Interview mit Michaela Schonhöft, Autorin von “Kindheiten”

Michaela Schonhöft ist Reporterin, Mutter von vier Kindern, Soziologin und die Autorin des soeben erschienen Buches “Kindheiten – wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden”. Eine Buchbesprechung findet Ihr hier. Ich habe ihr ein paar Fragen zu ihrem Buch gestellt. Über das umstrittene Ferbern, Demokratie im Kinderzimmer und über Kinder- und Elternfreundliche Gesellschaften.

 

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Michaela Schonhöft mit einem ihrer Kinder im Regenwald

 

Du hast für Dein Buch mit vielen Eltern aus verschiedenen Kulturen gesprochen und dabei viele verschiedene Meinungen darüber gehört, was für eine glückliche Kindheitsentwicklung das wichtigste ist. Die Antworten fallen teilweise sehr gegensätzlich aus. Glaubst Du, dass es in dieser Frage überhaupt ein “richtig” oder “falsch” gibt?

 

Es gibt zwar viele Arten, es „falsch“ zu machen, aber auch sehr viele Wege, es „richtig“ anzugehen. Kinder leiden an zu viel Distanz in der Erziehung, natürlich an jeglicher Gewalt, psychischen Gemeinheiten und an Achtlosigkeit. Aber die Lebenswirklichkeiten und Bedingungen rund um den Globus sind so verschieden, dass es natürlich viele Wege zum Ziel geben muss. Und ich meine damit das Ziel, Kindern ein einigermaßen glückliches Heranwachsen zu garantieren. Dabei hat man natürlich sehr viele Dinge gar nicht selbst in der Hand. Das Familienglück kann überall Zuhause sein, egal ob in einer Eineltern-, Klein- oder Großfamilie, am Nordpolarkreis, in einem Münchner Vorort, einem Dorf in Kamerun oder einem winzig kleinen Appartment in Tokio. Glücksstudien weisen allerdings darauf hin, dass es Kindern in Skandinavien und den Niederlanden besonders gut geht und zwar deshalb, weil beide Eltern nicht ihren Job aus den Augen verlieren müssen, sich trotzdem aber Zeit nehmen dürfen. Überstunden sind eher verpönt, Familienzeit heilig, das Partnerschaftsbild sehr egalitär. Es gibt dort  ein gutes Netz öffentlicher Unterstützung, mit sehr flexiblen Betreuungszeiten. Kindern geht es vor allem dort gut, wo sie mehrere Erwachsene haben, die sich warmherzig um sie kümmern, auch dort, wo Väter eine sehr aktive Rolle in der Erziehung spielen.

 

Dein Buch beginnt mit der Suche nach dem Glück und endet mit der Frage danach, wie kinderfreundliche Gesellschaften aussehen. Ich habe mich während der Lektüre häufig gefragt, ob all diese Faktoren, die Menschen zu einem glücklichen Menschwerden zählen nicht auch für Erwachsene gelten sollten. Glaubst Du, dass eine kinderfreundliche Gesellschaft auch für erwachsene Menschen eine höhere Lebensqualität bedeuten würde? Und falls ja, wie würdest Du das begründen?

 

Wenn Eltern wie in den Niederlanden oder Skandinavien einen gesellschaftlichen Druck verspüren, sich nicht zwischen Job und Familie völlig aufzureiben, wenn ihnen auch Chefin oder Chef signalisieren, dass es mit ihrer Karriere nicht vorbei ist, wenn sie regelmässig nach acht oder vielleicht auch sechs Stunden Arbeit den Arbeitsplatz verlassen, ihnen Home Office ermöglicht, dann profitieren natürlich auch Eltern ganz enorm von einer kinderfreundlichen Gesellschaft. Ich habe nach vielen seltsamen Erlebnissen in Berlin bereits öfter darüber nachgedacht, nach Holland oder Italien auszuwandern. Es macht ja viel mehr Spaß Kinder zu haben, mit Kindern draußen zu sein, wenn Leute nicht ständig genervt reagieren, sondern sich an ihnen erfreuen, auch wenn sie mal laut sind. Es ist eine reine Freude gerade mit kleinen Kindern durch Skandinavien zu reisen, wo eigentlich fast überall an Kinder gedacht wird, selbst in Parkhäusern gibt es Spielgelegenheiten! Glücklich lachende Kinder sind etwas sehr Hoffnung-Gebendes. Kinder haben ein solch großes Talent den Moment auszukosten. Und es ist eine Freude sie dabei zu beobachten, ich freue mich dann mit. Wir profitieren doch sehr von der Ausgelassenheit von Kindern, von ihrer Spontanität, ihrer Bereitschaft sich auch über sehr kleine Dinge unheimlich zu freuen. Deswegen kann es doch nur gut sein, ihnen so viel Platz wie möglich einzuräumen.

 

Gibt es einen Punkt, bei dem sich alle Kulturen einig sind, was wichtig für ein Kind ist? Oder gibt es so etwas wie einen Trend?

