Nach der Wahl ist vor der Wahl – Briefe an das Familienministerium

Gastbeitrag

Einen Tag nach der Bundestagswahl möchte ich den Briefwechsel zwischen Anna (Name geändert) und dem Familienministerium hier veröffentlichen. Quasi anstelle eines Nachrufs auf Frau Schröder, die gestern verkündete ihr Amt niederlegen zu wollen. Anna hatte die “Studie” über die Lebenswirklichkeiten Alleinerziehender gelesen, welche die Regierung in Auftrag gegeben hatte und war erstaunt, ihre eigene Realität dort nirgends finden zu können. Was daraus wurde ist exemplarisch für die letzten vier Jahre des Familienministeriums.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin,

ich habe lange gezögert und mich nun doch entschieden, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Mit großem Interesse habe ich Ihrer Studie “Lebenswelten und -wirklichkeiten von Alleinerziehenden” des Sinus-Instituts entgegen gesehen und gelesen.

Allerdings frage ich mich, welche Alleinerziehenden in dieser Studie befragt worden sind. Es sind solche Sätze wie: „Gleichzeitig ist ihnen aber auch berufliches Engagement wichtiger als Müttern mit Partnern“ die mich extrem befremden, lastet doch der Erwerbsdruck zur Sicherung des Lebensunterhaltes allein auf den Müttern. Das ist wirklich eine ausgesprochen zynische Bemerkung, wenn man davon ausgeht, dass alleinerziehende Mütter nicht in der Sozialhilfeschleife hängen bleiben wollen.

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Kind unter dem Stigma der Alleinerziehenden bekommen soll. Erst nach der Beratung in der Pro-Familia-Beratungsstelle und der Aussicht auf „Hilfe“ in schwierigen Lebenslagen habe ich mich für das Kind entschieden. Sie können mir glauben, da gab es einige, doch Hilfe von Behörden habe ich nicht bekommen. Selbst als ich mich in einer absoluten Krisensituation befand, da meine Tochter ein Schreikind war und ich das Jugendamt gebeten hatte mir zu helfen, war die Antwort des Jugendamtes Mitte: „dass sie dafür nicht zuständig wären“.

Nun hatten wir diese schwierige Zeit geschafft und rutschten gleich in die nächste. Da ich nach einem Jahr wieder arbeiten wollte/ musste, da ich ja Alleinversorgerin bin und nur einen Unterhaltsvorschuss bekommen habe, stand die Suche nach einem Kitaplatz auf dem Programm.

Ich möchte hier gar nicht in epischer Breite ausführen, wie viele schlaflose Nächte mir dieses Problem bereitet hat, damit rechnen zu müssen, keinen Kitaplatz zu bekommen und dann in Hartz IV zu rutschen.

Doch auch mit der Kita ist es nicht unproblematisch. Die Kita hat nach dem Berliner Kitagesetz die Möglichkeit, bis zu 26 Tagen zu schließen. Unsere Kita macht davon Gebrauch. 18 Tage über das ganze Jahr verteilt (ohne Ersatzbetreuung!), bei 26 Tagen Urlaub als Arbeitnehmerin. Da bleiben noch 8 Tage für einen Erholungsurlaub, den ich eigentlich auch dringend bräuchte.

Nun könnte man annehmen, ein Babysitter könnte helfen. Ich bin als Sozialwissenschaftlerin in einem politischen Bildungsverein angestellt, welcher sich nicht an öffentliche Tariflöhne halten kann/will. Ich verdiene 2000 Euro brutto für 35 h die Woche. Das ist ein kleiner Luxus, den ich meiner Tochter schulde, damit sie nicht zehn Stunden in der Kita bleiben muss. Ganz zu schweigen von ihrem Wunsch, mal ein Mittagskind zu sein. Bei der ganzen Diskussion um die Rechte der Väter, stellt sich mir die Frage nach den Pflichten. Könnte man nicht den Kindsvater zur Zahlung der zusätzlichen Betreuungszeiten bei Schließtagen der Kita oder auch bei Erkrankung des Kindes (immer fehle ich auf der Arbeitsstelle zum Ärgernis meines Arbeitgebers). Ich kann mir schlichtweg einen Babysitter nicht leisten.

Oder die Einführung eines Haushaltstages im Monat für Alleinerziehende, um einige Dinge erledigen zu können wie Arztbesuche, Einkäufe, Haushalt etc., könnte ein probates Mittel zur Hilfestellung sein. In meinem Alltag ist einfach kein Platz für diese Dinge. Ich stehe morgens um 06.00 Uhr auf, bringe die Kleine in die Kita, fahre dann zur Arbeit, hole die Kleine gegen halb 6 Uhr von der Kita ab (Fahrweg ca.45 min), gehen nach Hause, dann Abendbrot und zu Bett gehen. Um 20.00 Uhr widme ich mich dann dem Haushalt, Wäsche waschen usw., um 22.00 Uhr falle ich todmüde ins Bett. Und das fünf Tage die Woche!

Ich fühle mich wirklich durch Ihre Studie nicht repräsentativ dargestellt. Sollte ich Hilfsangebote überlesen haben, dann bitte ich sie herzlichst mich darüber zu informieren. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.

 

Mit freundlichen Grüßen,

(sagen wir mal) Anna Behrend

 

Die Antwort des Ministeriums

(zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken)

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Author: Sarah Wiedenhöft

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3 Comments

  1. Die Antwort des Familienministeriums ist an Arroganz und Verleugnung schwer zu überbieten. Genau das hat die Politik der scheidenden Ministerin widergespiegelt. Bei solchen Mitarbeitern mit einem solchen Meinungsbild kombiniert mit peinlichster Unwissenheit war nicht mehr zu erwarten. Ein sehr wesentlicher Teil der 1,7 Millionen Alleinerziehenden sollte sich dadurch zutiefst beleidigt fühlen.

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  2. Die scheidende Ministerin? Ist das diese Kristina Schröder, die nun ausscheidet aus ihrem Ministerium, um sich angeblich mehr um ihre Tochter zu kümmern und die dann aber dennoch weiterhin Vollzeit als Abgeordnete arbeitet???
    😉 Ich bin sehr gespannt, wer das Amt nun übernimmt und ärgere mich schon jetzt über die Presse, wo vielerorts zu lesen ist: “Wer die neue Ministerin wird, ist noch nicht klar.” Ach, es wird wieder eine Frau? Wieso ist denn das den JournalistInnen jetzt schon klar???

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