Meine Brust! Meine Entscheidung!

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Gestern ist folgendes passiert: Ich saß mit einer guten Freundin in einem Café. Sie ist ebenfalls alleinerziehend, hat zwei Kinder, das eine drei Jahre, das andere ein paar Monate alt. Mr. W. und ihre große Tochter gehen in die gleiche Kita und machten heute einen Ausflug zum Stadtpark. Der kleine Sohn, wegen seiner hinreißend blauen Augen und seiner watteweichen Babyhaut von Familie und Freunden und deshalb auch hier im weiteren Verlauf gern Wölkchen genannt, war mit dabei. Ruhig und friedlich lag er auf dem Arm seiner Mama, während wir beide gemütlich in den großen, weinroten Sesseln Platz genommen hatten. Er atmete gleichmäßig, die Augen waren geschlossen.

Wir bestellten Kuchen, Kaffee und Kakao. Langsam fing auch Wölkchen an, sich zu regen. Erst grunzte er nur leise, dann lauter, verzog das Gesicht und fing angestrengt an zu schnullern und den Kopf hin und er zu werfen. Dabei strengte er sich so sehr an, dass er einen ganz roten Kopf bekam. Er hatte hunger. Meine Freundin knöpfte ihre Bluse auf und drehte Wölkchens Kopf ein wenig zu sich. Er saugte sich fest und begann an der Brust zu trinken.

Als die Kellnerin dann auch mit unserer Nahrung zu uns kam, viel ihr fast der Teller aus der Hand. Sie räusperte sich.

Entschuldigung, aber DAS sollten sie besser wo anders erledigen.

Auf die verdutzte Nachfrage meiner Freundin, wo genau sie “das” denn sonst erledigen sollte – dies wäre doch ein Café und somit ein Ort für Groß und Klein, um Nahrung zu sich zu nehmen – hatte die Kellnerin auch gleich die passende Antwort:

Der Waschraum ist gleich da hinten links!

Wir waren sprachlos. Wenn man an einem Ort, der speziell für die Nahrungsaufnahme von Menschen errichtet wurde, keine Nahrung aufnehmen darf und stattdessen hierfür an einen Ort geschickt wird, an dem sonst die Notdurft verrichtet wird, ist das doch schon sehr befremdlich. Glücklicher Weise stellten sich einige andere Gäste des Cafés auf unsere Seite und Wölkchen konnte in Ruhe seine Mahlzeit zu sich nehmen. So wie wir auch.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich noch einmal über diese Situation nach. Ich fragte mich, welche Reaktionen es wohl gegeben hätte, wenn meine Freundin statt ihrer Brust für Wölkchen eine Flasche ausgepackt hätte. Richtig, vermutlich hätte es dort einen genauso großen Aufschrei gegeben und ein Regen aus guten, gut gemeinten und schlechten Ratschlägen wäre über Mutter und Kind hereingeprasselt.

Pack dieses Zeug wieder ein! Das ist total ungesund.

oder

Warum stillst du denn nicht?

Auch, wenn meine Freundin mit einem Gläschen dagesessen hätte und den kleinen Wölkchen gefüttert hätte, wäre das sicher einigen übel aufgestoßen.

Viel zu früh! Das Kind braucht noch Milch!

Schließlich dachte ich darüber nach, was gewesen wäre, wenn Wölkchen nicht etwa ein paar Wochen, sondern zwei oder drei Jahre oder noch etwas älter gewesen wäre und nach der Brust verlangt hätte. Vermutlich hätte es dann direkt neben bösen Blicken Kommentare über die Unfähigkeit der Mutter, sich von ihrem Kind zu lösen, gehagelt. Und was wäre gewesen, wenn Wölkchen, ebenfalls etwas älter, ein Stück Kuchen bekommen hätte?

Natürlich können diese Reaktionen, je nachdem, in welcher Form sie geäußert werden und in welcher Verfassung man selbst ist, traurig und unsicher machen.

Bin ich eine gute Mutter?

Diese Zweifel kommen in solchen Momenten. Einfach so. Wie fiese, kleine Parasiten erreichen sie unser Gehirn und setzen sich in unseren Gedanken fest. Das muss nicht sein!

