Ist das mein Problem?

Vor ein paar Tagen im Supermarkt wurde ich Zeuge einer wunderschönen Szene. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an meinen Bericht über die Nachbarskinder von 2011. In diesem Artikel habe ich meiner Ratlosigkeit Luft gemacht und Euch gefragt, wie man sich verhalten soll, wenn man dramatische Familienverhältnisse beobachten muss. Im Supermarkt hat mir das schließlich ein Mann von etwa sechzig Jahren vorgelebt. Nun weiß ich ein bisschen besser, was zu tun ist. 

affenfamilie

Bei den meisten Affenarten ist die Kinderpflege Teamarbeit. Alle helfen mit.

Die älteste Tochter (10) war offenbar mit einem ihrer Brüder (6) in den Supermarkt geschickt worden. Um es noch ein wenig besser zu verstehen, muss man wissen, dass die ältere Schwester in den Familienstrukturen in ihrem Wert erheblich unter dem des kleinen Jungens steht. Während die Große schon immer viel Verantwortung übernehmen muss, ist der Junge längst ein kleiner Pascha, der sich alles rausnimmt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Im Supermarkt benahm er sich genau so. Ich beobachtete ein angestrengtes zehnjähriges Mädchen, das damit beschäftigt war, die Dinge zu suchen, die auf ihrem Zettel standen und den kleinen Jungen von all dem groben Unfug abzuhalten, den er da die ganze Zeit trieb. Er rannte ihr weg, er schmiss etwas um, er nahm sich knallbunte Süßigkeiten und probte den Aufstand.

“Ich will das!”, schrie er und ich wurde Zeuge eines Gesprächs, das alle Eltern kennen. Dieses mal befand sich in der Position der Eltern allerdings ein kleines Mädchen, das sich in diesem Fall völlig untypisch verhalten musste. Sie übernahm die elterliche Rolle der Vernunft und wirkte völlig überfordert bei dem Versuch, dem Jungen zu erklären, dass sie dafür nicht genügend Geld dabei hätten. Der Junge tat, was er am besten kann. Er begann zu trotzen, er schrie und schmiss sich auf den Boden und das Mädchen wusste dafür keinen Umgang und verschwand in Richtung der Brote. Das wiederum hielt der Junge für seine Gelegenheit, um das Weite zu suchen. Er rannte zum Eingang und versuchte sich durch das Drehkreuz zu quetschen. In diesem Moment wurde ein Nachbar von mir, der vorbildliche ältere Herr, aktiv. Er blockierte das Drehkreuz, stellte sich groß vor den Jungen, nannte ihn bei seinem Namen und forderte ihn auf, sofort seiner Schwester zu folgen. Der Junge kämpfte weiter und jaulte rum. Der Nachbar berührte ihn nicht ein einziges Mal, stand aber entschlossen und aufrecht vor ihm und redete weiter auf ihn ein.

“Du musst auf deine Schwester hören.” Dann kam ein zweiter Mann, der gerade erst hereingekommen war und sich an den Einkaufswagen zu Schaffen machte. “Du sollst auf Deine Schwester hören!”, schlug er sich gleich auf die Seite des grauhaarigen Mahnmals. Auch er ist ein Nachbar und kennt die Familie. Der Junge gab kleinlaut bei und verzog sich in Richtung seiner Schwester. Der alte Mann blieb stehen und kündigte an, er würde nun warten, bis die beiden fertig seien und sie nach Hause begleiten. Ich war begeistert und wollte applaudieren. Das hätte ich auch tun sollen und beim nächsten Mal werde ich auch. Das nächste Mal werde ich entweder selbst so handeln oder klatschen für den oder die, die es tun.

Tatsächlich können wir nicht verhindern, dass es Eltern gibt, die ihren Kindern Gewalt antun und sie zu kleinen Gesellschaftsstörern erziehen. Zu behaupten, dass uns das nichts anginge, wäre allerdings ein grober Fehler, da diese Kinder zu erwachsenen Menschen werden, mit deren Feindseligkeit nicht zu spaßen sein wird. Lieblosigkeit und Gewalt sind ein Problem, das uns durchaus alle angeht und darum sollten wir uns alle verantwortlich fühlen für die Erziehung unserer Kinder. Wir sind in der Pflicht, diesen Kindern andere Beispiele zu sein als die, die sie kennen. Fühl Dich verantwortlich und misch Dich ein, wenn Du Unrecht siehst. Nicht, weil Du der/die Allergrößte bist und weißt, wo’s langgeht. Sondern weil Du Liebe hast und nicht willst, dass jemand keine bekommt.

MINA TINDLE – TOO LOUD

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Author: Sarah Wiedenhöft

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