 

Die Erziehungsziele in den Kulturen sind doch schon sehr verschieden, da die Heranwachsenden ja später sehr unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen haben. In einem Dorf in Kamerun sind soziale Kompetenzen überlebenswichtig. Es gibt kein staatliches Auffangnetz. Das muss der Klan, die Dorfgemeinschaft erledigen. Deshalb verscherzt man es sich besser nicht mit den Nachbarn, man könnte sie noch gebrauchen und umgekehrt. Im Milliardenvolk China ist der Konkurrenzdruck so groß, das schulische Prüfungswesen so hart, dass Eltern natürlich darauf achten müssen, dass ihre Kinder in der Schule möglichst nicht versagen. Sie wissen, dass sich die Paukerei für eine gute Zukunft sehr lohnen kann. Und das gilt für die gesamte Familie. In vielen westlichen Kulturen, in denen die Menschen sehr individualistisch leben, achten Eltern sehr auf frühe Selbständigkeit. Kinder sollen lernen auch alleine klarzukommen. Das macht ja auch bis zu einem gewissen Grad Sinn. Wir sind in dieser Gesellschaft in der Tat oft auf uns alleingestellt. Aber dieser Trend geht vielleicht doch ein wenig zu weit. Es ist doch ein Trugschluss sich darauf zu verlassen, dass man es schon alleine schafft. Die Realität sieht anders aus. Wir brauchen Beziehungen und Netzwerke.

In einem sind sich die Kulturen weltweit einig: Sie wollen für ihre Kinder vor allem ein zufriedenes Leben, und das geben fast alle Eltern weit vor dem Bedürfnis nach materiellem Wohlstand an, natürlich nur, wenn sie  nicht ums Überleben kämpfen müssen.

 

 

Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass Kinder und Erwachsene insgesamt glücklichere Leben führen, umso weniger sie von der Industrialisierung berührt sind. Obwohl diese Kulturen mit sehr viel mehr Entbehrungen leben müssen, erhält man den Eindruck, dass es ihnen seelisch besser zu gehen scheint als beispielsweise uns oder den US-Amerikanern? Teilst Du diese Beobachtung? Und falls ja, wieso ist das wohl so?

 

Das muss man sehr differenziert betrachten. Natürlich führen Kinder in sehr abgelegenen Gesellschaften ein abgeschirmteres, meist stressfreieres Leben. Diese Gesellschaften sind aber häufig auch von Armut betroffen, die Kindersterblichkeit ist hoch. Zwar besagen Glücksstudien, die das subjektive Wohlbefinden messen, dass es Kindern zum Beispiel in Indonesien sehr gut geht. Andererseits wird dort auch vielen der Zugang zu Bildung nicht möglich gemacht. Sie müssen früh arbeiten, sind häufig unterernährt, haben keine Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung. Nimmt man auch diese objektiven Glücksfaktoren hinzu, scheint es Kindern in Skandinavien und den Niederlanden am besten zu gehen. Sie sind rundherum umsorgt. Da es in diesen Ländern aber geringere Einkommensunterschiede gibt, ist der Neid innerhalb der Gesellschaft geringer, ebenso der Wettbewerb. Und das tut Kindern eindeutig gut.

 
Mein Lieblingssatz aus Deinem Buch ist dieser hier:

“Ein demokratischer Charakter ist nichts, was sich aus einem Naturgesetz entwickelt, es ist eine kulturelle Höchstleistung.”

Kannst Du diesen Satz bitte erläutern? Wie kann ich meinem Kind helfen, diesen demokratischen Geist zu entwickeln? Und warum ist Demokratie Deiner Meinung nach so wichtig in der Familie/Gesellschaft? 

Es gibt ja häufig diesen Illusion vom „gerechten Wilden“. Ob durchindustrialisiert oder noch eher nomadisch lebend: Alle Gesellschaften haben eine Geschichte, auch wenn einige sie vielleicht nicht so intensiv aufgeschrieben haben wie die Mitteleuropäer. In nicht wenigen „Naturvölkern“ herrschen sehr raue Sitten. In anderen, sehr einfach lebenden Kulturen, herrscht Basisdemokratie. Kinder haben sicherlich ein instinktives Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit, nach einem harmonischem Zusammenleben. Aber in ihnen schlummern auch sehr egoistische, aggressive Instinkte. Wenn eine Gesellschaft ihnen vorlebt, dass allen die gleichen Rechte zustehen, dass nicht nur eine kleine Gruppe die alleinigen „Bestimmer“ (Wortschöpfung meiner 3jährigen Tochter) sind, dann lernen Kinder recht schnell, welches Verhalten sie an den Tag legen sollten. Das menschliche Wesen hat ein sehr breit angelegtes Verhaltensrepertoire. Es hat sich, schon vor sehr langer Zeit bei den vielen Pgymäen-Stämmen und Inuit-Völkern und leider seit noch nicht ganz so langer Zeit bei den Deutschen, in gewissen Gesellschaften ein demokratisches Bewusstsein ausgebildet, in dem Wissen, dass die Menschheit dadurch besser vorankommt anstatt sich die Köpfe einzuprügeln. Inzwischen sollte es auch in den Familien, Kindergärten und Schulen angekommen sein, dass wir uns in einer Demokratie bewegen, dass Kinder lernen müssen, was demokratische Entscheidungen bedeuten. Sie haben schließlich auch ein paar Wörtchen mitzureden (siehe UN-Kinderrechtscharta).