Liebe Menschen: Wenn ihr eine Mutter seht, die ihr Kind füttert – sei es aus der Brust, mit der Flasche, mit Brei oder mit Schokolade – nehmt es doch einfach mal so hin! Ob, wann, wo und wie lange sie stillt, ist ganz allein ihre Entscheidung! Danke.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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15 Comments

  1. Ich bin auch schon wegen des Stillens in einem Cafe des Ortes verwiesen worden….

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    • Wirklich? Das ist furchtbar. Ich hatte gehofft, das wäre ein Einzelfall.

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  2. Ein echtes Aufregerthema, muss ich direkt mal in meine Wochenempfehlungen packen 🙂 Ich kenne nicht nur schräge Blicke und Getuschel, sondern vor allem Einmischung von allen Seiten im ersten Lebensjahr… und ganz ehrlich ich hab mich auch freiwillig zurückgezogen obwohl ich es toll gefunden hätte, mich mehr öffentlich zu trauen. Aber wenn man die Einzige ist und das Kind vor allem schon etwas älter, wird man da doch irgendwie zum Klemmie… leider. Bin ich nicht stolz drauf…

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  3. Ich schätze es geht manchen Menschen so wie mir, wenn ich eine Mama ihr Kind stillen sehe:

    Einerseits erfreue ich mich an diesem Anblick. An der Seligkeit, die oft Mama und das Kind ausstrahlen. Doch gleich danach kommt Schmerz hoch. Schmerz und ja – ich gebe es ungern zu Neid. Der Schmerz nicht gestillt worden zu sein. Das Gefühl dadurch etwas verpasst zu haben. Betrogen worden zu sein um eine Erfahrung der Geborgenheit, die ich nie kennen lernen konnte. Beides steht nebeneinander.

    Wahrscheinlich sind sich viele Menschen dieses Schmerzes nicht bewusst und/oder suchen Wege ihn nicht zu fühlen. Wahrscheinlich hagelt es auch aus dem gleichen Grund ungebetene Ratschläge.

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  4. Ich möchte beim Essen einfach nur keine Brüste sehen müssen. Genauso wenig wie ich keine entblößten Männerbrüste beim Essen will. Das empfinde ich als unangenehm. “Natur” hin oder her – jeder würde sich aufregen, säße ich nur mit kleinen stickern auf den nippeln im café. Und doch, das kann frau vergleichen – beide Male sehen andere ungewollt und unaufgefordert Brüste.
    Das mit dem Notdurfteckchen als Futterstelle ist jedoch auch mehr als ungünstig und sollte nicht sein.

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    • Ich weiß es gibt auch Mütter die erstmal die ganze Brust demonstrativ herausploppen lasse (ich kenne genau eine) aber der überwiegende Teil der Mütter schafft es denke ich so diskret wie ich sein Kind anzulegen. Da sieht man mehr von meiner Brust wenn ich im Bikini im Schwimmbad bin. Mir passiert es sogar oft, dass Leute ankommen mit dem Satz: “schläft es?” Und erst, wenn sie quasi schon vor Neugier mit der Nase am Kind hängen bemerken, dass ich am stillen bin.
      Ansonsten bin ich erstaunt, ich lebe in einer eher konservativen Kleinstadt, aber am öffentlichen Stillen stört sich keiner. Der einzige Kommentar in einem Restaurant von der Bedienung war: “das kost Stoppegeld!” Und war natürlich als Witz gemeint und für uns als Stammgäste auch völlig in Ordnung.

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      • Heute hatte die Lütte beim Spaziergang Hunger, hab sie dann angelegt. Prompt blieb ein älterer Herr stehen und fragte wie alt sie sei – die meisten halten Sie für 4-5 Monate. Als ich sagte sie sei 2 Monate alt, meinte er, dann brauche sie die Milch ja auch noch und ging weiter. Wie wohl seine Reaktion gewesen wäre, wenn sie tatsächlich so alt wäre, wie er vermutete.
        Und vor allem, was geht das die Leute an?

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    • Also lieber hungern/dursten und dir die Ohren vollschreien lassen? Nee mein armes Kind…

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  5. In dieses Cafe würde ich nie mehr gehen – und am besten so vielen Menschen wie möglich von der unmöglichen Behandlung dort erzählen, damit sie es auch meiden! Vielleicht sogar dem Geschäftsführer/Filialleiter o.ä. eine Mail oder Nachricht dazu schreiben, wie unangebracht man behandelt wurde, damit dieser mal für etwas Sensibilisierung der Mitarbeiter_innen sorgt.

