Mein Menschenbild

Kennst Du das auch? Du hast eine Weisheit schon tausendmal gehört, eine Redewendung millionenfach gelesen und kannst philosophische Sprüche runterbeten, bis es irgendwann einfach plötzlich KLICK! macht?! Man kann etwas wissen, ohne es zu begreifen. Verstehen, ohne nachzuvollziehen, aber für jede Erkenntnis gibt es einen Moment und von einer Sekunde auf die andere stockt Dir der Atem und Deine Pupillen weiten sich und: DU HAST ES ENDLICH VERSTANDEN!
Das kennst Du auch. Ich weiß es.

Genau so eine Erkenntnis hatte ich in diesem Dezember. Und sie hat auch noch eine ganze Menge damit zu tun, was wir begreifen und was nur verstehen. Ich plapperte einfach so vor mich hin, als meine Gesprächspartnerin mir entgegnete:
“Du hast ein erfrischendes Menschenbild.”
Zuerst riss der Fußboden auf und ich sah in einen gefährlich tiefen und abstoßend hässlichen Abgrund. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Mein gesamtes Selbstverständnis fiel in die Schlucht vor meinen Füßen. Mein Menschenbild. Meins. Und die anderen Menschen haben ja ganz andere Menschenbilder, gehen von anderen Selbstverständlichkeiten aus als ich, fühlen anders und nehmen mal mehr und mal weniger wahr.

Das hat mir meine Mutter schon gesagt, als ich ein trauriges kleines Mädchen war, weil ich mit irgendjemandem einen Konflikt hatte.
“Die anderen sehen das gar nicht so wie du, Maike.” Und ich habe auch schon hundertmal gelesen, dass jeder Mensch eine eigene Wahrnehmung hat, ich habe ein lustiges Experiment im Fernsehen gesehen, bei dem Polizisten über einen inszenierten Unfall etwa zwanzig verschiedene Zeugenaussagen abgegeben haben. Ich habe es selbst auch oft gesagt. Zu meiner Tochter immer wieder:

“Jeder fühlt sich im Recht, Schatz. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung.”

Plötzlich ergeben Worte einen Sinn. Irgendwelche Synapsen verbinden sich im Hirn oder was auch immer da neurologisch vor sich geht und man hat es kapiert. Ich schreibe nun noch so einen Satz auf, den wir schon auswendig kennen und von dem meine ganze Selbstverständlichkeit ausgeht. Der einfach kleine Satz lautet global verständlich:

WE ARE ALL ONE.

Willkommen in meiner Welt. Das ist es, was ich nicht nur gelesen, sondern im Leben erfahren habe. Woran ich glaube. Von allein und instinktiv. Dank eines kleinen Gesprächs im Dezember weiß ich nun aber, dass das an meiner Empathie liegt, die ich mein Leben lang für selbstverständlich hielt. Dabei ist das ja nur meine spezifische Macke. Eine davon.

Ausgesprochen klingt es furchtbar kitschig, aber es ist doch so (einfach für mich):

Der gesamte Kosmos folgt einem immer gleichen Schema. Im ganz Großen und ganz Kleinen. Sterne entstehen, entwickeln sich und vergehen, ganze Universen tun das selbe, Pflanzen tun es, Tiere tun es, ALLE TUN ES! Wir werden geboren, wir entwickeln uns und wir sterben. Auch die Erde wird es eines Tages tun. Wenn unsere Sonne damit anfängt. Verstehen wir uns bitte richtig: Wir folgen alle dem selben Weg, tragen alle die selben Bausteine in uns, wir machen alle das gleiche. Unsere Bausteine sind nur hier und da anders angelegt, die selben Wege führen uns zu anderen Zielen und das ist dann wohl das, was angeblich 21 g wiegt und was wir gemeinhin als Seele bezeichnen.

Und darum weiß ich, wenn mich in der U-Bahn jemand anmotzt, dass ich das auch schon an schlechten Tagen gemacht habe, dass wir viel häufiger zum Opfer dieser ganzen Bausteine wie Hormone werden als wir uns eingestehen wollen und dass ich genau so ein Arschloch sein kann wie Du. Wir sind alle Arschlöcher, wir sind alle Ausländer, wir sind alle mal so und mal so. Und sollte es sich mit diesen ganzen Erkenntnissen so verhalten, dass es für jeden Satz eine Zahl gibt, wie oft man ihn wahrgenommen haben muss, bis er einen verändert, dann bitte ich darum, die Augen noch beliebig oft auf diesen einen Satz zu lenken:

Wir sind alle gleich.

Und sollte der erwünschte Effekt sich jetzt bei Dir eingestellt haben und Deine Pupillen sich geweitet haben, dann freue ich mich, Dich kennenzulernen und mal in Ruhe über die Zukunft unserer Politik zu sprechen. Machen wir uns auf die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, wenn wir irgendetwas ändern wollen.

Ich bin Du.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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