Nicht jeder kann alles tun – professioneller Boykott

Ich befasse mich zur Zeit ja hauptsächlich mit dem Thema der Verantwortung und des Boykotts. Heute möchte ich Euch  noch ein bisschen die Lähmung nehmen, die der Boykottwille durchaus hervorrufen kann. Keine Angst. Alles halb so wild. Der Boykott soll nämlich zwar entschlossen sein, aber nicht bedingungslos. Los geht’s.

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Irgendwo muss man ja anfangen.

Wer einmal damit anfängt, sein Konsumverhalten zu korrigieren, der entdeckt plötzlich, dass es kaum noch etwas gibt, was allen (eigenen!) moralischen Vorstellungen entspricht. Es könnte schnell zu einem Fulltimejob werden und es könnte einem viel zu viel abverlangen. Du kannst gar nicht vollkommen korrekt werden. Entscheidend ist in diesem Fall die Ameise. Die Ameise??? Ja, die Ameise. Ameisen haben etwas, das man kollektive Intelligenz nennt. Davon müssen wir lernen. Es gibt ein gemeinsames Ziel, das man gemeinsam erreichen kann, wenn alle einfach dezentral ihren Teil zur Lösung beitragen. Wir brauchen keinen Leader, sondern nur ein gemeinsames Ziel. Ich mache es wieder an einem Beispiel fest. Ich habe Euch einmal davon berichtet, dass es einen Haftbefehl gegen mich gab, weil ich mich nicht gewehrt hatte gegen Vorwürfe des jobcenters. Hartz IV ist z.b. eines der  Unrechtsysteme, gegen die wir kämpfen.  Wenn man gegen ein ungerechtes System ist, und dieses ungerechte System möchte einen in Haft nehmen, ist die logische Konsequenz des friedlichen Widerstands eigentlich, dass man sich tatsächlich verhaften lässt. Im Sinne meines Protestes hätte ich mich festnehmen lassen müssen. So wie sich Gandhi verhaften ließ oder wie Henry David Thoreau, Autor von Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Thoreau schreibt in diesem Buch

Unter einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen.

Ich hätte mich meiner eigenen Logik nach also an diesem Tag verhaften lassen müssen. Tatsächlich würde ich so ein Wagnis auch jederzeit eingehen, aber als Mutter muss ich in diesem Fall natürlich einem anderen Ziel folgen. Mein Kind hätte unter einer Mutter im Knast sicher sehr gelitten. Und zwar vermutlich auf sehr lange Sicht. Dies ist also einer der Kämpfe, die ich nicht führen kann. Andere müssen diesen Kampf übernehmen. Denn während wir für den Menschen kämpfen ist es falsch, wenn dieser Protest auch nur einem einzigen Menschen – in diesem Fall meiner Tochter –  schadet. Wir müssen immer nach unseren eigenen Möglichkeiten und Maßstäben handeln. Es ist nicht entscheidend, dass man gegen jede Windmühle anrennt, sondern dass man nicht versäumt zu prüfen, welche Windmühle die Richtige ist für einen selbst.

Es kann auch sein, dass es einfach ganz banal ein Produkt ist, auf das Du – aus welchem Grund auch immer – nicht verzichten kannst billiges Fleisch zum Beispiel. Dann bist Du für diesen Kampf vielleicht einfach nicht gerüstet. Dann solltest Du aber den Gedanken daran nicht verdrängen, während Du Dich ergeben musst. Bewusster Konsum bedeutet nicht, gar nicht zu konsumieren, sondern sich selbst für alle Folgen des Konsums zu sensibilisieren.

Wenn wir bereits ein geeignetes Fundament an Menschen haben, die bereit sind, den Konsum zu verändern, können wir auch ganz zielgerichtet organisiert und professionell boykottieren. Wir können zum Beispiel jeden Monat mit einem bestimmten Boykott belegen. Einen Monat lang geht keiner von uns zu McDonalds, einen Monat lang kauft niemand (vor allem die Gastwirte unter uns) Coca Cola, einen Monat lang verzichtet jeder auf billiges Fleisch, etc.

Ich wiederhole: Wir dürfen nicht resignieren, wir müssen uns weiter schulen. Und wenn wir ein solides Fundament bilden, müssen wir einen Schritt weiter gehen. Und wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren: Wir wollen nicht, dass es keine Produkte mehr gibt, wir wollen bloß, dass unsere Produkte entstehen und vertrieben werden, ohne dass dabei jemand ausgebeutet wird. Und wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir gezielt darauf einwirken können. Wir müssen vor allem, wenn wir über die Mittel verfügen, dazu bereit sein, mehr zu zahlen für die Erfüllung unserer Wünsche. Und wir müssen auf der anderen Seite dafür kämpfen, dass Menschen genug Geld haben, um diese teureren Produkte erstehen zu können. Eins nach dem anderen. Schmeissen wir aber zuerst einmal unser Bewusstsein an. Das ist schon der erste und einfache Schritt.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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