Ich muss leider draußen bleiben

Eigentlich wollte ich es Euch ja gar nicht erzählen und Euch einfach mit einem Artikel darüber überraschen, dass es diese irre Familienkonferenz gab. Im Vorfeld wollte ich Euch darüber sowieso nicht informieren und Ihr wäret wohl auch sowieso nicht hingegangen. Es wäre eher wie ein Bericht vom roten Teppich geworden. Über so eine Veranstaltung einer Parallelgesellschaft mit seltsamen Riten und Gepflogenheiten. Ich hätte für Euch einen echt witzigen Bericht über irre Ideen familiärer Nazis gerockt, aber leider wurde ich nicht akkreditiert. 

 

compact-konferenz-familie

“1. COMPACT befürwortet, im Gegensatz zu manchen unserer Kritiker, die Meinungsfreiheit und die Pressefreiheit. Wir stellen uns der offenen Debatte, die andere verhindern wollen! Deshalb freuen wir uns über das große Medieninteresse! COMPACT akkreditiert ausnahmslos alle Journalisten für die Konferenz, die von Medien mit Printredaktionen oder von Rundfunk- und Fernsehsendern beauftragt werden. Hier gehts zur Akkreditierung.”

So steht es auf der Internetseite des Veranstalters. Lasset die Journalist*innen zu mir kommen! Alle, bis auf die der taz. Denn so geht der zitierte Text auf der Internetseite weiter:

“2. Eine Ausnahme machen wir bei der Taz. Die Taz hat in Punkto Herabwürdigung des politischen Gegners, der in diesem Fall ein Referent auf unserer Konferenz ist, die Grenze zur Menschenfeindlichkeit überschritten. Das tolerieren wir nicht. (…)”

Achso, und dann gibt es noch eine Ausnahme:

“4. Nach Regel 3 (Blogger kommen nicht umsonst rein!) hat auch der Chefredakteur von queer.de eine Absage erhalten. Da wir uns aber nicht dem Verdacht aussetzen wollen, gerade die Berichterstattung von dieser uns gegenüber sehr kritischen Seite erschweren zu wollen, würden wir für queer.de eine Ausnahme machen – unter einer Voraussetzung: queer.de veröffentlicht im Vorfeld der Konferenz ein Interview/Streitgespräch mit COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer. Der zu veröffentlichende Text wird von diesem autorisiert. Im Gegenzug laden wir queer-Chefredakteur Norbert Blech auf das Podium unserer Konferenz zu einem Streitgespräch ein. Mit ihm wird ein Referent der Konferenz die argumentative Klinge kreuzen, beide sind in der Redezeit absolut gleichberechtigt. Dasselbe Angebot hatten wir bereits – mehrfach – Ansgar Dittmar von der Arbeitsgemeinschaft der Lesben und Schwulen der SPD, einem wortführenden Kritiker unserer Konferenz, gemacht. Dittmar hat uns nicht einmal geantwortet. So hoffen wir, dass queer.de das Angebot annimmt.”

Ja. Nee. Chefredakteur Norbert Blech lehnt lächelnd ab und erklärt den Machern des Compact Magazins hier noch einmal, was Pressefreiheit ist und wieso queer.de lieber von den Gegenveranstaltungen berichtet.

ichmusshaltIch darf außerdem auch nicht kommen und begründe es mir selbst mit den Ausschweifungen unter Regel 2 gegen die taz. Dort ist nämlich aufgeführt, dass die taz nicht nett über Thilo Sarrazin berichtet hat. Der ist ja schließlich ein Redner auf dem Podium. Konnte man sich schon denken, als man die Frage auf dem Flyer las. “Werden Europas Völker abgeschaft?” Ja, das ist doch die sarrazinsche’ These der Rassenunterschiede und des Moralverfalls. Nun werde ich ja leider nicht müde zu sagen, dass es seine Äusserungen waren, die mich zum Schreiben dieses Blogs und des Buches animierten. Sarrazin setzte Alleinerziehende mit Bildungsferne gleich. Das wollte ich nicht auf uns sitzen lassen und begann mit der Arbeit. Möglich, dass das der Grund ist, warum ich nicht kommen darf. Vielleicht haben sie aber auch einfach meinen Namen recherchiert und festgestellt, dass ich gar nicht homophob bin. Oder vielleicht reicht es auch zu wissen, dass ich mich für Alleinerziehende einsetze. Denn Alleinerziehende zerstören schließlich die wertvolle Keimzelle Familie, um die es in dieser Konferenz gehen soll.

Mit von der Partie sind so liebevolle Familienmenschen wie Eva Hermann, Zitat:

“Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit ähm mit dem äh Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68er [sic] wurde damals praktisch alles das – alles – was wir an Werten hatten, es war ne grausame Zeit, es war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der äh das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, äh, aber es ist damals alles, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft.” (auf einer Pressekonferenz im Juni 2011)

Eva Hermann wird dort also einen Vortrag halten. Achso, nein. Wird sie doch nicht. Also. Sollte sie eigentlich. War geplant. Aber nun bleibt sie lieber zu Hause. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es wieder so viele mitbekommen würden, wenn sie über NS-Werte plaudern würde. Nun haben schon alle möglichen Medien berichtet und offenbar möchte Hermann ihren shitstorm nicht noch einmal wiederholen. Ebenfalls zu Hause bleibt Peter Scholl-Latour.

Am 1. März 2011 gewann Scholl-Latour die beliebte Auszeichnung “Zitat der Woche” von der NPD. Auch von ihm stammt zum Beispiel die legendäre Antwort auf die Frage nach westlicher Interventiospolitik, dass er “humanitäres Geschwätz” leid sei. Der kann nun leider doch nicht kommen. Wegen eines Auslandseinsatzes, so heißt es.

Auch nicht mehr kommen wollte der Veranstaltungsort, der noch mal schnell versuchte, die Veranstaltung zu canceln, was compact allerdings juristisch abwenden konnte. Nun kommen nur noch weniger bekannte Misanthropen, Völkerrechtler und Rechtsrücker wie Elena Misulina. Sie ist die Autorin des landesweiten Gesetzes gegen “Homo-Propaganda” in Russland.

Ich darf nicht kommen. Zur Pressekonferenz darf ich übrigens auch nicht kommen. Für beides musste man sich akkreditieren lassen und von beidem wurde ich ausgeschlossen. Das macht nichts. Die Gegenparty scheint eh größer, vielfältiger, interessanter, aufregender … ja einfach besser zu werden. Ihr findet mich dann also hier.

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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2 Comments

  1. Danke für die Aufklärungsarbeit, liebe Frau von Wegen….allein schon beim Lesen des Mottos “für Souveränität” schwillt mir der Kamm! Weiter so!

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    • Es war mir ein Vergnügen. Lachen ist Souveränität, hat Hannah Ahrendt gesagt. Ich wünsche ein unterhaltsames Wochenende!

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