten Kurses in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde.

Die Verantwortung, die ich vor allem in den letzten, kritischen Wochen der Schwangerschaft trug, war riesig und sie lastete so schwer auf mir, dass mich die Geburt und das damit verbundene Abgeben der Verantwortung für das Überleben meines Kindes an die Ärzte im Krankenhaus sehr erleichterte. Für mich waren die Monate danach eine harte Zeit, aber auch eine Möglichkeit, mich an mein neues Leben zu gewöhnen, in das ich so plötzlich hineingeworfen wurde.

Direkt nach dem Kaiserschnitt stand eine Krankenschwester mit einer Milchpumpe vor mir und zeigte mir, wie ich sie zu benutzen hatte. Ich probierte es und es klappte.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus war es nicht möglich, Mr. W. auch nur kurz zum Duschen abzulegen. Er war bei mir und ich war bei ihm. Meist in engem Körperkontakt im Tragetuch. An allein sein war nicht zu denken.

Oft war ich sehr müde. Mr.W. schlief wenig und sehr unruhig. Es brauchte Stunden, um ihn hinzulegen und Monate, um ihn daran zu gewöhnen, dass ich aus dem Zimmer gehen konnte, wenn er schlief um wenigstens noch eine Stunde für mich zu haben und in Ruhe etwas lesen zu können. An Parties oder gar Reisen war nicht zu denken.

Wenn ich lernen muss und Mr W. dann hereinkommt, ist das für mich normal. Ich kenne es nicht anders. Ich hatte nie ein Leben, in dem ich Schlafen konnte, so lang ich wollte und ausgehen konnte, wann mir der Sinn danach stand.

Ich bin in die Mutterrolle hinein gewachsen und in ihr erwachsen geworden. Ich habe gelernt, zu lieben, mich abzugrenzen, zu kontrollieren, nachzusehen, da zu sein, los zu lassen.

Manchmal denke ich Sätze, die mit “Wärst du nicht da, dann…”, beginnen. Aber ich tue alles, dass ich sie niemals vor Mr. W. aussprechen werde.Das, was dann eventuell gewesen wäre, kenne ich außerdem ja gar nicht. Ich kann somit das Gefühl zu dem, was mir vermeintlich fehlt, gar nicht mit Erfahrungen und Erinnerungen an Erlebtes füllen. Ich nehme mir das als Vorteil. Einfach, um mit der Situation gut umgehen zu können.

Ich genieße die Stille am Abend, wenn Mr. W. im Bett ist. Manchmal sitze ich dann da und fühle ich mich wie die kleine Meerjungfrau und sehne mich nach einem anderen, freieren Leben. Eines, in dem ich nicht im Wasser gefangen bin und Beine habe, mit denen ich am Strand tanzen kann. Aber meistens schaue ich ins Kinderzimmer, höre Mr. W. leise und zufrieden atmen und denke: Es ist gut so!

 

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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8 Comments

  1. Ach Schoen, ich kenne leider das freie Leben sehr gut und habe meine Unabhaengigkeit immer sehr genossen, bin auch frueh zu Hause ausgezogen und manchmal denke ich mir, wie oberflaechlich das alles doch war und am Ende des Abends lag man dann doch immer allein im Bett. Nun brauche ich ganz viel Energie fuer meinen Wirbelwind und bin froh denn sie gibt einem ganz viel Lachen und Liebe zurueck, da bin ich froh nicht mehr in Bars und Clubs rumzuhaengen um ein bisschen was zu spueren…..

