Kindern aus Einelternfamilien fehlt nichts!

Kirsten Boie ist eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Deutschlands. Sie hat sich unter anderem Die Kinder vom Möwenweg, Das Meerschweinchen King Kong und Nella Propella, die bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufwächst, und mit ihrer witzigen Art ein Vorbild für viele Kinder darstellt, ausgedacht. Am 5. November kommt “Der kleine Ritter Trenk” ins Kino. Ich habe mit ihr über die Sprache in Kinderbüchern und über ihre Heldin Nella Propella gesprochen – und darüber, was denn genau eine “vollständige” Familie ist.

 

Hamburg, DEU, 25.04.2012: Kirsten Boie (geb 19. Maerz 1950 in Hamburg). deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin aus Hamburg. Beliebt sind verschiedene von ihr verfasste Kinderbuch - Reihen, Sie hat Ÿber 80 BŸcher veroeffentlicht. ACHTUNG HONORARPFLICHTIG Ð KEIN VERTRAGSFOTOGRAF | Hamburg GER, 25.04.2012: Kirsten Boie (born March 19th 1950 ).German author and publisher of children books| [ © Stefan Malzkorn, Steinbeker Strasse 14, 20537 H a m b u r g, Tel.: +49-40-345402; www.malzkornfoto.de malzkorn@malzkornfoto.de , Kontoverbindung bitte beim Fotografen erfragen - Banking Link: please get in touch with us for our banking details. www.freelens.com/clearing, Steuer-Nr: 42/152/01106 Finanzamt Hamburg am Tierpark, KSK-Nr. 39040963M007. Verwendung nur gegen Namensnennung, Honorar und Beleg - Presseveroeffentlichungen in DEU zzgl. 7% Mwst auf grundlage der MFM; bei Verwendung des Fotos ausserhalb journalistischer Zwecke bitte Ruecksprache mit dem Fotografen halten. Soweit nicht ausdruecklich vermerkt werden keine Modellfreigabe-, Eigentums-, Kunst- oder Markenrechte eingeraeumt. Die Nutzungen erfolgt ausschliesslich auf Grundlage meiner unter www.malzkornfoto.de/webseite_neu/agbs/agb_dt.pdf einsehbaren Allgemeinen Geschaftsbedingungen (AGB) publication only with royalty payment, credit line, and print sample. Unless especially stated: no model release, property release or other third party rigths available. No distribution without our written permission.] [#0,26,121#]

Kirsten Boie © Stefan Malzkorn

Frau Boie, der Alltag gerade von vielen Einelternfamilien ist stressig und hart – da bleibt oft wenig Zeit zum Vorlesen. Was würden Sie diesen Familien raten? Welchen Tipp haben Sie für Eltern, wie Sie Bücher in den Alltag integrieren können?

Ich würde Ihnen raten, trotzdem vorzulesen. Zehn Minuten oder eine viertel Stunde reichen ja schon. Am Besten ist es vorm Schlafen gehen. Ich denke, dass es ein sehr schönes Ritual ist, bei dem man sich auch unglaublich nahe kommt. Denn man redet ja auch über die Dinge, die im Buch passieren und kommt darüber dann auf eigene Themen. Es ist auch etwas, was schön zum Schlafen überleitet. Das mit der wenigen Zeit gerade bei Einelternfamilien stimmt ohne Frage. Aber die Vorlesezeit ist eine ruhige Zeit und damit ein gutes Gegenstück zum stressigen Alltag. Als Alleinerziehende*r Mutter/ Vater und als allein erzogenes Kind hat man ja auch sehr viele hektische Phasen und dann ist es besonders schön, wenn es auch diese ganz ruhige Zeit gibt.

Welche Bedeutung hat die Sprache in Büchern für das Selbstbild von Kindern?

Das Erste und Einfachste ist natürlich, dass es die Sprache der Kinder entwickelt. Das finde ich besonders wichtig. Sie können dann zum Beispiel eigene Gefühle plötzlich ganz anders wahrnehmen, weil sie Begriffe dafür haben. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ zitiere ich an dieser Stelle immer. Bücher können auch emotional viel auslösen. Erst einmal sind es nur Worte. Die Bilder werden nicht, wie im Film, direkt mitgeliefert. Egal ob vorgelesen wird oder die Kinder schon selbst lesen können. Sie müssen die inneren Bilder erst selbst erschaffen. Aber woher nehmen sie die? Aus ihrer eigenen Erfahrung. Mit den Geschichten, die ich lese, knüpfe ich an meine Erfahrungen an und wälze sie dann um.

Ich hatte eine Lesung zu meinem neuen Buch über eine Flüchtlingsfamilie vor Viertklässlern. In dem Buch geht es um Krieg. Um Bomben, Menschen, die einem Kind auf die Hand treten, die Gefahr bei Bootsfahrten über das Mittelmeer und die schwierige Situation in Deutschland. Auf dem Weg verliert ein kleines Mädchen eine Puppe. Nach der Lesung haben die Kinder nicht gefragt, was die Schlepper gemacht haben. Sie haben nicht nach Bomben, Krieg und Gewalt gefragt. Sie interessierten sich vor allem dafür, ob das Mädchen die Puppe zurück bekommen hat. Krieg haben die Kinder, denen ich vorlas, nicht erlebt. Aber wie sehr es wehtun kann, wenn man seine Puppe verliert, das wissen sie. Ich finde daran sieht man das deutlich.

Ist das bei Erwachsenen denn auch so oder ist das bei ihnen anders? Verlernen wir vielleicht sogar etwas?

