Nimm die weiße Brille ab

Rassismus

Ich gebe es direkt zu: Bevor ich Mr. W. geboren habe, habe ich mich nicht mit meiner Haut beschäftigt.Um geeignete Sonnencreme habe ich mich schon gekümmert, aber mir war es sogar schlicht egal, ob ich im Sommer in der Sonne nun braun werden würde oder nicht. Genauso wenig habe ich mich mit der Haut von anderen Menschen beschäftigt. In meiner kleinen Welt waren sie einfach alle gleich. Gleich nicht im negativen, sondern in einem sehr positiven Sinn. Es gab  in dieser kleinen, heilen Welt nämlich vor allem gleiche Rechte für alle. Zumindest für die Menschen in meinem direkten Umfeld.

Die Geburt von Mr. W. war, wie vermutlich die Geburt jedes Kindes es für eine frisch gebackene Mutter ist, ein einschneidendes Erlebnis. Vorher erhielt ich viele nützliche, und weniger nützliche Tipps, die das Leben mit dem Säugling erleichtern sollten:

Leg Dich hin, wenn Dein Kind schläft!

 

Besorg dir eine Milchpumpe, damit Du das Kind auch mal länger abgeben kannst!

 

Lass es sein, mit dem Abpumpen, das hemmt die Milchproduktion!

 

Holzspielzeug ist für Babies besser als Plastikspielzeug!

 

Nein, es ist genau umgekehrt!

Und noch vieles mehr. Auch hier spielte meine Hautfarbe oder die meines Ungeborenen keine Rolle, was sich dann eben mit der Geburt von Mr. W. schlagartig ändern sollte. Niemand kam, der sagte:

Hey, wenn Du mit Deinem Sohn auf dem Weg zum Kindergarten bist, kann es passieren, dass ihm von fremden Menschen in die Haare gegriffen wird. Da tust Du am besten dieses oder jenes!

 

Und übrigens wirst Du sicher auch mehrmals in der Woche gefragt, woher Dein Sohn genau kommt. Da reagierst Du am besten dann so!

 

Und falls Du gefragt wirst, ob Dein Sohn afrikanisch spricht oder eben in der Lage ist deutsch zu verstehen, hilft am besten das!

Das alles traf mich, aber völlig unvorbereitet.

 

Der ist aber doch recht hell!

Sagte beispielsweise die Krankenschwester, die mich, durch die Vollnarkose nach dem Kaiserschnitt noch geschwächt, im Bett auf die Intensivstation fuhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich selbst mein Kind noch nicht gesehen. Da mein Sohn in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurde, waren sowohl der Kaiserschnitt als auch die Intensivstation notwendig.  Auf dem Weg zu Zimmer 1 der Neonatologie, wo  die Krankenschwester schließlich für einen kurzen Moment mein Bett neben dem Inkubator mit meinem Sohn aufstellte, vergaß ich diese Bemerkung erst einmal wieder. Mein Kopf war so voll mit anderen Dingen. Mr. W. war so klein und der Raum, in dem der Inkubator stand, war voller unheimlicher Geräte. Aber er war ein perfekter kleiner Mensch und er lebte!

In den nächsten Wochen und Monaten im Krankenhaus und auch in der Zeit danach häuften sich diese Bemerkungen der Krankenpfleger*innen und der anderen Eltern jedoch und irgendwann war es mir nicht mehr möglich, sie zu ignorieren. Obwohl ich ehrlich gesagt aus aller Kraft versucht habe, dies zu tun. Man wunderte sich über die Hautfarbe meines Sohnes und dann, in der Kombination eben auch über die Farbe meiner Haut, seine blauen Augen, die sich nach und nach braun färbten. und über seinen glatten Babyflaum, der sich in den zwei Jahren nach der Geburt zu hellbraunen Locken entwickelte. Über seine offensichtlich fehlenden Afrikanisch-Kenntnisse. Über seine gute Aussprache selbst bei für schwierig erklärten deutschen Begriffen wie Gabel, Gießkanne oder Teddybär.

Der betont das Ä aber schön. Fast wie ein Deutscher!

Ich fühlte mich in diesem Moment so hilflos. Meine ganze kleine, heile Welt, die ich als Kind lieb gewonnen hatte, zerbrach in tausend Scherben. Dazu kam die Angst um mein Kind und der Wunsch, es schützen zu wollen. Nun heißt es, sich mit dem Wissen um meine Position zu beschäftigen und damit umgehen zu lernen. Damit es vielleicht möglich ist, dass alle Menschen in der Realität so leben können, wie es in der kleinen heilen Welt in meinem Kopf war.

Als weißer Mensch in Deutschland hat man die Möglichkeit, Rassismus auszublenden. Ihn zu ignorieren.

Rassismus? Gibt es hier nicht! Ich bin doch kein Nazi!

Ich habe das getan, wenn auch unbewusst. Ich war fest davon überzeugt, Rassismus wäre ein Problem der rechten Szene mit der die “normalen” deutschen Bürger*innen nichts zu tun haben. Ich glaubte daran, dass die Hautfarbe im alltäglichen Leben für keinen Menschen eine Rolle spielt.

Aber was bedeutet weiß sein in Deutschland tatsächlich?

Als weißer Mensch kann ich in der U-Bahn fahren, ohne dass mir in die Haare gefasst wird. Ich kann einkaufen gehen, ohne dass ich an der Kasse Komplimente oder entsetzte Blicke für mein vermeintlich gutes Deutsch ernte. Ich werde nicht gefragt, wo ich genau herkomme, aus welchem Grund ich hier bin oder ob ich mit der mir gegenübersitzenden Frau im Bus verwandt bin, weil die mir ja ach so verdammt ähnlich sieht (Man kenne sich ja schließlich untereinander). Ich werde nicht gebeten, mit grauenhafter Stimme etwas vorzusingen, weil mir das aufgrund meiner Hautfarbe als Eigenschaft zugeordnet wird (Und ich vermute, dass ist sowohl für mich als auch für die potentiellen Zuhörer*innen besser so 😉 ).

Ich habe durch Mr. W. gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Nun heißt es bewusst mit dem Wissen um diese Privilegien umzugehen.

Und was ist mit Dir?

Nimm auch Du die weiße Brille ab! Nur dann wird unsere Welt zu einem Ort, an dem jeder Mensch sich nur noch um den geeigneten Sonnenschutz kümmern muss und die Farbe seiner Haut keine Rolle mehr spielt.

Foto: Privat, Figuren aufgebaut von Mr. W.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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1 Comment

  1. Noch ein toller Artikel! Mir wurden schon während der Schwangerschaft z. B. im Geburtsvorbereitungskurs vor der gesamten Gruppe ezählt, wie genau unser Kind aussehen wird und wann sich sein Aussehen genau wie ändert. Den anderen Paaren wurde hingegen niemals dergleichen von irgendjemandem erklärt. Da war es wohl selbstverständlich, dass ihre Kinder alle individuell und außerdem “normal” verstanden wurden, nicht so das unsere. In meiner Vorfreude hat mich das leider nicht mal besonders stutzig gemacht (auch wenn es sich da schon blöd anfühlte) und es dauerte noch eine Weile, bis ich die Methodiken dahinter erahnte.
    Es ist aber schön zu sehen, dass es immer mehr Leute zu geben scheint, die das Thema anfassen. Und ich freue mich, dass ich die Chance dazu bekomme, zumindest die vielen Brillen auf meiner Nase wahrzunehmen, auch wenn das Abnehmen langwierig ist und ich auch immer wieder noch daran arbeiten muss.

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