Ich habe meinen Finger getrunken!

Gleich geht es wieder weiter …

Gleich geht es wieder weiter …

Irgendwann war plötzlich Hoffnung. Hoffnung deluxe. Ein Mann behauptete, mich zu lieben.
Ich glaubte daran. Es gab Hoffnung. Jemand liebte mich und jemand sagte, ich solle Bochum verlassen. Bochum verlasen und zu ihm nach Berlin ziehen!

Ich dachte seinerzeit ja ohnehin schon lange an Flucht. Also sagte ich zu. Er bot mir an, ich solle erst einmal zu ihm ziehen und mir dann in Ruhe was suchen. Berlin sei sehr günstig und überhaupt, es würde mir gefallen. Ich sagte zu und mit dieser Zusage leitete ich zwei Geschichten ein, die nichts mit meiner Funktion als Alleinerziehender zu tun haben, die aber beide so imposant sind, dass ich sie Euch auf keinen Fall vorenthalten kann …

Anekdote Nr. 1, Titel “Ich habe meinen Finger getrunken!”

Es war der elfte September 2006. Genau fünf Jahren nach nine-eleven.
An diesem Tag wollte ich nach Berlin fahren, um ein paar Wohnungen zu besichtigen. Meine Tochter hatte ich einen Tag zuvor bei ihrem Vater und meiner Schwester abgegeben. Als ich erwachte, tat ich, was ich immer tue, wenn ich erwache. Ich ging in die Küche und mahlte Kaffee. Damals hatte ich noch eine elektrische Mühle. Es war ein siebziger Jahre Modell der Firma Krups. Ich erwähne das, weil es alles andere als Schleichwerbung werden soll. Von der Nutzung dieser Mühle möchte ich unbedingt abraten!
Man kann es sich jetzt schon denken: Die Mühle ist nicht gesichert und als mir der Deckel abrutschte, rutschte der Mittelfinger meiner linken Hand hinein und innerhalb von Millisekunden hatte ich einen Finger, der oben aussah wie ein Feuerwerk. Rote Fetzen, die sich in alle Richtungen verteilten. Ich blieb seltsam gefasst und ging ins Bad, um mir ein Pflaster zu holen. Nach Inspektion meines Pflastervorrats musste  ich einsehen, dass ich wohl doch einen Arzt brauchte. Ich kühlte also den Finger und fuhr ins Krankenhaus, wo man die Fetzen meines Fingers zusammensteckte wie eine Hochsteckfrisur und dann nähte. Anschließend schiente man mir einen permanenten Fuckyou-Finger und gab mir einige Schmerzmittel. Die ganze Zeit war ich seltsam belustigt und ruhig. Das war der Schock, wie mir viel später klar werden sollte. Erst einmal suhlte ich mich aber in aller Gelassenheit in meinem Schockzustand und fuhr zurück nach Hause.

Wo war ich? Achja, Kaffee! Ich begann den Tag einfach nochmal neu, brühte mir meinen Kaffee auf und trank ihn. Er schmeckte nach Eisen und ich wunderte mich. Einige Stunden später fuhr ich über die A2 nach Berlin. In den zahlreichen Staus amüsierte ich einige meiner Autobahnnachbarn mit meinem geschienten und verbundenen Mittelfinger. Zugegeben: Er sah schon witzig aus. Wie eine wütende Micky Maus wirkte ich. Ein dicker weißer Stinkefinger. Hinter Magdeburg schließlich als der Verkehr gerade floss, geschah das Unglück. Schmerzmittel und Schockzustand ließen allmählich nach, der Finger begann schmerzhaft zu pochen und mir wurde in einer blitzartig aufflammenden Erinnerung klar: “Ach Du Scheiße! ICH HABE MEINEN FINGER GETRUNKEN!” Im Rückspiegel wurde alles weiß – ein gleißend helles Licht – mein ganzer Körper kribbelte und ich verlor das Bewusstsein.

Schnell fuhr ich auf den Seitenstreifen und hielt dort – oh danke, Bataillon von Schutzengeln, danke! – genau neben einem Kilometerschild. Mit aller letzter Kraft und schwindenden Sinnen griff ich nach meinem Handy und wählte den Notruf. Nie wieder werde ich vergessen, wo es war. Eine Stimme meldete sich und ich formulierte mit letzter Kraft:

“Kilometer 104 A2 bewusstlos!”

Dann schlief ich ein.
Als ich wieder erwachte lag ich in einem Krankenwagen und eine Notärztin war damit beschäftigt, mich medizinisch zu versorgen.
“Was ist mit ihrem Finger?”, fragte sie sehr grantig.
“Der ist in der Kaffeemühle!”
“Wann ist das passiert?”, fauchte sie mich an und als ich “Heute Morgen!” antwortete, fuhr sie mich an.
“Wie können sie sich dann ins Auto setzen und eine Reise antreten? Sie haben sich und andere gefährdet. Sie dürfen so gar nicht fahren!”

Sie brachten mich in ein Krankenhaus nach Haldensleben, wo man mich fütterte und untersuchte.
Schon nach wenigen Minuten fühlte ich mich wieder quicklebendig. Ich wollte meine Reise fortsetzen, doch die mich behandelnde Ärztin war skeptisch.

“Wie ist ihr Name?”, fragte sie mich.
“Maike von Wegen!”, antwortete ich.
“Welcher Tag ist heute?”
“Heute ist der elfte September Zweitausendundsechs. Vor fünf Jahren haben Flugzeuge das Worldtradecenter zum Einsturz gebracht.”
Die Ärztin blieb skeptisch.
“Wann sind sie geboren?”

Es dauerte noch eine DIN A4 Seite Fragenkatalog an. Schließlich durfte ich meinen Freund anrufen, damit er mich abholen konnte.
Ich durfte gehen. Das Krankenhaus in Haldensleben kann ich im Gegensatz zur Krups Kaffeemühle sehr empfehlen. Es gibt wenige Patienten, so dass das Personal sich sehr viel Zeit für sie nehmen kann, alle waren freundlich zu mir und mein Obst bekam ich in Form von Blumen auf den Teller dekoriert. Das war ein sehr angenehmer Zwischenhalt. Als Raststätte ist es allerdings nicht wirklich zu empfehlen, da es durch seine weite Entfernung zur Autobahn die Reise doch extrem verlängert.

Gut, dass ich mich so gut auf meinen Körper verlassen konnte und gut, dass ich mich auf meinen Freund verlassen konnte.
Wenigstens in dieser Geschichte. In der zweiten Anekdote allerdings sollte sich diese Tatsache als
Nicht-allgemeingültig herausstellen …

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Author: Sarah Wiedenhöft

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