Ich bin eines der vielen Kinder, die Buschkowsky nicht bekommen hat.

Im aktuellen Freitag hat der Journalist Philipp Wurm mich noch einmal zu meinem letztjährigen Shitstorm befragt, welchen ich mir durch einen Kommentar auf der facebookseite meines Bürgermeisters eingefangen hatte. Heute habe ich wieder ein Statement genau dieses Bürgermeisters gelesen, der so bekannt dafür ist, mit wenigen Worten Stimmung gegen Minderheiten zu machen und die Menschen für die er die Verantwortung trägt gegeneinander aufzuwiegeln.Buschkowsky tut was wir tun: Er verteufelt das Betreuungsgeld, aber er klingt dabei eben so ganz anders als wir.

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Die aktuelle Ausgabe des Freitags

“Nahezu Turbo-Wahnsinn ist es, zwölf Milliarden Euro für den Rechtsanspruch auf Betreuungsplätze der unter Dreijährigen auszugeben und dann eine Prämie von 150 Euro zu zahlen, damit man sie nicht nutzt”, sagte der Bezirksbürgermeister der Zeitung “Welt am Sonntag”. Er fügte hinzu: “Wer wird denn sein Kind noch in die Kita bringen, wenn er Kohle dafür bekommt, dass es zu Hause vor dem Fernseher sitzt?”

Ja, wer wird denn … ?
Heinz Buschkowsky selbst hat keine Kinder und nach allem, was man von ihm über seine Vorstellungen von Menschen, Gesellschaft und Erziehung weiß, zählt man sich auch voller Zuversicht zu einem dieser Kinder, die nicht die seinen sind.

Für ihn scheint die Welt eine einfache zu sein. Wenn wir immer genügend Geld zur Verfügung hätten, um zu überleben, so suggeriert er immer wieder, würden wir zu faulen Arbeitsverweigerern, voller Arglist und Boshaftigkeit. Wer die Wahl hat, sein Kind zu Hause zu erziehen, der wird aller Wahrscheinlichkeit nach, sein Kind vor den Fernseher setzen, so der Bürgermeister. Wieso würde denn dieser Eltern das tun? Von wem geht der Bürgermeister eigentlich aus, wenn er von den Nutznießern unserer Gesellschaft spricht? Von diesen Unmenschen, die immer nur Leistung erwarten und nie irgendetwas selbst auf die Beine stellen außer Kriminalität und Unsitte? Über Afrikaner sagt der Bürgermeister der SPD übrigens in der ersten Auflage seines Buchs Neukölln ist überall, dass Schwarzafrikanern “schwierig in die Karten zu schauen sei”.

Viele dieser mit Ressentiments gefüllten Sätze sagen dabei immer wieder eine Menge über das Menschenbild aus, das Herr Buschkowsky zu haben scheint. Über Alleinerziehende sagt er das Folgende:

In Gesprächen bin ich immer wieder überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen davon ausgehen, dass es die natürliche Aufgabe der Gemeinschaft sei, sie zu alimentieren, und ihre Lebens- wie Familienplanung darauf ausrichten. Insbesondere bei Alleinerziehenden ist diese Auffassung recht stark verbreitet. Der Umstand, durch Zeugung und Erziehung der Gemeinschaft ausreichend gedient zu haben, fungiert dabei als unerschütterliche Rechtfertigung, die jeden Zweifel als unmoralisch entrüstet zurückweist.

Dabei, und das ist das wesentliche Problem, ist er politisch verantwortlich. Fehlende Betreuungsangebote in Neukölln, mehr und mehr schließende Kinder- und Jugendangebote, das Neuköllner Modell, das jugendliche Straftäter im Eilverfahren wegsperrt, sind alles Dinge, für die er selbst die Verantwortung trägt. Während ich als Alleinerziehende also jahrelang um die Sicherung meiner Existenz und die meiner Tochter gekämpft habe, und Politiker wie Heinz Buschkowsky diese Existenzsicherung immer schwieriger gestalteten, distanzierten viele ebendieser Politiker sich öffentlich von ihrer Verantwortung. So scheint es nun also eine logische Konsequenz dieser Form von Politik, am Ende auch noch diejenigen öffentlich zu verurteilen, deren Lebensumstände man zu kleinen Existenzkämpfen verkümmern lässt. Der Irrsinn des Betreuungsgeldes wird im Munde eines solchen Stammtischpolitikers so nicht einmal nur zu Wahnsinn, sondern gleich zu Turbo-Wahnsinn. Ein Wort, das den wütenden Shitstormern unserer Gesellschaft bereits das Blut in Wallung geraten lässt. Diese gewaltigen Wortfetzen wirft er seinen hungrigen Shitstormkötern zu, sodass sie zu bellen und in die Luft zu beißen beginnen. Am Ende der Botschaft gibt er ihnen endlich das Ziel vor und lässt sie von der Leine: “Fass, Alleinerziehende! Diese Bastarde! Fass, schnapp zu!”

Ich habe aus dem im Freitag wieder aufgewühlten Shitstorm etwas gelernt. Herr Buschkowsky hingegen scheint blind zu sein, für den Hass, den er säet. Keine Entschuldigungen, kein Abbruch, kein Pardon. Auf sie mit Gebrüll! Herr Buschkowsky selbst würde seine ungeborenen Kinder wohl nicht vor einen Fernseher setzen. Er würde sie vermutlich heiß machen und auf Fährte bringen.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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