Luxus und Probleme

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Brot wird bloß trocken, Kuchen wird schnell SCHLECHT!

 

Wir machen heute eine aufregende Improvisation. Wir stellen uns jetzt alle vor, wir wären gewählt worden, um uns um die Interessen der reichen Menschen zu kümmern. Es herrscht große Aufregung, Telefone klingeln den ganzen Tag und unsere email-Postfächer quellen über, wir kommen kaum mehr hinterher.  Kaum zu glauben, was die reichen Menschen alles für Probleme haben. Die meisten rufen an, um sich zu beschweren, dass sie zu viele Steuern bezahlen, zwischendurch kommt eine mail von Thomas Gottschalk, sein Schloss in Bonn verursacht zu hohe Kosten und frisst sein Kapitalvermögen, der berühmte Moderator sieht sich durch Insolvenz bedroht und dass, wo er doch gerade mit wetten, dass … aufgehört hat. Seelsorger werden abbestellt und ein Interessenverband für Schlossbesitzer gegründet, während tausend andere Probleme sich bei uns Gehör verschaffen. In den Großstädten fühlen einige sich durch Armut bedroht. Nicht durch ihre eigene, sondern durch die der anderen Stadtbewohner, die sie auf den Straßen um Geld bitten und die in den Banken herumlungern, um sich vor der Kälte zu schützen. Wir kommen schon nicht mehr hinterher, aber das sind ja noch lange nicht alle Probleme.

Mehr fallen mir gerade nicht ein, denn mal ehrlich, diese Hausaufgabe in Empathie ist ziemlich schwierig zu bewältigen. Was wissen denn wir, wie es im Leben so eines Reichen aussieht?! Uns fehlen da die Erfahrungen. Wir selbst sind schließlich so sehr mit dem Erhalt unserer Existenz beschäftigt, dass wir gar keine rechte Ahnung davon haben, welche Luxusprobleme auf uns zukommen würden, wenn wir die eigenen erst einmal bewältigt hätten. Während die Telefone klingeln, fangen wir an wütend zu werden. Wr fühlen uns unzulänglich. Wir schaffen es nicht, uns in diese Welten hineinzuversetzen und wir sind langsam genervt. Da rufen Leute an, die nennen Champagnernamen, von denen wir nie genippt haben und die Namen großer Yachthersteller und wir müssen alles notieren und uns Statistiken durchlesen, um es sich wenigstens merken zu können, wenn wir es schon nicht verstehen. Dann kommt das Fernsehen. Zum Glück haben wir uns ja die Statistiken durchgelesen und die erklärenden Texte dazu und wir wissen zwar gar nicht, worum es geht, aber wir machen es einfach wie damals in Mathe. Auswendig gelerntes Wissen muss man gar nicht verstehen. Wir formulieren also Sätze und dann verschwindet das Fernsehen wieder und wir sind müde und fahren nach Hause. Ein wenig hassen wir die Reichen. Weil sie uns unser Unwissen aufzeigen und weil wir auch einfach gar nicht verstehen wollen, was die eigentlich für Probleme haben.

Zum Glück haben wir ja unser eigenes armseliges Leben. Dahin können wir uns zum Feierabend zurückziehen und den Krach der Kinder genießen, uns die Reste eines billigen Mahles aufwärmen und uns an unseren eigenen, besseren Probleme erfreuen. Die verstehen wir wenigstens. Die Tochter hat keinen Betreuungsplatz und kann nur hin und wieder durch die Großmutter betreut werden, sodass wir die nächsten drei Tage nicht werden arbeiten können, der Älteste wird schlechter in der Schule, aber für Nachhilfe reichen weder Zeit, noch Geld, das fehlt auch für neue Wintersachen für alle und die Wohnung ist eigentlich für drei zu klein. Beruhigt klammern wir uns an unsere alten Kissen in der Nacht und schlafen glücklich ein. In unseren Problemen fühlen wir uns zu Hause. Es duftet nach Zwangsläufigkeit und wir befinden uns in unserer Komfortzone. Ein herrliches Gefühl.

Und nun drehen wir einfach alles um und stellen uns vor, die Reichen würden die Armen regieren.

Woher soll eine Kristina Schröder bitte wissen, woran es einer alleinerziehenden Mutter am Rande der Gesellschaft fehlt? Ebenso wenig, wie wir eine Ahnung davon haben, wie es sich anfühlen muss, die Hälfte seiner Steuereinnahmen wieder abtreten zu müssen, fehlt auch ihr jegliches Verständnis für die Fragen der Emanzipation. Frau Schröder hat in ihrem Leben noch nie das Bedürfnis verspürt, sich zu emanzipieren. Sie ist in der höheren Mittelschicht aufgewacht und wird sich im Reichtum schlafen legen. Sie hat einen wirklich tollen Beruf, in ihrem Leben lief immer alles geradeaus, das Geld sie zu fördern war da und ihre Mutter hat früher jeden Abend mit ihr gebetet, wie sie in einem Interview mit evangelisch.de verrät und sie ist nun verheiratet mit Dr. Ole Schröder, der seinerseits Staatssekretär ist und gemeinsam haben sie die süße kleine Lotte Marie und die wird immer professionell betreut, damit Papa Ole und Mama Kristina sich bis in aller höchste Sphären hinaus verwirklichen können. Manchmal nimmt Mama Schröder ihr Baby auch mit ins Büro, aber nicht weil sie muss, sondern weil sie es kann. Ihr Amt ist viel besser als das ihres Mannes, woher soll Frau Schröder wissen, dass der Staat für derlei Karrieren auch die Bedingungen schaffen muss? Also, sie ist doch Ministerin geworden! Sie hat das doch alles aus der Mitte der Gesellschaft heraus geschafft. Aus der Mittelschicht heraus, aus der oberen Mittelschicht, mitten aus dieser christlichen Gesellschaft der Nächstenliebe, aus Mittelerde eben. Frau Schröder ist Ministerin für Frauen (Senioren, Familien und Jugend) und kennt darum die Realität einer Frauenministerin ganz genau und darum ist sie auch goldrichtig für dieses Amt. Keine Frau weiß in Deutschland so gut um die Realitäten dieses Lebens als sie. Und darum ist sie unsere Frauenministerin und darum bleibt sie auch unsere Familienministerin und deshalb können ihr andere Familien auch egal sein, wenn sie am Ende des Tages endlich die Arbeit niederlegt und mit dem Taxi nach Hause fährt, in diese eigene bessere Realität, deren Probleme sie verstehen kann und in denen sie sich zu Hause fühlt. Wahre Probleme, wie dass Ole Nachts so laut atmet oder dass Lotte Marie zahnt oder vielleicht braucht sie auch neues Personal. Das braucht man ja im Grunde ständig. Frau Schröder wird sich also weiterhin um die Belange solcher Frauen kümmern. Um die Tränen der weiblichen Vorstandsvorsitzenden und Abgeordnetinnen des Bundestages. Und wem das nicht passt, der soll mal versuchen, aus seiner Position etwas für die Reichen zu tun. Da wird er nämlich ganz schnell merken: Es ist gar nicht so einfach, sich in andere Realitäten zu versetzen.

-Irony off.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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