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  2. ich weiß, das ist leicht gesagt und mit kindern mag es einem falsch vorkommen, aber: ich denke nicht, dass du ein schlechtes gewissen haben solltest, weil du auch an einen abbruch gedacht hast.
    ich war älter und im studium, als ich meinen abbruch hatte. ich weiß, dass ich das kind auch geliebt hätte – aber ich habe eigentlich verhütet (wie es zur schwangerschaft kam, ist eine längere geschichte), eben weil ich mich für ein kind nicht bereit fühlte. das kind, das entstanden wäre, begleitet mich, auch jetzt noch, wo ich zwei kinder habe. die es nicht gäbe, wenn ich ihn bekommen hätte.

    ich bin der meinung, dass die möglichkeit, eine ungewollte schwangerschaft NICHT auszutragen, weniger mit schuld und schlechtem gewissen belastet sein sollte. more power to you, dass du dich für das kind entschieden hast. ich weiß, ich hätte dem kind nicht das leben bieten können, das ich meinen gewünschten kindern bieten wollte. ich hätte die schweren zeiten, die kinder mit sich bringen (ja, auch mit zwei wunschkindern schaue ich manchmal neidisch auf die zeit und das geld kinderfreier menschen), nicht durchgestanden ohne ablehnung. ich konnte nicht garantieren, dass das kind nicht unter meiner entscheidung hätte leiden müssen – und deshalb habe ich mich dafür entschieden, die konsequenzen meiner ungeschicklichkeit und schlicht leichtfertigkeit allein zu tragen. (damit spreche ich nur über mich. ich unterstelle niemandem das, was ich für mich fürchtete.)

    dass du in der situation, in der du warst, auch erwägt hast, dich für ein anderes leben zu entscheiden, ist nur eins: NORMAL. dafür muss man sich nicht schlecht fühlen. so wie man sich auch nicht schlecht fühlen muss, wenn man die entscheidung eben anders gefällt hat.

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  3. Ein ganz toller Text. Vielen Dank für Deine Perspektive. Ich bin selbst ziemlich spät, also mit 35, Mutter geworden. Und wenn ich so zurückblicke auf mein junges Ich…ich glaube, als junge Mutter wäre ich nicht so toll gewesen.

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  4. Das schöne an einer frühen Mutterschaft ist, dass man selbst noch nicht so alt ist, wenn der Nachwuchs flügge wird.
    Wenn mein Sohn 18 wird, bin ich 40 und habe dann noch so viel vor mir… und ja, darauf freue ich mich jetzt schon (mit 32). Haltet durch, es ist alles nur eine Phase. Manche Phasen dauern halt etwas länger.

    Disclaimer: das klingt jetzt liebloser, als es gemeint ist. Meine Kinder sind toll, aber nicht mein alleiniger Lebensinhalt.

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  5. Hallo! Ich bin auch jung Mutter geworden, noch früher als Du, und ich glaube das diese Unbeschwertheit es einfacher gemacht hat. Heute habe ich zwei erwachsene Töchter und einen Beinahe-Teenager, und die schlimmste Zeit liegt hinter mir. (*auf holz klopft) Ich habe dennoch mein Leben gelebt, Parties gefeiert, studiert worauf ich Lust hatte und bin natürlich durch harte Zeiten gegangen, aber sie haben mich stärker gemacht. Ja, ich bin nach der Uni nicht in die Mensa sondern schnell nach Hause, um meine Jüngste vom Kiga abzuholen, und bestimmt habe ich auch eine Menge verpasst -aber tut man das nicht immer, egal welchen Weg man einschlägt? LG! Ela

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  6. ganz sicher musst du wegen deinen Gedanken zum abbruch kein schlechtes gewissen haben. ich hätte es gemacht da ich keine kinder will und diese Chance in England war einmalig und wahrscheinlich würde dein leben heute ganz anders aussehen wenn du sie genutzt hättest.
    irgendwie finde ich das trotzdem schade…ich verstehe absolut dass du dein Kind liebst aber das was du erzählst hört sich in meinen ohren schrecklich an.nie richtig an sich zu denken, nie Party machen zu können, das braucht man doch schon alles für seine eigene Entwicklung
    ich wünsche dir wirklich alles gute und hoffe du kannst später einiges nachholen zb alleine oder mit Partner auch mal reisen und dir die welt ansehen

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