Ich brauche Nichts.

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In Anekdote 1 und 2 wiederholt sich ein Satz. Ich brachte meine Tochter zu ihrem Vater und meiner Schwester. So könnte der Eindruck entstehen, den ich hier unbedingt vermeiden möchte:
Es ist nicht so, dass ich mich jemals grundsätzlich auf den Kindsvater oder sonst irgendwen hätte verlassen können. Meine Mutter lebte derzeit in Italien, mein Vater im Rheinland und der Kindsvater hatte so viel anderes um die Ohren. Zum Beispiel meine Schwester …

Ich war allein. Mutterseelenallein. Und Anekdoten passieren in jedem Leben. Was aber viel intensiver quält als diese kurzen Episoden, das ist der Alltag.

Alltag allein mit Kind bedeutet:
Du stehst morgens auf und machst das Frühstück. Immer. Jeden Morgen. Im Anschluss weckst du dein Kind und hilfst ihm beim Anziehen. Immer. Jeden Tag. Dabei ist das Kind mal fröhlich und mal mies gelaunt und ätzend. Du bleibst freundlich. Immer. Jeden Tag. Du bringst die Brut in den Kindergarten oder die Schule. Selbstverständlich hast du ihm noch Brote geschmiert und Obst geschnitten. Immer. In Kindergarten oder Schule versuchst du, nicht aufzufallen. Niemand soll sehen, dass bei euch mindestens die Hälfte fehlt. Keinen Tag. Niemals. Dann gehst du deiner Arbeit nach und kommst täglich aufs Neue in den Stress, rechtzeitig mit allem fertig zu werden. Schließlich musst du auch noch einkaufen und putzen solltest du auch mal wieder und das Kind will nicht wieder als Letzter abgeholt werden. Immer sind Kompromisse. Ich schaffe es heute nicht mehr, ich krieg das jetzt nicht fertig, ich lass das jetzt so.

Is mir egal, ich lass das jetzt so …

In der Schule oder dem Kindergarten bekommst du einen Zettel in die Hand gedrückt mit den wichtigen Terminen für die nächsten Wochen. Kuchen muss gebacken werden, der Hof verschönert werden und ein Kostüm gebastelt werden. Der Spendenbasar sucht noch helfende Hände zum Betteln und die Elternversammlungen sind bitte unbedingt zu besuchen.
Am Ende des Tages hat man dem Kind noch mehrere Essen zubereitet, es zum Spielplatz begleitet, seine Wunden versorgt, es getröstet und getragen und dann bringt man es ins Bett. Die kleinen Zächnchen und Gesichtchen putzen, Gute-Nacht-Geschichte lesen und dann kuscheln. Wer nicht noch im Bett des Kindes einschläft, kämpft sich anschließend in sein Wohnzimmer und geht die Liste in seinem Kopf durch, was man noch einmal machen wollte.

Ein Buch lesen – zu müde jetzt.
Einen Brief an eine alte Freundin schreiben – zu müde jetzt.
Die Steuererklärung – ach, nicht doch.
Hier und da anrufen …

Am Ende entscheide wenigstens ich mich meistens nur noch für mein eigenes Bett.
Und was, wenn das Kind aber gar nicht schlafen will?!
Nun, ich kann nur von meiner Tochter reden. Und der fallen annähernd jede Nacht noch tausend Dinge ein, die sie vom Schlafen abhalten. Sie hat Bauchschmerzen, fürchtet sich vor irgendwas, die anderen Kinder spielen noch auf der Straße … Immer – IMMER – ist irgendwas! Und wenn ich sage: „Es ist Abend. Ich möchte jetzt bitte meine Ruhe haben!“, dann bin ich im Handumdrehen eine Egoistin – die blödeste Mutter der Welt – meine Tür wird zugeschlagen und ich bleibe zurück mit dem schlechten Gewissen.
Ich hab ja eine Wahl! Ich kann ja einfach weggehen.

Nein.
Das kann ich nämlich nicht. Ich kann nicht einfach gehen und mich mal um mich selbst kümmern. Und genau das macht einen fertig. Man ist gefangen. In meinen Ausbruchsphantasien, die ich hin und wieder habe, mache ich nicht einmal große Sprünge. Ich stelle mir bloß vor, eine halbe Stunde durch die Nachbarschaft zu spazieren. Oder einfach mal einen Tag im Bett zu liegen. Mal nicht morgens Frühstück machen und ständig reden müssen. Einfach mal Nichts.
Ich wünsche mir im Grunde also nichts.
Ist das denn zu viel verlangt???

 

THE BLACK GHOSTS – I WANT NOTHING

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Author: Sarah Wiedenhöft

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