Mea culpa

IMG_0398

Manchmal denke ich: Die Bibel hätte nie geschrieben werden dürfen!

In diesem Buch stehen sowohl viele gute als auch viele schreckliche Geschichten. Man kann nicht grundsätzlich dagegen sein. Sie ist das meistverkaufte Buch der Welt, liegt in fast jedem Hotelzimmer herum und wird in der Schule besprochen. Mich fasziniert die Geschichte von Hiob oder auch die Offenbarung des Johannes, aber eines bereitet mir bei dieser Lektüre immer wieder die größten Kopfschmerzen. Ganz am Anfang wird da ein Paar eingeführt – Adam und Eva. Und Adam und Eva führen ein paradiesisches Leben, bis die Schlange aufkreuzt. Am Ende wirft Gott die beiden aus dem Garten Eden und ab da beginnt die Plackerei …

Dies ist die Urgeschichte für die Beziehung zwischen Mann und Frau und Quintessenz dieser Geschichte bleibt für mich immer: Die Frau trägt die Verantwortung für den Erhalt des Paradieses. Und wenn sie zu lange mit der Schlange quatscht, zerstört sie damit alles. Zur Strafe sagt Gott ihr, sie solle fortan unter Schmerzen Kinder gebären und dem Mann wird harte Arbeit aufgetragen. Ganz davon abgesehen, dass wir Frauen immer noch unter Schmerzen Kinder gebären und dafür auch einmal im Monat mitunter Regelschmerzen in Kauf nehmen müssen, während Männer heutzutage in der Regel alles andere als hart schuften, trägt diese ursprünglichste aller Paargeschichten zu einem hässlichen Muster bei.
Die Frau trägt die Schuld und alle Konsequenzen. Während der arme Mann mitleiden muss unter den Querschlägen seiner Frau.

Die und der erste Schuldige der Geschichte war Eva, es folgen Generationen schuldiger Mütter und nun bin ich an der Reihe. Denken wir nur an unsere Mütter. Hin und wieder fühlen wir irgendeinen tiefen Schmerz in uns, irgendeine unserer Unzulänglichkeiten macht sich breit und wir jammern plötzlich, dass es an unseren Eltern liegt. Meine Mutter hat immer nur an sich gedacht, meine Mutter hat mich erdrückt mit ihrer Liebe, mich darauf nicht vorbereitet, trägt die Schuld an meinem Übergewicht, … Die Vorwürfe sind manigfaltig, aber sie richten sich immer an die eine:

MUTTER.

Forscher haben inzwischen sogar herausgefunden, dass schon die Zeit im MUTTERleib den Grundstein für die meisten hormonellen und biochemischen Vorgänge in einem Menschen legt. Die Neigung zur Fettleibigkeit und Depressionen zum Beispiel. Ich mache mich also schon schuldig, wenn ich überhaupt nur schwanger bin.

Und nun bin ich dran.
Meine Tochter ist inzwischen acht Jahre alt und wie ich in einem der allerersten Texte bereits erwähnte, kann sie Nachts nicht einschlafen. Nun, nachdem man unsere Geschichte gelesen hat, wundert es einen vielleicht auch nicht mehr allzu sehr. Meine Tochter hat Angst. Sie erfindet Millionen von Gründen, warum sie nicht schlafen kann, aber die Wahrheit ist: Sie hat Angst, dass ich gehe.
Meine Mutter hat ihr nun einmal gesagt, ich hätte sie im Stich gelassen und sei einfach nicht gekommen, an dem Tag als sie mit ihr nach Bayern verschwand. Außerdem hat sie es mir ein Jahr lang schier unmöglich gemacht, mein Kind zu besuchen. Immer musste ich dafür auch das Gericht in Bewegung setzen. In dieser Zeit hat das Vertrauen meiner Tochter leider sehr gelitten. Inzwischen hat sie natürlich schon tausendmal das Gegenteil erfahren, doch es ist schwer diese Enttäuschung wieder aufzuwiegen. Im Kopf meiner Tochter ist irgendwo gespeichert, dass sie sich auf mein Wort nicht verlassen kann und dass ich jederzeit einfach weg sein könnte. Ich komme kaum dagegen an und ich fühle mich schuldig. Obwohl ich für dieses Vergehen keinerlei Verantwortung trage, fühle ich mich schlecht. Ich hätte sie doch mit der Polizei da raus holen sollen, ich hätte sie einfach zurück entführen sollen, ich hätte hätte hätte …

Und wenn es Abend wird und ich habe sie ins Bett gebracht, dann sitze ich an meinem Computer und warte nur darauf, dass sie rüber kommt. Irgendwann höre ich den Sprung aus dem Bett, das Trippeln, meine Tür wird geöffnet und ein langgezogenes und sanft formuliertes “Mammaaaaa?!” ist zu hören. Dann steht sie mal wieder im Türrahmen, sieht mich mit großen Augen an und überlegt, was ihr fehlt. Zuerst sind es meistens Bauchschmerzen. Sie braucht einen Tee und eine Wärmflasche. Ich weiß genau, dass sie keine Bauchschmerzen hat, dennoch packt mich das schlechte Gewissen, wenn ich ihr selbstverständlich nicht jeden Abend ihre Bauchschmerzen abnehmen will. Zumal sie darauf angesprochen auch gerne antwortet: “Gestern hatte ich keine Bauchschmerzen und vorgestern und vorvorgestern auch nicht. Da habe ich gelogen. Aber heute habe ich wirklich welche!”
Wenn ich mich verweigere – und das geschieht häufig -, zieht sie beleidig ab und ich kann sie noch lange fluchen hören. Ich bin dann eine Rabenmutter, die ihr Kind leiden lässt undsoweiter. Meistens hört man über derlei hinweg. Man steht darüber. Man ist ja schließlich erwachsen. Und sie meint es ja nicht so. Und ich bin ja vernünftig. Aber während man sich selbst beruhigend diese Worte zuflüstert, hört man plötzlich ganz leise, wie das Herz ein wenig reißt. Erst ist es Mitleid mit dem Kind und dieses Mitleid wächst dann im Laufe des Abends zu einem rieseigen Schuldgefühl heran. In der Zwischenzeit kommt das Kind noch ein paar mal herein. Draußen war ein Geräusch, unter ihrem Bett ist wahrscheinlich ein Krokodil, vor dem Fenster kriechen Schlangen … Und ich werde immer unruhiger und bekomme ein immer schlechteres Gewissen.

Ich meine, da liegt das arme Kind um elf Uhr alleine in seinem Bett unter dem ein Krokodil wohnt, umgeben von Schlangen, mit Bauchschmerzen und tausend gruseligen Geräuschen und ich rette es nicht! Das klingt sehr witzig. Das ist es aber nicht. Ich fühle mich jeden Abend als würde ich verurteilt. Jeden Abend werde ich eines Verbrechens angezeigt: Mein Kind nicht genügend zu lieben. Und wenn ich es auch tausendmal besser weiß, so lassen diese Schuldgefühle einen einfach nicht mehr los.

Mit dem Kindsvater kann ich über derlei nicht reden. Geht es dem Kind nicht gut, so hält er das selbstverständlich auch für meine Schuld. Schließlich bin ich immer bei dem Kind. Wenn etwas schiefläuft, muss es an mir liegen. Manchmal wünschte ich mir wirklich, ich könnte diese Schuld mit irgendjemandem teilen. Aber als Mutterseelenalleinerziehende trägt man alle Schulden und Schuldigkeiten selbst. Sieh zu, Mama!

 

 

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On