Mein Kind in Skalen – Das U Heft

Auf der facebookseite von mutterseelenalleinerziehend wird heute über Pflichtuntersuchungen diskutiert. Die Diskussion begann unter einem Artikel über Forderungen der CDU, sog. Rabeneltern zu sanktionieren.

keep-calm-and-uh-uh-uh-uh-uuuh

von http://www.keepcalm-o-matic.co.uk

Als Indikator für die “Rabenelternschaft” solle das U-Heft gelten. Die Vorsorgeuntersuchungen aus dem Heft sollten zukünftig gesetzlich festgelegte Pflicht werden und Eltern mit hohen Geldbußen belegt werden im Falle einer Versäumung. In einigen Ländern besteht eine solche Pflicht bereits und eine Kommentatorin äussert, dass sie auch als Berlinerin neulich eine Prüfung durch das Jugendamt angedroht bekommen habe, weil sie eine der Vorsorgeuntersuchungen nicht habe durchführen lassen. Verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen sind aber aus vielen Gründen bedenklich.

Zunächst kann die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen gar nichts darüber aussagen, wie es um das Wohl eines Kindes und einer Familie insgesamt bestellt ist. Ein Kind, das noch nie an einer Vorsorgeuntersuchung teilgenommen hat, kann dennoch unter medizinischer Betreuung gestanden haben. Einem gesunden Eltern ist auch durchaus zuzutrauen, die Gesundheit und Entwicklung eines Kindes selbst im Auge zu haben. Auch Erzieher*innen und Lehrer*innen begleiten diesen Prozess.

Für alle von irgendeiner Norm abweichenden Zustände kann man darüber hinaus auch ohne ärztliche Betreuung zu einem Umgang finden. Unser Ziel ist die Inklusion. Die Frage muss also gestellt werden, ob es nicht vielleicht ohnehin uninteressant seien sollte, inwiefern ein Kind von einer Norm aus einem gelben Heft abweicht.

Hinzu kommt, dass die Fragen aus den Untersuchungsheften mit den Jahren immer intimer werden und sich mit Fragen zur Schule und dem Familienalltag verweben. Ich habe auf die letzte Vorsorgeuntersuchung meiner Tochter zum Beispiel verzichtet, weil ich diese Fragen über sie niemandem beantworten wollte. Ich finde nicht, dass es jemanden etwas angeht, ob mein Kind schon einmal gestohlen oder Alkohol getrunken hat. Und würde meine Tochter sich einnässen, so würde ich das lieber auch alleine mit ihr besprechen oder mit psychologischer Unterstützung. Scherlich möchte ich diese vertraulichen Informationen, die in meinen Augen die Persönlichkeitsrechte meines Kindes verletzen nicht irgendwo schwarz auf weiß dokumentiert wissen. Zudem frage ich mich, wieso hier auch so viel nach Leistung gefragt wird. Die Skalen, in denen hier die Gesundheit meines Kindes gemessen werden soll treffen mit meiner Vorstellung eines gesunden Menschenlebens nicht überein. Vor allem stelle ich mir vor, dass es ein sehr komisches Gefühl sein muss, sein eigenes Untersuchungsheft als erwachsener Mensch in den Händen zu halten und festzustellen, wie man als Kind von Eltern und einer/m nun vermutlich unbekannten Mediziner*in bewertet wurde. Die Fragen, die ich hätte beantworten sollen, findet Ihr hier. Ich bin im Gespräch mit Lehrerinnen und einer Ärztin, was die diversen Status (sooeben habe ich übrigens gelernt, dass der Plural von Status auch Status ist. Aber mit langem “u” gesprochen) meines Kindes angeht. Wir brauchen diese Untersuchungen nicht und ich empfinde die Fragen, die 1950 entwickelt wurden auch nicht als angemessene Skala zur Feststellung des Kindeswohls.

Schon gar nicht kann diese Pflicht verhindern, dass Eltern das Kindeswohl gefährden und keine andere Aufgabe sollte bei dieser Frage im Zentrum stehen. Wir stellen uns jetzt einfach trotzdem mal vor, dass diese Untersuchungen das Kindeswohl angemessen feststellen könnte und dass man auf diesem Wege die “ungeeigneten Eltern” aufspüren könnte. In diesem kleinen Denkspiel würde die CDU nun also diejenigen, die laut der Logik unseres Denkspiels schlechte Eltern sind, herausfischen und sie bestrafen.

Spätestens an dieser Stelle bricht die gesamte Idee der CDU in sich zusammen. Denn es kann uns immer nur ums Kindeswohl gehen und diesem würden wir mit einem solchen Vorhaben definitiv schaden. Der Grund, warum Eltern das Wohl ihrer eigenen Kinder gefährden ist in der Regel Frustration. Frustrierte Menschen, die bestrafte werden reagieren darauf mit noch mehr Frustration oder gar Resignation mit der Folge, dass ihre Kinder ihren Launen nun noch stärker ausgesetzt wären. Und selbst wenn sie das nicht tun: Wie genau verbessert es das angeblich im Interesse stehende Kindeswohl, einen Eltern zu bestrafen. Selbst, wenn dieser Eltern es nicht an seinem Kind auslässt, inwiefern verbessert sich dadurch das Kindeswohl?

