Ich bin dann wohl nicht schön!

BIN ICH SCHÖN???, fragt das Museum für Kommunikation derzeit seine Besucher. Normalerweise sehe ich mir derlei Ausstellungen mit meiner Tochter an. Diesesmal bin ich froh, dass sie nicht dabei war, denn die vielversprechende Aussetellung hat in mir nur eines hinterlassen: Zweifel darüber, ob ich wirklich in Ordnung bin.

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Viel Pink, viele Spielereien mit Medien, ein röhrender Elch und ein paar Kosmetiktigel. Mein Freund und ich sprechen in Mikrofone, die unsere Stimmen so umwandeln, dass sie entweder männlichen, weiblichen oder kindischen Stimmschönheitsidealen entsprechen. Ein Monitor mit etwas hässlichem nicht erkennbarem aus einem menschlichen Körper ist zu sehen. IMG_1638Daneben ein Satz zur Erklärung. Wir erfahren, der Bildschirm zeigt Stimmlippen. Und die kann man sich auch operieren lassen, wenn man eine perfekte junge Stimme haben möchte. Wir lernen etwas, das wir nicht wussten. Doch das bleibt für den Rest der Ausstellung auch das einzige. Was es sonst noch zu lernen gebe, davon beschließe ich nach kurzer Bestandsaufnahme der Ausstellungsräume, lieber Abstand zu nehmen.

Da wären zum Beispiel geltende Schönheitsideale. Es gibt eine Schablone für Frauen und eine Silhouette für Männer. Mein Freund und ich haben uns mit diesen Abbildungen verglichen. Mein Freund ist zu klein, an der Taille zu schmal und an der Hüfte zu breit, ich bin zu klein, mein Hals ist zu kurz, meine Taille zu breit, mein Becken zu breit, an mir scheint alles falsch zu sein.

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Dann waren da noch die wahllos aneinadergereiten Zitate von weltweiten Unternehmen zu ihren Kleidervorschriften. Unkommentiert wird da die Weltbank UBS neben der deutschen Post zitiert. Deren Meinungen prangen von den Wänden. Ich erfahre, dass Kleidung die Wahrheit ist. Ebenfalls unkommentiert: Ein großes weißes Fass, auf dem in pink 450 000 t steht. Wir erfahren, dass die Deutschen jährlich über 12 Milliarden Euro in Schönheitsprodukte investieren. Ein großer Müllberg baut sich auf vor meinem inneren Auge. Und ich frage mich, wieviele Leben man schützen könnte mit diesem Geld. Ich denke an Charles Revlon, den milionenschweren Kosmetikhersteller und sein Zitat

“We’ re not in the business of selling cosmetics, we’re in the business of selling hope.”

Und ich frage mich, wieso diesen Zahlen so gar nichts entgegengesetzt wird in diesem pinken Raum und ich will raus. Als letztes sehe IMG_1637ich einen nackten Mann und eine nackte Frau mit Knöpfen an den Körpern. Drückt man die Knöpfe, erleuchtet eine Erklärung zum ausgewiesenen Teil des Körpers. Eine weibliche Brust darf groß oder klein sein. Symmetrie ist am wichtigsten. Ich lüfte mein T-Shirt und schaue nach, ob meine Brüste symmetrisch sind. Das letzte Mal war mir dieses Problem bewusst, als sie noch wuchsen. Ich habe noch nie überprüft, ob inzwischen alles richtig ist. Der Anblick meiner Zwillingsschwestern unter dem T-Shirt beruhigt mich. Aber als ich einen weiteren Knopf betätige, bin ich nicht mehr sicher, ob mein Freund die richtigen Hüften hat, um sich mit ihm fortzupflanzen. Gleich daneben erfahren wir, dass bunte Makkakengesichter und Entengefieder in der Tierwelt als sehr sexy gelten und das war’s. Im Museumsshop sehe ich mir den Tsch zur Ausstellung an und finde das Hilghlight der ganzen Schönheitsshow. Wer seine Tochter in der letzten Stunde herangeführt hat an das, was die Geslleschaft von ihr erwartet, der kann ihr nun dieses Buch kaufen, damit sie damit beginnt, an sich zu arbeiten. Und während das Kind sich nun nach der Ausstellung also mit Pink und Glitzer frisiert, sollte sie auf keinen Fall mehr wachsen. Denn die perfekte Frauentaille ist die einer durchschnittlich Fünfjährigen, so lernt man derzeit im Museum für Kommunikation in Berlin.

Ob das schön ist, liebes Museum für Kommunikation? Ehrlich gesagt, finde ich das sehr hässlich.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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4 Comments

  1. wow, oberfail! echt unglaublich! hast du dem museum schon geschrieben? haben die reagiert? LG!

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    • Ich bin gerade dabei!

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      • Nun habe ich geschrieben und bin gespannt auf die Antwort. Ich habe inzwischen herausgefunden, dass es keinen Kurator gibt. Stattdessen wird mitgeteilt, dass die Verantwortlichen das Mfk selbst, das Museum für Kommunikation Schweiz (gesponsert von DIE POST) und das Naturkundemuseum Schweiz sind. Da ja auch die Kleidervorschriften der Post und ausgerechnet einer schweizer Bank auftauchen in der Ausstellung, bin ich inzwischen überzeugt, dass sie von Kommunikationsagenturen gemacht wurde. Expertise, Kunst oder Wissenschaft: Fehlanzeige!

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  2. wow, das hört sich sehr gruselig an!

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