#keinjobmitkind: Bewerbungs(un)gerechtigkeit – Hakan, die Dicke und die Mutti sind raus!

 

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“Oha! Du wirst jetzt also eine Working Mom!”, sagte mir meine beste Freundin, nachdem ich ihr von meiner Bewerbung und der Einladung zum Vorstellungsgespräch erzählt hatte. “Aber pass auf. Die meisten Firmen wollen keine Mütter. Du hast denen doch nicht etwa gesagt, dass du ein Kind hast?”

Die Frage machte mich im ersten Moment wütend. Warum sollte ich mein Kind verschweigen?

Viele Firmen haben Bedenken, Mütter einzustellen, und sei es auch nur für ein Praktikum. Die Liste der Vorurteile ist lang. Zeitlich unflexibel seien sie, unpünktlich und unzuverlässig.  Und – wenn überhaupt – auch nur mit 50 Prozent ihres Gehirns tatsächlich im Berufsalltag anwesend. Die andere Hälfte der Aufmerksamkeit gehöre immer und zu jedem Zeitpunkt dem Nachwuchs. Und auch die Angst vor einer erneuten Schwangerschaft und dem damit verbundenen Arbeitsausfall ist groß.

Mütter bereichern jede Firma, kontert unterdessen die Gegenseite. Sie seien flexibel, aufmerksam, verständnisvoll und könnten Multitasking wie kein anderer. Der Nachwuchs verlangt schließlich nach besonderer Flexibilität, Aufmerksamkeit und Voraussicht – Alles Fähigkeiten, die für das bekannte Multitasking und damit auch das “Bestehen im Job” unerlässlich sind. Mütter seien dankbar, wenn sie überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekämen, das mache sie zu loyalen Arbeitnehmerinnen. Sie funktionieren hocheffizient und sichern somit Qualität und Produktivität im Unternehmen.

Doch was passiert hier? Zunächst wird die Gruppe der Mütter gleichgemacht und ihr – nach dem Vorbild des Mutterkultes – bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Und das von der einen wie von der anderen Seite. Die Argumentationslinie lautet wie folgt: Weil diese Bewerberin Mutter ist, kann sie das (nicht) und tut dieses oder jenes besser oder eben schlechter als andere Menschen. Fragen, die für den Arbeitgeber und den Beginn eines Arbeitsverhältnisses relevant sein sollten, wie etwa die nach Qualifikation, Arbeitserfahrung, Ausbildung oder individueller Motivation, geraten völlig aus dem Blick.

Gleichzeitig geht damit auch eine Reduktion der Einzelperson einher. In der Debatte verschmilzt jede Frau mit ihrer Rolle als Mutter. Die (un-)zuverlässige, (un-)flexible Mutter. Aber wir sind noch so viel mehr als das. Der Begriff der “Working Mom” bereitet mir deshalb Unbehagen. Auffällig ist auch, dass über Working Dads längst nicht so viel diskutiert wird.

Das nicht nur Mütter im Bewerbungsverfahren benachteiligt werden, haben schon mehrere Studien, wie etwa die der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, gezeigt. Diskriminierung im Bewerbungsverfahren ist nicht allein ein Problem der Mütter. So schreibt Frauke Lüpke-Narberhaus in ihrem Artikel “Keiner will einen Ali im Team haben” über die Studie “Diskriminierung am Arbeitsmarkt”, die bestätigte, dass beispielsweise Hakan es schwerer hat, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.  Tim  hingegen wurde deutlich häufiger eingeladen – bei gleicher Qualifikation. Auch das auf dem Bewerbungsbild erkennbare Körpervolumen sei ein Grund für ein erfolgreiches Bewerbungsverfahren.

In diesen Fällen geschieht die selbe Reduktion, die auch Müttern widerfährt. Äußerliche Merkmale wie die Physiognomie, Körperbau und ein fremd klingender Name legitimieren hier die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften, welche die Bewerber*innen geeignet oder ungeeignet für einen bestimmten Job erscheinen lassen, ohne jedoch ihre Qualifikation zu berücksichtigen.