Die Idee erinnert an Ideen von CSU-Ministerpräsident Seehofer, der auch immer wieder durch polemische Konzepte auffällt, deren Durchsetzung ihn weniger zu interessieren scheinen als die Werbewirksamkeit auf Stimmen vom rechten Rand. Ebenfalls die SPD fällt gerne auf durch derlei Parolen, die allen gesetzlichen Grundlagen widerstreben. Es ist die beliebte Politik der leeren Worte mit Schlagkraft. Sprengstoff für die Gesellschaft und Zucker für den Affen. Tatsächlich sind solche Werbeversprechen ein Verbrechen an uns allen. Wir wollen nicht überwacht und bestraft werden. Wehrt Euch gegen diesen Gedanken, wo immer er auch auftaucht. Wir legitimieren keine Überwachung. Niemals.

 

 

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

12 Comments

  1. Okay, solange es nur um Normen und Skalen geht und sonst alles paletti ist, “brauchen” wir keine Routineuntersuchungen.
    Ich bin trotzdem heilfroh, dass es sie gibt, weil eines meiner Kinder ohne sie nicht einmal das Kleinkindalter überklebt hätte. Die Krebserkrankung, die die Kinderärztin vermutete und die Fachärztin diagnostizierte, hätte ich viel zu spät erkannt.
    Die ewige Vergleicherei geht mir schon unter Eltern auf die Nerven, aber ab und zu ein Blick vom Fachmenschen kann doch ganz schön nützlich sein. Ich selbst gehe schließlich auch zur Früherkennung.

    Post a Reply
  2. (sorry, “überlebt” natürlich…)

    Post a Reply
  3. Im Bundesland Hessen ist es schon seit ein paar Jahren so, dass die Kinderärzte verpflichtet sind säumige Eltern von U-Untersuchungen an eine zentrale Stelle zu melden. Diese gibt die Meldung dann an das jeweils zuständige Jugendamt weiter. Die Eltern erhalten dann einen Brief vom Jugendamt. Was darin steht, weiss ich nicht. Meine Kinder sind mittlerweile erwachsen und ich bin heilfroh darüber, denn bei dem heutigen Kontroll- und Leistungswahn, alles natürlich zum Wohl des Kinder, käme ich als alleinerziehende Mutter, die ich war, wahrscheinlich schlecht weg.

    Post a Reply
  4. Krankheit und Gesundheit hat immer mit Normierung zu tun, wann jmd. Fieber hat, ist schliesslich auch Definitionssache. Bei den u-Untersuchungen zur kindlichen Entwicklung wird auch mit einer Wertspanne gearbeitet, na und? Das sind Orientierungswerte, nicht mehr, und ein guter Kinderarzt geht damit auch so um. Und Eltern haben ebenfalls die Möglichkeit, damit sinnvoll umzugehen und sich nicht in Wettbewerbsdruck zu begeben. Kinder von Eltern, die diese vernachlässigen, sich nicht kümmern oder schlimmeres aber nicht. auch in Deutschland werden Kinder gequält und verhungern. Diese Kinder koennen von der Pflichtregelung profitieren, genauso wie Kinder, die erkranken, ohne dass es für Eltern als medizinische Laien erkennbar ist. Das scheint mir ein stärkeres Argument zu sein.

    Post a Reply
    • In der gesamten Menschheitsgeschichte gab es niemals einen Fall, in welchem Überwachung ein Verbrechen verhindert hätte.

      Post a Reply
      • Maike, ich finde Dein Engagement super, ich mag kontroverse Diskussionen und ich bin auch kein Freund von Überwachung – aber mit Kommentaren wie dem mit der “Menschheitsgeschichte” habe ich so meine Probleme. Sorry, aber wie lässt sich denn das belegen? Wenn man so pauschaulisierende Aussagen der CSU überlässt, vertritt man seine Sache meiner Meinung nach glaubwürdiger.

