“Jeder Euro muss hart erkämpft werden!” Familienministerin Manuela Schwesig im Interview

Mit der Kampange “Wonder Woman. Alleinerziehende retten jeden Tag die Welt. Wir untersützen sie dabei,” setzt sie sich für Einelternfamilien ein: Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin und stellvertretende SPD-Parteivorsitzende. Mit Erfolg? Längst nicht alle sind zufrieden. “Viel Streit um wenig Geld” titelte beispielsweise die Sächsische Zeitung. Wie schätzt sie selbst die Situation von Alleinerziehenden heute ein und wie beurteilt sie den angehobenen Steuerfreibetrag? Ist sie mit den bisherigen Verhandlungsergebnissen zufrieden? Mutterseelenalleinerziehend traf sie zum Interview.

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Frau Schwesig, Einelternfamilien sind in allen Bereichen des täglichen Lebens politisch und gesellschaftlich völlig gleichberechtigt. Wie bewerten Sie diese Aussage, wenn Sie die aktuelle Situation von Alleinerziehenden betrachten?

Alleinerziehende genießen in vielen Bereichen nicht die Förderung, die Ehepaaren mit Kindern zu Gute kommt. Sie schultern alle Aufgaben allein, wo sich Ehepartner die Herausforderungen teilen können. Deshalb sind Alleinerziehende ganz besondere Leistungsträgerinnen und Leistungsträger unserer Gesellschaft. Ich finde, das verdient mehr Anerkennung und wir müssen konkret mehr Unterstützung leisten.

In welchen Bereichen müsste man ansetzen, um die Situation zu verändern?

Ich freue mich sehr, dass wir Alleinerziehende steuerlich stärker entlasten werden. Das ist ein riesiger Erfolg, für den die SPD gekämpft hat. Der Entlastungsbetrag war seit seiner Einführung vor über zehn Jahren nicht angehoben wurde. Viele Alleinerziehende haben sich in den letzten Monaten an die SPD gewandt. Für eine Alleinerziehende mit einem Kind und einem Bruttoeinkommen von 30.000 Euro bedeutet die Anhebung eine Entlastung von rund 180 Euro im Jahr. Und für jedes weitere Kind steigt der Entlastungsbetrag noch einmal um 240 Euro.

In Presse und Fernsehen werden Alleinerziehende oft als einheitliche Masse dargestellt. Alleinerziehend, asozial und bildungsfern werden in einem Atemzug genannt. Die SPD hingegen setzt sie mit Wonder Woman gleich. Halten Sie sie für Superheld*innen?

Die SPD will mit der „Wonder Woman“-Kampagne genau auf diese Leistung vieler Alleinerziehenden aufmerksam machen. 1,6 Millionen Alleinerziehende schultern in Deutschland enorm viel. Das verdient unseren allerhöchsten Respekt.

Alleinerziehende leisten jeden Tag unheimlich viel, um im Alltag bestehen zu  können. Glauben Sie, dass ihre “Superkräfte” nutzbar sind, etwa für den Arbeitsmarkt? Sind sie vielleicht leistungsfähiger und könnten die Wirtschaft ankurbeln?

Wenn wir über Menschen reden, sollten wir nicht zuerst über wirtschaftlichen Nutzen sprechen. Aber natürlich leisten Alleinerziehende auch im Beruf viel. Aber wenn wir ehrlich sind, viel zu häufig in prekären Jobs oder Minijobs, um sich und ihr Kind irgendwie über Wasser zu halten. Deshalb geraten gerade Alleinerziehende viel zu oft in Armutsgefahr schon im Erwerbsleben, viel bedrohlicher aber vor allem im Alter. Das müssen wir verhindern.

Jetzt mal ganz konkret: Unterhaltsvorschuss, Kindergeld, Kinderfreibetrag, Steuerklasse, Kinderbetreuung. Welche Änderungen sind in diesen Bereichen geplant, um Einelternfamilien zu unterstützen?

Ein wirklich großer Erfolg ist die beschlossene Erhöhung des steuerlichen Entlastungsbetrages für Alleinerziehende. Der Bund stellt ab 2015 außerdem zusätzliche Finanzhilfen für den Kita-Ausbau zur Verfügung, um gezielt die Ganztagsbetreuung zu verbessern. Und mit einem 100-Mio-Programm zum  Ausbau von Randzeiten-Kitas, das wir gerade vorbereiten, erhalten Alleinerziehende bessere Unterstützung, die im Schichtdienst, frühmorgens, abends oder nachts arbeiten. Kindergeld und Kinderfreibetrag heben wir ebenfalls gerade an. Damit helfen wir 17 Millionen Kindern in Deutschland. Und mit dem Kinderzuschlag holen wir 260.000 Kinder aus der Armut. Ich finde, das ist schon eine große Palette an Verbesserungen, die sich wirklich sehen lassen kann.

Es gab auch Kritik, “Viel Streit um wenig Geld” titelte beispielsweise die sächsische Zeitung. Sind Sie mit den bisherigen Ergebnissen der Verhandlungen zufrieden?

