Ich krieg nie mehr ein Kind, Papa Deutschland !

Es gab in diesem Land mal so hippiesken Zeiten, da galt es als chick, Sätze zu sagen wie: “In diese Welt würde ich keine Kinder setzen.” Ich fand diesen Satz bisher immer grausam dumm. Die Welt war schon immer kompliziert und ausgestattet mit einigen echt fiesen Gimmicks. Es gibt Krieg, schlechtes Wetter, Lügen, Hass, Mord und Tod … Man kann überall Unheil entdecken, wenn man genau hinsieht. Wenn man das eben will. Aber ich gehöre lieber zu den Menschen, die sich auf das Schöne konzentrieren. Was übrigens nicht gleichbedeutend damit ist, wie taub und mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen. Seit einer Weile aber entdecke ich ähnliches Gedankengut in meinem Kopf.

“Lieber Papa Deutschland, dir schenke ich wirklich NIE WIEDER ein Kind. Du kannst damit einfach nicht umgehen.”

Verdammt, daneben!

Verdammt, daneben!

Die Geburtenrate in Deutschland geht weiter zurück. Immer weniger Frauen haben Lust, Kinder zu bekommen. Wir werden weiterhin immer älter. Ja. Das ist ein demografisches Problem und ja: Jeder spricht davon. Oh-mein-Gott, die Renten! Oh-mein-Gott, die Krankenversicherungen, Oh-mein-Gott, die Wirtschaft, die Zukunft, UNSER LAND !!! Ja, es wird brenzlig. Aber während wir das also alle schon die ganze Zeit wissen und außerdem auch immerzu über die Arbeitslosigkeit in unserem Land besorgt sind, kommt trotz manigfaltiger Debatten doch immer noch niemand darauf, diesem Zustand staatlich Kindesbetreuung entgegenzusetzen. Im Gegenteil: Deutschland fördert weiterhin das Ehegattensplitting. Eine Subvention, die die Familie erhält, die brav nach dem alten Nazimuster handelt: Der Mann geht arbeiten, die Frau macht den Haushalt.

Aber der selbe Staat, der derlei fördert, hat auch gerade erst per Gerichtsbeschluss festgelegt, dass Alleinerziehende ab dem dritten Lebensjahr ihres jüngsten Kindes Vollzeit arbeiten können. Das bedeutet, in Zukunft kann jeder geschiedene Partner, der keine Lust darauf hat, Unterhaltszahlungen zu leisten, seinen geschiedenen Partner einfach verklagen und dazu verdonnern, den Lebensunterhalt für die gemeinsamen Kinder alleine zu bestreiten. Wie kann das angehen? Müsste dieser Staat sich nicht erst einmal selbst dazu verdonnern, Betreuungsplätze zu schaffen für all diese Kinder, deren Eltern gefälligst Vollzeit arbeiten sollen?

Die meisten Alleinerzieher, die ich kenne wollen ja sogar arbeiten! Die Realität ist bloß: Wir haben dazu kaum Möglichkeiten! Das ist doch traurig, Papa. Wenn man bedenkt, was für Ressourcen da letztlich brach liegen. Oder etwa nicht? All die Arbeitskraft von Millionen von Müttern. Wie nützlich die doch unserer Wirtschaft seien könnten. Wenn sie könnten! Ganz abgesehen von deren glücklich aufwachsenden Kindern, die sich am Ende selbst in die Gesellschaft einbringen würden, wie sie es von ihren Eltern gelernt haben.

Stattdessen aber gibt es im Vergleich immer mehr Kinder in den sogenannten bildungsfernen Schichten, während die Riege der Akademiker sich lieber zurückhält. Man will ja nicht am Ende verarmen und seine Karriere in die Tonne hauen. Doch zur Zeit – und das weiß jeder kluge Kopf schon längst – ist es in der Tat so, dass man seine Karrierechancen mit der Erziehung eines Kindes auf ‘s Spiel setzt. Das überlegt sich der kluge Mensch lieber dreimal.

Und ich?
Nun, ich bin ziemlich klug. Als ich Laupenta bekam war ich jung und es war nicht geplant und ich hatte ja gar keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse. Ich bin darüber auch nicht unglücklich. Ich liebe meine Tochter und ich habe schon sehr viel von ihr gelernt. Ich möchte diese Erfahrungen nicht missen, aber ich werde es nicht noch einmal tun. Ich werde in diesem Land sicher keine Mutter mehr. Deutschland ist auf dem hintersten Platz, was staatliche Betreuungsmodelle in Europa angeht. Alle anderen Staaten bekommen das längst viel selbstverständlicher hin. Und ich tue mir diesen Stress ganz sicher kein zweites Mal an.

Ich empfehle DER PREIS DER LIEBE Die Dokumentation lief gestern im ZDF und zeigt ein Elternpaar auf ihrer erfolglosen Suche nach einem Kindermädchen. Unbedingt empfehlenswert! Sehr Euch das an. Und empört Euch!
EDIT im Mai 2014: Ätsch, Papa, zu früh gefreut. Ich hab’s mir anders überlegt. Aber nicht Deinetwegen!!!

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Author: Sarah Wiedenhöft

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