Ich glaube, bis uns etwas so sehr umhaut wie die Kinder der Verlust der Puppe von dem Mädchen aus der Geschichte, muss schon einiges passieren. Wir haben ja schon viel mehr erlebt und gesehen und sind deshalb nicht mehr ganz so sensibel für solche Dinge. Aber ich denke, dass es über Sprache besser funktioniert als über Bilder. Denn diese laufen ja überall hoch und runter. Für uns ist das Elend auf Bildern längst nichts besonders schlimmes mehr. Wir haben uns daran gewöhnt.

Also braucht es keine Bilder eines toten Flüchtlingsjungen, um die Menschen aufzurütteln?

Da wäre ich sehr vorsichtig. Die Kritik fand ich teilweise etwas hart. Obwohl es berechtigt ist, zu kritisieren, dass dieses Kind so der Öffentlichkeit bloßgestellt wurde. Ich glaube trotzdem, dass dieses Bild bei vielen Menschen etwas ausgelöst hat und dass sie erst durch das Foto verstanden haben, wie viel Leid diese Menschen, die nun nach Deutschland kommen, tatsächlich erlebt haben. So etwas Ähnliches ist auch früher schon mal passiert. Die Bilder aus dem Vietnamkrieg haben Millionen Menschen auf der ganzen Welt bewegt. Aber es gibt auch die Gefahr,dass es zu viel ist. Diese ganzen Dokumentationen rauschen nur so an uns vorbei und wir merken überhaupt nicht mehr, wie schlimm es genau ist.

Das halte ich auch für schwierig. Aber auch die Berichterstattung über Einelternfamilien ist selten gut gelungen. In vielen Fällen kommen Alleinerziehende nicht gut weg. Nella Propella, die Tochter einer 25 jährigen Studentin, die Sie 1994 erfanden, ist da eine positive Ausnahme und für viele Kinder ein Vorbild. War sie auch schon als Vorbild geplant?

Ich habe selbst solche Familien gekannt. Schon während meines Studiums gab es Alleinerziehende Student*innen. Damals war es sicher noch etwas schwieriger als heute. Da musste man immer lügen, wenn man nicht arbeiten konnte, weil das Kind krank war. Ein krankes Kind war kein Grund, zu Hause zu bleiben. Heute ist es natürlich auch noch schwierig. Was mich aber beeindruckt hat, war, dass diese Kinder total witzig, fröhlich und pfiffig waren. Die Mütter hatten wirklich ein großes Programm zu erfüllen, aber die Kinder waren einfach glücklich und ganz „normal“. Ihnen hat nichts gefehlt. Überhaut nichts. Und da dachte ich: ich schreib das mal auf. Und es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Nella ist ein starkes Mädchen, dass eine starke Mutter hat. Beide sagen, was sie wollen. Wenn sie unglücklich sind, sagen sie das auch. Die Oma von Nella hält sich aus der Kinderbetreuung ziemlich raus, was die beiden schon ärgert und traurig macht. Aber es bringt sie nicht um. Ich fand es ganz wichtig, das mal aufzuschreiben.

Nella ist in jedem Fall eine tolle Identifikationsfigur für viele Kinder in Einelternfamilien. Meine letzte Frage an Sie, die mich nun wieder vor allem als Alleinerziehende sehr beschäftigt. Was ist eine „vollständige“ Familie?

Man kann anfangen damit zu sagen „Familie ist dort, wo Kinder sind“. Das könnte dann zum Beispiel eine Mutter und ein Kind sein, oder eben ein Vater und ein Kind. Und was noch? Müssen es Vater, Mutter und ein Kind sein, oder müssen es zwei sein? Müssen Oma und Opa auch noch dazu gehören? Diese Definition finde ich schwierig. Es ist natürlich, sagen wir mal, einfacher, wenn das Kind mit Vater und Mutter aufwächst, zumindest, wenn die Beziehungen untereinander auch harmonisch sind. Aber auch wenn ein Elternteil im Leben der Kinder keine Rolle spielt, suchen sich die Kinder einfach Vorbilder und Menschen, die diese „fehlende“ Rolle mit übernehmen. Es gibt ja unzählige Gründe, wieso das so ist und ich glaube durchaus, dass diese Familien auch dann vollständige Familien sind.

Flattr this!

Author: Sarah Wiedenhöft

Share This Post On

2 Comments

  1. Hallo, ein schönes Interview. Danke dafür 🙂
    Ich kann das nur bestätigen. Mein Sohn ist fröhlich, hat ein äußerst komisches Talent und ist ziemlich pfiffig. Sprachlich ist er sogar weiter als die anderen in seinem Alter- und das obwohl wir meistens nur zu zweit sind. Ich muss aber sagen, dass ich mir jeden Tag Zeit nehme, mit ihm zu spielen, Bücher anzuschauen (insbesondere vorm Schlafen gehen) und Haushalt & Co. sowie meine Interessen hinten anstelle. Das ist manchmal schon Kräfte zehrend und in den Ferien oder in Krankheitsphasen läuft es nicht so reibungslos, da ist die Stimmung schon sehr geladen und ich sowie er überfordert. Aber im “Normalfall” funktioniert es gut. Und wenn ich sehe, wie er abends selig schlummernd in seinem Bett liegt, ist eh alles gut. Ich denke, man darf das Kind nicht aus den Augen verlieren und immer wieder integrieren, z.b. wenn man im Haushalt zu tun hat. Und, niemals perfektionistisch sein oder sich Freizeitstress machen oder hinsichtlich des Jobs zu sehr unter Druck setzen lassen! Es geht immer irgendwie. Auch wenn z.b. der Job flöten gehen sollte. Und, Kinder brauchen gar nicht so viel um glücklich zu sein..

    Post a Reply

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*