 

Dank Deinem Buch weiß ich nun, dass Werbung für Kinder in Schweden  schon seit 1991 verboten ist. Wieso ist das so erstrebenswert? Und wieso ist das dann nur in Schweden so?

 

Kinder, vor allem kleine Kinder, können die werblichen Botschaften doch noch gar nicht filtern. Das fällt uns Erwachsenen ja schon schwer. Es gibt so viele Studien, die zeigen, wie leicht Kinder zu manipulieren sind. Und das nutzen die Firmen natürlich aus. Sie setzen alles daran, Kinder schon früh zu branden, weil sie wissen, dass das mit Erwachsenen viel schwerer ist.

Schweden engagiert sich seit vielen Jahren in Brüssel, um ein europaweites Verbot durchzusetzen. Denn wir leben in der Zeit der Satelittenschüsseln, ein nationales Verbot bringt da natürlich nicht soviel. Weshalb andere Länder das noch nicht hingekriegt haben? Die Wirtschafts-Lobby ist zu stark und der Wille zu schwach sich dagegen zur Wehr zu setzen.

 

In Deinem Buch wird auch das Ferbern beschrieben. Eine westliche Technik, die Kindern helfen soll, das Einschlafen zu lernen. Diese Technik ist ja stark umstritten und da das Buch “Jedes Kind kann schlafen lernen” von Annette Kast-Zahn gerade wieder neuaufgelegt wurde, ist darüber auch gerade wieder ein kleiner Streit ausgebrochen in der “Pädagogikszene”. Wie ist Deine Einstellung zu dieser Technik? Kannst Du die Aufregung darum verstehen?

 

Ich habe dieses Buch auch gelesen, als meine Tochter ein paar Monate alt war und sie nachts ständig wach wurde bzw. nicht alleine einschlafen wollte. Ich habe die Methode auch ausprobiert, genau drei Sekunden lang. Heute schäme ich mich dafür, dass ich das überhaupt in Erwägung gezogen haben. „Ferbern“ ist unsensibel und sicherlich nicht selten auch schlicht brutal. Gerade Säuglinge haben ein großes, instinktives Bedürfnis nach Nähe. Sie haben keine Ahnung, dass nicht doch irgendwo in ihrem Schlafzimmer ein Säbelzahntiger auf sie wartet, wenn Mama aus dem Raum verschwindet. Wer weiß, ob Mama oder Papa überhaupt je wiederkommen? In den mit Abstand meisten Kulturen dieser Welt machen Eltern überhaupt kein Gewese ums Einschlafen. Kinder schlafen bei den Eltern oder später bei den größeren Geschwistern. Sie schlafen, wenn sie müde sind, egal, wo sie sich gerade befinden.

 

Es gibt viele verschiedene Ansätze auf der Welt, was Kinder brauchen und wie man ihnen vermittelt, was sie wissen müssen. Was glaubst Du persönlich ist das wichtigste für Kinder in unserer Gesellschaft? Was möchtest Du persönlich Deinen Kindern vermitteln? Und mit welchen Mitteln?

 

Ich möchte ihnen vermitteln, dass man bestimmte Dinge schon mal alleine versuchen kann, das aber nicht muss. Ich möchte, dass sie soziale Wesen werden, sich um andere kümmern und in der Lage sind, um Hilfe zu bitten, Freundschaften zu schließen. Sie sollen die Freiheit haben ihren eigenen Weg zu gehen, herausfinden, was ihnen Spaß macht, welche Leidenschaften sie haben. Ich wünsche mir aber auch sehr, dass unsere Verbindung eng bleibt, dass ich nicht aus Stress oder schlechter Laune heraus Distanz zu ihnen aufbaue, oder weil ich zu hohe Erwartungen habe. Ich versuche mir Zeit zu nehmen, so wie es eben geht, und ich will ihnen vor allem die Welt zeigen, damit sie sehen, dass Leben sehr vielfältig sein kann.

 

kindheiten  Michaela Schonhöft ist die Autorin von “Kindheiten – Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden”. Für ihr Buch hat sie sich mit Eltern und Experten überall auf der Welt unterhalten und die Erziehungsstile weltweit verglichen. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in Berlin.

 

Erschienen im Droemer Pattloch Verlag. ISBN: 978-3-629-13037-2
384 Seiten Hardcover

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Author: Sarah Wiedenhöft

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