Doch wie löst man das Problem am besten? Einige große Firmen wie etwa die Deutsche Post, die Telekom oder das Bundesfamilienministerium haben in einem Pilotprojekt anonymisierte Bewerbungsverfahren getestet – mit Erfolg! Die Einladungen zum Vorstellungsgespräch erfolgen ausschließlich aufgrund der Qualifikation. Angaben zum Familienstand, Adresse, Name, Geburtsdatum, Alter und Herkunft wurden dabei genauso wenig verlangt wie ein Bewerbungsfoto. Vor dem Gespräch erhielten die Personalchefs dann die persönlichen Angaben zu ihren Bewerber*innen, um sich auf das jeweilige Vorstellungsgespräch vorbereiten zu können.

Eine tolle nach Ausweitung schreiende Idee, die endlich mehr Gerechtigkeit in Bewerbungsprozesse bringen kann. Damit ich nicht mehr sagen muss: Ich arbeite und bin gut in meinem Beruf, weil oder obwohl ich Mutter bin, weil/obwohl ich Hakan oder Tim heiße oder weil/obwohl ich dicker/dünner bin als die Mehrheitsgesellschaft es von mir erwartet. Sondern damit ich sagen kann: Ich arbeite und bin gut in meinem Beruf. Ohne Wenn und Aber.

Bildquelle

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Author: Sarah Wiedenhöft

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4 Comments

  1. Stimmt. Entweder ganz anonym oder ganz persönlich sind die beiden Wege, die am besten klappen, wenn man vorurteilstechnische Nachteile hat (Mutter, ausländischer Name, dick, …).

    Viele Jobs werden ja sowieso über Empfehlungen im Bekanntenkreis vermittelt. Und da zählt dann, was man kann. Und der künftige Arbeitgeber fühlt sich abgesichert gegen die unzuverlässige/unpünktliche/unflexible Bewerberin – die es ja durchaus auch gibt, von daher sind die Ängste ja nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, nur leider an Vorurteilen statt konkreten Tatsachen festgemacht.

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  2. Hmmh, es gibt Ausnahmen:
    Chefs, die gezielt Alleinerziehende einstellen.
    – Weil die organisieren können!
    Das war seine Antwort auf meine Frage, warum er eine alleinerziehende Mutter wie mich einstellen will.

    Das finde ich, ist ein supergutes Argument für alle Mutterseelenalleinerziehenden 🙂

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  3. Hallo liebe Blogger und ….aber ich muss mir Luft machen sonst platzt Mama….

    ich bin per Zufall auf diese Seite gestoßen und bin froh endlich auch mal einen Blog für alleinerziehende gefunden zu haben.
    Seit längerem suchte ich nach Blogs die sich nicht mit der Frage “Wie finde ich einen Mann” beschäftigen, sondern WIE ERGATTERE ICH EINEN GESCHEITEN JOB? ICh muss immer wieder feststellen das trotz der Schlagzeile FACHKRÄFTEMANGEL die wir tagtäglich unter der Nase gerieben bekommen genügend Jobs da sind – aber uns wirklich keiner einstellt. Oder man Sie nicht annehmen da wie so viele mit einer 40% Reisetätigkeit verbunden sind.
    Ich selber bin als Ingenieurin immer wieder erstaunt mit welchen Begründungen die ein oder andere Absage bei uns im Briefkasten landet.
    Ich habe schon so einige Fortbildungen (das zu der Überqualifizierung!!!!) hinter mir und bald geht es Richtung in Richtung Hartz IV! Mir kommen die Tränen wenn ich eine Dokumentation über Fachkräftemangel sehe.
    Lieber Firmen wir sitzen hier zu Hause und wollen arbeiten- aber wir dürfen nicht da unsere Kinder “DIE ZUKUNFT” – UNSERE ZUKNFT, nicht daran teilhaben lässt.
    Hätte ich gewusst das Deutschland so Rückständig hinsichtlich Kinder und Frauenquote ist, Sie können mir glauben, hätte ich niemals Kinder bekommen. Eine schmerzhafte Erkenntnis!

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    • *vollundganzunterschreib*
      Unter diesen Umständen kann ich an einen mediensuggerierten “Fachkräftemangel” auch nicht glauben!

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