Milchmädchenrechnungen und Almosen

Hartz 4

Anna ist alleinerziehende Mutter eines siebenjährigen Kindes und bezieht Hartz IV. Wie viel Zeit, Kraft und Nerven sie das kostet, erzählt sie uns heute.

Ich bin alleinerziehende Mutter eines siebenjährigen Kindes und, obwohl ich vor zwei Jahren stolz mein Diplom als Musikpädagogin nach Hause getragen habe, seit geraumer Zeit im Bezug von Arbeitslosengeld II, vulgo HartzIV. Die Jobsuche gestaltet sich nicht so einfach, wenn man wie ich alleinerziehend ist und von daher nur in einem sehr begrenzten Zeitfenster arbeiten kann, nebenher lange einen aufreibenden Rechtsstreit mit dem Vater des Kindes durchfechten musste, wenn man dazu einen Beruf erlernt hat, der traditionellerweise im Nachmittags- und Abendbereich stattfindet, und einen Job möchte, der auch nur annähernd den Qualifikationen und Kompetenzen entspricht, die man unter anderem durchs Studium erworben hat – denn mit den prekären Einkommensmöglichkeiten einer unqualifizierten Arbeit wäre langfristig auch niemandem geholfen. Und so habe ich mittlerweile einiges hinter mir an Odyssee mit Jobsuche und der wiederkehrenden Auseinandersetzung mit meiner Lieblingsbehörde, dem Jobcenter. Diese Auseinandersetzung ist dauerhaft immer wieder so zeitraubend und frustrationsaffin, dass ich nun angefangen habe meine Erfahrungen damit aufzuschreiben. Ich möchte damit anderen Betroffenen Mut machen und zeigen: Ihr seid nicht alleine! 

Gestern kam also mein neuer Arbeitslosengeld II- Bescheid. Mir fiel gleich beim ersten Blick darauf auf, dass mein Anspruch laut dieses Bescheids ca. 100 Euro monatlich geringer ausfällt als bei den letzten Bescheiden, obwohl sich weder an meinen Einnahmen (selbständige Arbeit als Musikschullehrerin) noch an meinen Ausgaben irgendwas geändert hat.

Bei genauem Vergleich des neuen Bescheids mit seinen Vorgängern hat sich dann herausgestellt, dass der Mehrbedarf, auf den ich als Alleinerziehende Anspruch habe, um über 100 Euro gekürzt wurde, einfach mal so. Vermutlich ein Berechnungsfehler. Was bei mir folgende Frage aufwirft: ich brauche keine 5 Minuten, um meine Bescheide miteinander zu vergleichen, mache das jedoch nicht täglich. Jemand, der das täglich macht – wovon ich bei einem Mitarbeiter der Leistungsabteilung des Jobcenters ausgehe – braucht dazu sicherlich weniger als 5 Minuten, um auf die entscheidenden Punkte zu stoßen. Sind die da also entweder zu lax, um die Bescheide miteinander zu vergleichen und ihre Arbeit zu machen oder ist das Absicht?

 

Laut der Beraterin einer karitativen Einrichtung in meiner Stadt ist das ganze System, wie es im Jobcenter praktiziert wird, notorisch fehlerhaft, um die Sparvorgaben der Politik überhaupt einhalten zu können. Dummerweise wird dabei mit der Würde und dem Existenzminimum der Betroffenen gespielt. Wir reden hier immerhin nicht von Einkommen, bei denen großer Spielraum vorhanden ist, sondern von Beträgen, bei denen sämtliche Sozialwissenschaftler immer wieder anmahnen, dass sie so knapp auf Kante genäht sind, dass große finanzielle Schwierigkeiten, Verschuldung etc. damit bei den Betroffenen vorprogrammiert sind. Und dazu muss man sich nicht, wie in den einschlägigen Fernsehsendungen der Privatsender sowie der Zeitung mit den großen Buchstaben gerne suggeriert, Flachbildfernseher und ziemlich viel Zigaretten und Alkohol leisten. In solche existenziellen Nöte im HartzIV-Bezug kann man auch schnell kommen, wenn man einen sparsamen und verantwortungsbewussten strukturierten selbstdisziplinierten Lebensstil pflegt. Dazu muss nur mal die Waschmaschine zur Unzeit kaputt gehen.

Jeder falsche Bescheid bedeutet also entweder, dass man die Fehler widerspruchslos hinnimmt und so mit noch weniger als dem absoluten Existenzminimum “klar kommt”, oder aber dass man sich aufraffen muss, den langen bürokratischen Weg des Widerspruchs und ggf. Klagens vor dem Sozialgericht in Angriff zu nehmen. Wer hat dafür das Selbstbewusstsein und die Energie, während man sich doch eigentlich darum kümmern sollte, einen Weg aus HartzIV raus zu finden? Denn ich kann ja nicht einfach mal zum Jobcenter marschieren, unkompliziert einen zeitnahen Termin vereinbaren und dann sagen, schaut mal Leute, mein Bescheid ist falsch berechnet, korrigiert ihn bitte. Termine gibt es, wie an früherer Stelle beschrieben, nur gegen Anruf im Callcenter, was wiederum grundsätzlich 30 Minuten Warteschleife und dann inkompetente Ansprechpartner bedeutet, sowie in den allermeisten Fällen keinen Termin nach sich zieht. Schon oft habe ich mich dann deswegen in die Warteschlange zur sogenannten “Notfallsprechstunde” eingereiht. Diese Warteschlange bedeutet, dass man sich mindestens eine Stunde lang einreiht, ohne Nummernautomat, ohne Sitzgelegenheit, und vor allem bis auf die letzten 3 Meter unter freiem Himmel, egal bei welchem Wetter. Dabei wird man auch noch von den unfreundlichen Menschen des Sicherheitsdienst argwöhnisch beobachtet, so als ob man vorhätte, irgendwas ganz besonders moralisch verwerfliches zu tun. Dann kommt man an den Schalter des Eingangsbereiches, dessen Mitarbeiter sich vor allem durch eins hervortun: sich an Unsachlichkeit und Unfreundlichkeit gegenseitig zu überbieten. Dann darf man, wenn man Glück hat, sich nochmal in eine andere Schlange einreihen und vielleicht, wenn man noch mehr Glück hat, persönlich beim Sachbearbeiter vorsprechen. Die ganze Prozedur nimmt locker einen Arbeitstag in Anspruch. Aber als HartzIV-Schmarotzerin  Arbeitslose hat frau ja auch nichts anderes zu tun.