    Solange mein Kind noch im 1. Lebensjahr war, fand ich es selten doof in der Öffentlichkeit zu stillen und habe auch nicht oft negative Reaktionen bekommen. Jetzt, da Kind schon zwei Jahre ist, traue ich es mich kaum noch öffentlich, weil die schockierten Blicke von Außenstehenden (und auch manchen Freunden) dann echt unangenehm werden. Selbst beim Kinderarzt muss ich mir immer einiges anhören, obwohl es medizinisch oder entwicklungspsychologisch keine Gründe gegen, aber viele für das lange Stillen gibt. Glücklicherweise gibt es auch Hebammen und Ärztinnen, die z. B. in Stillgruppen für mehr Akzeptanz und Wissensverbreitung sorgen.

    Das mit dem “keine entblößten Brüste sehen wollen” finde ich echt traurig. Da werden Brüste nur auf ihre Sexualität beschränkt, ein Beispiel dafür, dass unsere Körper fast nur noch als Objekte sexueller Projektionen dienen. Auswirkungen davon sind z. B., Körper nur noch als schön zu sehen, wenn sie sexuellen Idealmustern entsprechen, oder Menschen, die sich vor Schwnagerschaft, Geburt und Stillen regelrecht ekeln. Das ist doch sehr entfremdend und trägt nicht gerade zu einem normalen und natürlichen Körpergefühl bei. (Das hat ja leider auch kaum noch eine Frau oder ein Mann heutzutage). Dabei sind Brüste doch ganz normal für die Babyfütterung und -beruhigung vorgesehen. Das ist das natürlichste und liebevollste der Welt. Wie man das unangenehm finden kann, ist mir echt rätselhaft. Was kommen da für merkwürdige und unterdrückte negative Sozialisationen hoch?

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    • Oh, und wollte natürlich dazusagen, dass einzig jede Frau selbst(bewusst) und in Abwägung mit den Kindsbedürfnissen über das eigene Stillen und den Grad des Öffentlichen, den man möchte, entscheiden dürfen sollte.
      Schönen Gruß und danke für den toll geschriebenen Artikel 🙂

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  6. Mal ehrlich, muss ich mir die Titten von fremden Frauen ankucken, wenn ich in Ruhe einen Cappucchino trinken will, nur, weil ihr nicht in der Lage seid zu verhüten oder abzutreiben?

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    • Musst ja nicht auf die “Titten von fremden Frauen” glotzen, wenn du in Ruhe nen Cappuccino trinken willst. Kannst ja woanders hingucken… wo ist da das Problem?
      Und was hat das Stillen (in der Öffentlichkeit oder anderswo) mit “nicht verhüten oder abtreiben können” zu tun??? Ich glaub, jetzt hackt’s! Schon mal was von Wunschkindern gehört? Erst denken, dann schreiben 😉

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    • Mein Kind war gewollt warum sollte ich verhüten oder mein Kind ungeboren ermorden lassen? Geh mal zum Psychologen. Und ich seh auch ni ein mein Kind hungern zu lassen oder dursten nur weil dir nicjt passt was mein Kind trinkt.

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  7. Ich finde es immer komisch, dass aus Rücksicht auf was auch immer oder aus Angst der NAME des Café nicht genannt wird. Wäre es denn rechtswidrig, die Wahrheit, so wie sie war, mit Namen des Ortes zu berichten? Nein. Also. Alle, die so etwas erlebt haben, sollten hier alle Namen all dieser Orte zusammentragen. Damit wir nicht dahin gehen, und ja, damit wie vielleicht auch mal dem Chef eine freundliche Mail schreiben, dass wir einen solchen Ort nicht betreten würden. Vielleicht steht der Geschäftssinn der Schweinerei ja entgegen.

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  8. Ich bin Mutter und habe in der Öffentlichkeit gestillt. Dabei geht es aber auch darum, dass wir Rücksicht auf diejenigen nehmen, die das stört. Man kann das mit Schals o.ä. verdecken. Den Dilettantismus auf beiden Seiten kann ich nicht verstehen, denn es gibt den Mittelweg. Wenn wir mehr Rücksicht aufeinander nehmen würden, dann gäbe es solche Situationen gar nicht. Ich hatte einen Stillschal besorgt (geht aber auch mit einem einfachen Loopschal. Und zusätzlich ist das Baby geschützt und wird nicht abgelenkt.

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