        Post a Reply
        • 1. Es gibt zB diese britische Studie der Campbell Collaboration, die belegt das Videoüberwachung Verbrechen nicht verhindert: http://derstandard.at/1242316182720/Grossbritannien-42-Millionen-Ueberwachungskameras-und-kaum-weniger-Verbrechen

          2. Die Statistiken der Polizei haben das bestätigt: http://www.golem.de/0709/54913.html

          Ich kann Dir aber jetzt natürlich nicht alle Geschichten der Menschheit zur Überachung hier auflisten. Aber wie wir ja auch wissen, verhindert nicht einmal die Todesstrafe Verbrechen. Das ist ja belegt. Ich ziehe es jetzt einfach andersrum auf:

          Wir wissen, dass Verbrechen nicht verhindert werden durch Sanktionen oder Überwachung. Unsere empirischen Statistiken belegen das. Und wir wissen das auch intuitiv. Verbrechen entstehen nicht aus Möglichkeiten, sondern aus einer “Notwendigkeit”. Dick Swaab, niederländischer Neurologe hat in seinem Buch “Wir sind unser Gehirn” sehr viel dazu geschrieben. Ich finde das Buch gerade nicht und kann darum nicht zitieren. Aber dieses Buch empfehle ich sehr. Sowieso, aber auch gerade in Bezug auf die Frage nach der Wirksamkeit von Überwachung und unseres Strafsystems. Wirklich sehr lesenswert.

          Post a Reply
  5. Danke für die vielen Belege! Ich möchte allerdings auch gar nicht für den generellen Nutzen von Überwachungsmaßnahmen argumentieren. Ich finde nur, dass Argumente, die “niemals” oder “Menschheitsgeschichte” enthalten, generell eher angreifbar sind. Kein Regel ohne Ausnahme, man kann doch trotz aller Empirie nicht ausschließen, dass Einzelne sich abschrecken lassen, schließlich ticken wir doch alle ein bisschen anders. Das Problem im Aushandeln von gesellschaftlichen Maßnahmen und Regeln ist daher doch oft die Frage, wie hoch man das Risiko oder den Erfolg in einzelnen Fällen gewichtet und wieweit man bereit ist, dafür die Allgemeinheit zu gängeln (“totale Überwachung ist gerechtfertigt, wenn auch nur ein Terrorfall verhindert wird”; “wenn auch nur die Misshandlung oder Vernachlässigung eines einzelnen Kindes durch verpflichtende U-Untersuchungen aufgedeckt wird, lohnt es sich”). Solche Risiko-Nutzen-Abwägungen haben wir ja auch privat ständig bewusst oder unbewusst zu treffen, aber es ist für eine Gesellschaft noch ungleich schwieriger , sich auf eine Sichtweise zu einigen.

    Post a Reply
  6. Hallo,

    da bin ich völlig anderer Meinung. Für mich wäre das kein Überwachungsstaat, sondern ein sich kümmernder Staat.

    Vorsorgeuntersuchungen sind doch das Mindeste was man für seine Kinder tun kann.

    Gruss, Kerstin

    Post a Reply
    • Das ist das Mindeste? Das sehe ich absolut ganz anders. Das Mindeste tue ich jeden Tag und noch mehr darüber hinaus. Ihre Aussage implizierte ja nun, dass ich nicht einmal das Mindeste für mein Kind täte, da ich es von diesen Untersuchungen fernhalte. Ich habe ihr inzwischen die Fragen vorgelesen und sie hat geantwortet, dass es eine Unverschämtheit sei, was ICH da über SIE verraten solle und war mir dankbar, dass ich das nicht getan habe.
      Ich denke nicht, dass es das Mindeste gewesen wäre, meine Tochter auf diese Weise zu verraten.

      Post a Reply
  7. Liebe Maike,
    ich danke Dir für Deine Worte. Ich kann Deine Gründe nachvollziehen und unterstütze Jeden, der die Privatsphäre seiner Kinder schützt. DAS ist das Mindeste, was man tun sollte.
    Ich war gerade mit meinem Sohn bei der U7 und hatte dort ein absolut schreckliches Erlebnis.
    Mein Sohn hat nur geweint und immer wieder gesagt, das er jetzt nach Hause will. Es war schrecklich. Ich habe ihn noch nie so erlebt. So ängstlich und hilflos. Und dabei wusste ich, das er gesund ist. Das braucht mir kein Arzt zu sagen.
    Der Arzt versuchte mich zu beruhigen und sagte, es wäre “normal” in dem Alter.
    Ich werde bei meinem nächsten Kind diesen Termin ausfallen lassen. Zumindest wenn ich weiß, das es ihm gut geht.
    Was für eine schreckliche Vorstellung, das es vielleicht bald ein Zwang ist.
    Es würde mich allerdings nicht wundern.

    Post a Reply
    • Liebe Misses Larsson,
      ich freue mich, dass Du es auch so siehst. Ich habe eine Menge Kritik erhalten für diesen Beitrag.
      Danke für Deinen ermutigenden Kommentar.

      Was Deinen Sohn angeht, das tut mir sehr leid, ist aber doch auch ein sehr anschauliches Beispiel. Zum Zwecke des “Kindeswohl” werden Kinder in Unwohlsein versetzt. Das kann doch nicht stimmen so …

      Und ich bleibe dabei, die Fragen sind viel zu intim. Ich würde meiner Ärztin darauf auch nicht antworten, würde sie die an mich stellen. Nicht, wenn es nicht irgendeinen Grund für eine Diagnose gibt.

      Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*