Daher sind die Hürden, sich gegen einen fehlerhaften HartzIV-Bescheid zu wehren, also nicht gerade niedrig gesetzt. Verlierer: alle diejenigen, deren Kraft zu kämpfen im Alltag aufgerieben wird, oder die sich nicht imstande fühlen, Widerspruch einzulegen, sowie alle, die dem Glauben nachhängen, das, was sie da bekommen, sind – vielleicht noch mit Scham und Schuldgefühlen besetzte – Almosen, die ihnen nicht zustehen, kein Grundrecht auf eine menschenwürdige Existenz in einer florierenden Industrienation.

Gewinner: ja, wer eigentlich? Gewinnt eine Gesellschaft etwas dadurch, dass sie ihre ohnehin schwächsten Mitglieder in ihrer Würde und ihren Spielräumen schwächt? Spart der Staat dadurch langfristig gesehen wirklich Geld? Wer profitiert von der Haltung, dass es Systeme gibt, Banken, Konzerne, die so relevant sind dass sich dafür jede noch so utopisch hohe Summe an Rettungsgeldern rechtfertigen lässt, während an den absoluten Grundbedürfnissen der schwächsten Gesellschaftsmitglieder systematisch auch noch mit unlauteren Mitteln (wie dem notorisch gehäuften Fehlberechnen der Leistungsbescheide) gespart wird?

Mehr von Anna gibt es hier.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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3 Comments

  1. Liebe Anna,
    Dein Artikel ist prima, aber man merkt, dass Du noch nicht allzu lange in der Hartz-VI Schleife hängst und auch noch nicht die Hoffnung auf einen gut bezahlten Job verloren hast.

    Ich habe auch studiert, mit Bestnote abgeschlossen, über 120 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. Meine Tochter war damals wohl noch zu klein und ich schon zu alt für den Arbeitsmarkt.

    Nach langen Kämpfen und 5 Jahren Hartz-VI, inklusive aller Gängeleien beim Amt, bekam ich endlich eine Weiterbildung für einen kaufmännischen Beruf. Wieder mit Bestnote abgeschlossen.
    Ich musste mich langsam von einem gut bezahlten Job verabschieden – ich würde nun nur noch einen Bruchteil dessen verdienen, was ich als Studierte verdienen könnte.
    Aber welche Alternative hatte ich: weiter Hartz-VI beziehen oder zumindest wieder zu arbeiten, um dem Selbstwertgefühl wenigstens etwas Auftrieb und dem Tag eine Struktur zu geben?

    Prekäre Arbeitsverhältnisse sind nun inbegriffen – nach der Prüfung hatte ich 7 Monate befristet einen schlecht bezahlten Job (plus Aufstockung vom Jobcenter), war dann wieder 7 Monate arbeitslos und habe nun bald wieder einen Job, noch schlechter bezahlt als der letzte, wieder mit Aufstockung vom Jobcenter. Kann ich es mir leisten, das abzulehnen? Nein. Es gibt zumindest für mich keinen Weg da raus.

    Vielleicht findest Du ja noch den gut bezahlten und tollen Job, von dem Du während Deines Studiums geträumt hast. Aber manchmal muss man sich auch von seinen Träumen verabschieden und in der Realität ankommen.

    Viel Glück auf Deinem weiteren Weg und einen guten Job!

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  2. …ja, da werden Erinnerungen wach. Ich habe die selben Erfahrungen gemacht inkl. fehlerhaften Berechnungen. falscher Bescheide, Gängeleien und so weiter. Besonders markant fand ich die Aussage: Klar, Frau Dr., dass Sie merken, dass der Bescheid falsch ist, die meisten anderen tun das nicht. Frage (der Sachbearbeiter war Jurist): Ist ja interessant und was ist mit ihrer Sorgfaltspflicht?
    Ich bin nun in der Endrunde fuer Professur – ohne meine Eltern und Freunde waere ich nie so weit gekommen und der Rechtsstreit mit dem Vater? Der tobt immer noch!

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  3. Widerspruch immer schriftlich!
    Den Schriftverkehr kann man beweisen -auch vor Gericht- und man spart sich den Weg zum Amt.

    Zu Terminen einen Beistand mitnehmen!
    Bereits die Anwesenheit einer protokollierenden Person verändert die Situation positiv.

    Termine gut vorbereiten!
    Die anstehenden Themen freundlich, aber bestimmt durchsprechen.

    Viel Erfolg!

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