Es wird Sie nicht überraschen, dass ich das ganz anders sehe. Natürlich würde ich mir noch einiges mehr wünschen, zum Beispiel beim Unterhaltsvorschuss. Aber wir haben hier eine ganze Reihe von sehr konkreten Verbesserungen erreicht. Jeder Euro muss hart erkämpft werden.

Welche Unterstützung ist für Alleinerziehende, die sich in Ausbildung oder Studium befinden, geplant?

Zum Beispiel wollen wir als Bundesregierung mit der neuen „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ gemeinsam mit allen dort versammelten Partnern die berufliche Bildung stärken und damit auch deutlich mehr Ausbildungen in Teilzeit ermöglichen. Das hilft vor allem Alleinerziehenden ohne abgeschlossene Berufsausbildung, finanziell langfristig auf eigenen Beinen zu stehen. Und natürlich müssen auch an den Hochschulen die Probleme von Studierenden mit Kindern in Zukunft besser berücksichtigt werden, z.B. indem man Kinderbetreuungsangebote ausbaut.

Wie schätzen Sie die Situation von Einelternfamilien in fünf Jahren ein?

Ich hoffe, deutlich besser noch als heute. Vor allem kämpfe ich dafür, dass Alleinerziehende auch die Wertschätzung für ihre Leistung bekommen, die sie täglich verdienen. Das gilt übrigens für Familien und die Erziehung von Kindern insgesamt. Wenn Familien, ganz egal ob in der Ehe, alleinerziehend, als Patchwork oder in Regenbogenfamilien, der Mittelpunkt der gesellschaftlichen Anerkennung und Aufmerksamkeit sind, ist schon viel gewonnen.

Anmerkung der Redaktion: Fragen zu genauen Plänen zur Förderung studierender Eltern, sowie Fragen zur Vorbeugung gesundheitlicher Probleme bei Alleinerziehenden, wie Burnout oder Depressionen, wurden leider nicht beantwortet.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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6 Comments

  1. Ich finde diesen Gesetzentwurf anfechtbar. Jedes Kind sollte die gleichen Vergünstigungen erhalten können, egal in welcher Familienform es aufwächst.
    Auch wenn bei vielen Alleinerziehenden dieser Zustand nicht freiwillig gewählt wurde, demontieren wir die traditionelle Familie, weil sich diese auf Dauer weniger Lohnt! Zusammen leben kann man ja auch ohne Trauschein!
    Es treibt einen Keil in die Gesellschaft, weil jeder seine Rechte gewahrt sehen möchte und eine Gruppe klar bevorzugt wird.
    Teile und herrsche ist das Motto!

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    • Die Kindergrundsicherung wäre hier sicherlich ein gutes Mittel um alle Kinder gleichzustellen. Egal in welcher Familienform sie aufwachsen.
      Zu teuer?
      Nein! Berechnungen zeigen, dass eine Kindergrundsicherung statt der x verschiedenen Leistungen sogar besser angelegt ist.

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  2. Zu dieser Kampagne fällt mir nicht mehr ein. Abgesehen vom geringen Freibetrag, über den ich mich persönlich nicht beklage, wer ihn auch immer bekommen mag, empfinde ich den Titel als ziemlich anmaßend denen gegenüber, die miterziehen wollen, aber durch gerichtliche Beschlüsse ,falsche Beschuldigungen des “vermeintlich Alleinerziehenden”, Lobbyvereinen, anwaltlichen Mandaten und sonstigen familialen Interventionen zum Teil unter Vorsatz daran gehindert werden. 1,7 Mio. an der Zahl wären schon einmal mehr als ein Beweis dafür, dass 1. etwas nicht stimmt im Kinderstaat D und zweitens die Frage erlaubt sein muss, wer ist und was ist allein erziehend? Hat das Elternteil, dass den Lebensmittelpunkt “aberkannt” ,und das ist ja wohl mehr die Tatsache, bekommen hat, keinen Anspruch mehr Erzieher zu sein?!!! Dann stimmt erst recht was nicht im Staate Deutschland. Ein Glaubenssatz, der mit diesem Titel nicht nur Einseitigkeit einer “modernen” Partei zum Ausdruck bringt, sondern mehr noch einem Stigma gegenüber denen gleichkommt, die wollen aber ihr Recht auf Erziehung durch die Hintertür mal kurzer Hand aberkannt bekommen haben. Ich kann diesem Titel nichts abgewinnen und schon gar nicht meinen Zuspruch erteilen, liebe Frau Ministerin. Zeigt aber auf welchem gesellschaftlichen Irrweg wir uns befinden. Da kommt mir gleich der Begriff Kindeswohl in den Sinn!

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    • was ist für diese – Frau Fam.Minist – KINDESWOHL?

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  3. Eine Kampagne für Alleinerziehende, die “Wonder Woman” genannt wird ? das ist ja wohl total sexistisch und männerfeindlich.

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