Kleiner Haufen Kriegsschauplätze

TAG 20. Und OVER! Meine Tochter ist zurück und die Normalität kann wieder beginnen. Sie schlägt auch gleich brutal zu. Die Wiedersehensfreude ist groß, man gönnt sich ein Mittagessen im Kreise der “Familie” bei McDonalds und berichtet von den Geschehnissen der letzten Wochen.

fenster

“Ich bin Motorrad gefahren!”
“Wir sind Achterbahn gefahren!”
“Cool. Ich war auch in einer Achterbahn. Aber in einem stillgelegten Freizeitpark. Die fährt nicht, man kann nur drin sitzen und reden.”
“Wir sind im Schwimmbad von so einer Rutsche gerutscht, da waren unten so Schienen dran, auf denen man im Wasser weiterrutschen konnte!”
“Das klingt verrückt! ICH war im Schwimmbad und konnte 20 Bahnen schwimmen. Ohne Störung.”
“Langweilig! Wir waren im Kino!”
“Ich war in der SPÄTvorstellung.”

Die Stimmung ist ausgelassen. Es wird viel gelacht und gekuschelt. Da ist ja meine kleine Ansammlung verrückter Atome wieder. Die Moleküle in meinem Körper springen Hüpfburg und wollen sich wieder mit denen des Kindes verschmelzen. Es fühlt sich an, als hätte ich die letzten Wochen unbemerkt ohne einen Arm verbracht und jetzt, wo er wieder dran ist, kann man die Dinge viel besser berühren. Laupenta ist da. Wunderbar.

Doch es dauert gar nicht lange, da tauchen erste Schatten auf und verdunkeln den Horizont. Kaum, dass Papa weg ist, beginnt das Kind zu weinen und behauptet, die Tante wollen den Papa ganz für sich alleine haben und mag Laupenta überhaupt nicht. Ich – meines Zeichens selbst ein Scheidungskind – kenne diese Gefühle gut. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Meine Schwester liebt mein Kind, aber ich weiß auch, dass das Gefühl in ihr echt ist. Genau so echt wie die Liebe meiner Schwester. Kindergefühle funktionieren anders als unsere. Wir mit unseren fortgebildeten Köpfen kennen zu jedem Gefühl bereits tausend Gedanken und die denken wir wie Mantren und Gebete. Für ein Kind sind Gefühle noch viel neuer und mächtiger. Es gibt keinen Ausweg aus ihnen. Man ist ihnen ausgeliefert. Ich lasse alles Gepäck fallen und tröste so gut es geht. Ich erkläre, dass Schwester W. ihr nicht ihren Papa wegnehmen will. Dass sie unseren kleinen Schatz genau solieb hat wie die ganze Familie. “Alle lieben dich. Alles ist gut.” Erst mal gut, aber naja …

Natürlich spürt das Kind, dass der Rest der Familie mich – im Gegensatz zu meiner Tochter – nicht so sehr liebt. Und diese blöden Gefühle der Erwachsenen, die wir uns also immer wegbeten, brechen in dem Kind dann durch. Im Bus geht’ s weiter. W. würde mich nicht lieben und Laupenta hätte das auch getestet. Sie sagt, dass W. immer schlecht über mich spricht. Wäre ich nicht seit acht Jahren Mutter würde ich solche Geschichten glatt für die Wahrheit halten. Aber die Wahrheit ist  zweierlei: Das wahre Gefühl meiner Schwester und die Ausschmückungen eines Kindes, das immer das Gefühl hat, Partei ergreifen zu müssen. Ein Kind im Mittelfeld eines Elternkonflikts hat immer ein schlechtes Gewissen und will es den Eltern recht machen. Ich wette, dass sie der Gegenseite ähnliches über mich sagt.

Ihre Worte tun weh. Sie treffen zuerst das Kind in mir, das von seiner Familie geliebt werden will und dann den Teil in mir, der Laupenta gehört. Ich drücke sie fest an mich, sage ihr, dass ich die ganze Familie lieb habe und vorallem sie und dass sie sich nicht berufen fühlen soll, irgendetwas zu klären oder herauszufinden. Sie soll meine Schwester nicht testen und alles ist gut. Als ich sie endlich beruhigen kann, breitet sich ein Lächeln aus in ihrem Gesicht. Und ohne es zu ahnen, holt sie aus zu einem kräftigen Schlag in mein Gesicht:

“Der Papa hat mich gefragt, ob ich bei ihm leben will, wenn ich 12 bin.”

BAMM! Tränen schießen mir in die Augen und ich schlucke sie wieder runter.
Papa möchte sein Sorgerecht beantragen. Er möchte Verantwortung übernehmen. Wenn Laupenta 12 ist …
Tausend Flüche schließen durch meinen Kopf. ‘Na klar, wenn die harte Arbeit gemacht ist …., jemand will mir MEIN Kind wegnehmen, … schon wieder …, wenn endlich alles einfacher wird …’

Ich bin Mutter!
Eine Mutter ist ein Fels. Ein riesiger Brocken steiniger Masse, den nichts von der Stelle heben kann. Eine Instanz, eine Festung, ein Wall.
Ich bin ein Stein. Ich fühle nicht. Ich biete Halt. Ich bin ein Stein.
Da sind sie wieder, diese Gebete der Erwachsenen. Ich kann Gefühle schlucken und verdauuen.
Kann ich das wirklich?
Die Frage stellt sich nicht. Ich muss.

Ich sehe auf diesen kleinen Körper, der sich nach beendeter Trösterei mir gegenüber auf die Bank gesetzt hat. Ich sehe den kleinen Körper in einem Flammenmeer. Auf dem Schlachtfeld eines elterlichen Kampfs und das tut wahnsinnig weh. Also kann ich wohl schlucken. Von da, wo ich die bösen Gefühle hingeschluckt habe, hole ich ein Lächeln raus und dekoriere damit mein Gesicht. Die Augen lächeln sicher nicht mit. Nur der Mund behauptet das und sagt: “Da können wir ja mal drüber reden. Der Papa und ich.”

Willkommen zurück, mein kleiner Haufen wilder Gefühle und Kriegsschauplätze! Das Leben tobt nicht da draußen. Es tobt in dir.
“Schreibst du Artikel über mich, Mama?”
“Ähh …” Tausend Fragen, Prüfungen und innere Diskurse.

Es geht weiter. Ich glaube, der Kampf hört niemals auf.

Der frühe Morgen wurmt den Vogel
Liedgut. Vielleicht hilft das ja.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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