Man wird ja wohl mal sagen dürfen … – Stichwort Gesprächskultur

Was war das doch bis jetzt für eine aufregende Woche. Seit das gesamte Feuilleton sich Gedanken über das Streichen von Wörtern und Passagen aus Kinderbüchern macht, ist im Internet mal wieder die Hölle los. Darf man Wörter aus Kinderbüchern streichen, wenn sie Verwirrung oder Unwohlsein erzeugen oder andersrum: Darf man zulassen, dass es nicht getan wird? Beide Fragestellungen sind durchaus berechtigt und sollen dringend diskutiert werden. Wie man ja gerade im Internet sehen kann: Diese Diskussion ist absolut notwendig, da die Betroffenheit offenbar enorm ist. Und eben diese Betroffenheit ist es, die von Befürwortern der Streichungen auch immer wieder erwähnt werden. Sätze wie: “Es ist unmöglich, zu wie wenig Empathie offenbar die meisten im Stande sind. Man müsste sich einfach mal in Betroffene hineinversetzen, um nachvollziehen zu können, worum es hier überhaupt geht.” tauchen zu Hauf in Foren und Blogs auf. Ich möchte weder das eine, noch das andere befürworten in diesem Text. Hier soll es um etwas ganz anderes gehen. Es geht hier um Gesprächskultur.

gefällt mir, gefällt mir, gefällt mir! Facebookdiskussionen sind eine Katastrophe! Die Gefällt-mir-Machine wird richtig befeuert und alle versichern sich gegenseitig ihre Intelligenz, Reflexion und Redegewandtheit mit tausenden kleinen Däumchen. Worum es geht: Wer die meisten Däumchen erhält, ist eine geile Sau. Gefällt mir ist das Kapital von facebook. Nichts anderes ist von Interesse. Während eine normale Diskussion nach folgendem Muster verläuft:

A: Ich habe eine Meinung.

B: Interessant. Ich bin anderer Meinung, weil …

A: So habe ich es noch nicht gesehen, aber …

B: Das mag stimmen, aber was ist mit …

verhalten sich facebook Diskussionen eher so:

A: Ich hab ne krasse Meinung, Ihr Hundehirne!

B: Du Pisser! In Wahrheit ist es aber so …

C: HAHA! Ihr Opfer! Ich bin Gott und die Wahrheit lautet … und der nächste, der irgendwas hier drunter postet, über den mache ich mich irre lustig!

D: Ich hab jetzt keinen Bock, die ganze Diskussion zu lesen. Ich habe schon nach dem Titel aufgehört, überhaupt irgendwas zu lesen, aber ihr seid alle kacke.

 

Liebe Menschen da draußen. Das, was wir eigentlich wollen, ist überzeugen. Ihr möchtet mich und alle Andersdenkenden von Eurer Meinung und ich alle von meiner überzeugen. Weil ihr Eure Meinung auf Empirie, Wissen und Reflexion aufgebaut habt und sie Euch wichtig ist. So wie auch ich mir eine Meinung gebildet habe und sie für gut und richtig halte. Man darf nicht vergessen, dass die meisten Menschen mit den selben Vorraussetzungen in diese “Disco” treten. Ich respektiere jede Meinung, alleine aus dem Wunsch, dass meine Meinung akzeptiert wird. Deiner Meinung nach ist meine Meinung vielleicht nicht richtig. Und eventuell ist es wichtig, dass du mich von deiner überzeugst und ich bin immer gerne bereit, dieses Experiment einzugehen. Denn genau das sind die beiden Grundvoraussetzungen einer Diskussion:

1. Ich respektiere die Meinungen der anderen Menschen und versuche herauszufinden, wie sie zu dieser Meinung gekommen sind.

2. Ich bin immer dazu bereit, mich überzeugen zu lassen.

Das, was man die letzten Tage im Netz beobachten konnte, war zum größten Teil KEINE Diskussion und auch ganz sicher keine Überzeugungsarbeit. Es war zänkisches Geplärre auf der Suche nach ein paar Gefällt mir Klicks. Wer etwas ändern möchte, der muss in den Dialog treten mit denen, die das eben nicht wollen. In diesem Gespräch geht es darum, den anderen zu überzeugen. Überzeugung funktioniert aber nur, wenn ich dem Gesprächspartner auch wirklich zuhöre und wenn ich nicht stur davon ausgehe, dass ich die Person bin, die den anderen überzeugen wird. Denn wenn Du schon so sicher bist, dass ich Dich nicht überzeugen werde, wieso sollte ich dann nicht eben so sicher sein? Wohin führt diese Gesprächsform, bei der jeder seine klugen Argumente und Statistiken auf den anderen losballert, ohne überhaupt Lust zu haben, dem anderen zuzuhören?

Maria Abramovic schreit

Maria Abramovic schreit

Niemand geht in diesen ganzen Diskussionen jemals auf die Argumente der anderen ein. Es findet in diesen Diskussionen niemals eine Gesprächsentwicklung statt. Diskussionsteilnehmer tauchen auf, brüllen rum, sagen: Hier wird es mir zu dumm! und verschwinden wieder. Und wenn man sie von vorne bin hinten durchliest, liest man nur immer wieder von beiden Seiten die selben Argumente. Wozu soll das gut sein? Als Ventil für Ärger im Büro lässt sich dieser Impuls sicher prima gebrauchen, aber um etwas an gesellschaftlichen Phänomenen zu ändern? Ich weiß wirklich nicht, wie das Gezänke im Netz zu irgendeinem gesellschaftlichen Konsens führen soll. Dieser ist ja aber angeblich verlangt.

Um Solidarität geht es eigentlich in dieser Diskussion. Und um Empathie. Wir sollen solidarisch mit den Betroffenen sein und nachfühlen, wie es sich anfühlt, mit diesen täglichen Rassismen/Sexismen/Faschismen/Ismen/Ismen/Ismen zu leben. Und ich finde das ein wirklich wichtiges und richtiges Ansinnen. Aber ich bin erstaunt darüber, dass eine Debatte über Solidarität so unsolidarisch und aggressiv geführt wird. Sensible Menschen wie ich fühlen sich verletzt durch diese Form der Gesprächskultur. Darf ich also bitte eine ebensolche Empathie im Umgang mit mir, dir und allen anderen Beteiligten der Diskussion verlangen?

DAS RACIST – YOU OUGTHA KNOW
“you should never argue with a crazy motherlalalala”

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Author: Sarah Wiedenhöft

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