Hin und Weg – Auslandsstudium (allein) mit Kind

 Ein Auslandssemester ist für viele Student*innen ein Traum, der als Alleinerziehende in weite Ferne rückt – oder doch nicht? Saskia war mit ihrem Sohn in Frankreich und erzählt uns von toller Kinderbetreuung, neuen Freundschaften und einem ganz anderen Frauenbild. 
Saskia
Ich möchte gleich zu Beginn anmerken, dass ich mir dessen bewusst bin, dass ich an vielen Stellen verallgemeinere. Beim Vergleichen geschieht das fast immer. Natürlich gibt es bei allen Dingen, die ich hier schreibe, immer auch andere Sichtweisen, Ausnahmen, Regeln… Ich schreibe von meinen Eindrücken von einem Jahr, das ich nie vergessen werde. Je ne regrette rien!
„Aber nein, Sie können ihr Kind nicht vor 16h abholen. Um 11h30 vor dem Mittagessen oder um 16h. Zwischendurch nicht.“ Da staunte ich nicht schlecht, als ich vor der Direktorin der zukünftigen École Maternelle (KiGa) meines vierjährigen Sohnes saß und diese Antwort auf meine Frage bekam, wie denn die Abholzeiten in Straßburg (Frankreich) wären. Einen etwas entsetzten Blick erntete ich dann noch, als ich fragte, ob es die Möglichkeit einer Eingewöhnungszeit gäbe. „Nein, am Montag beginnt die Schule. Alle Kinder gehen in die Schule, die brauchen keine Eingewöhnungszeit.“
Du bist egoistisch!
Zu Beginn unseres Projektes „Allein mit Kind nach Straßburg für ein Jahr“ hatte ich mir so viele Sorgen gemacht: Wohnung, Betreuung, Sprache, Trennung von Vater und, und, und.
Ich hatte mich für Straßburg aus mehreren Gründen entschieden (zur Wahl standen noch Prag, Lund und Porto). Zum einen beherrschte ich zumindest schon die Sprache – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Alle anderen Sprachen (Tschechisch, Schwedisch oder Portugiesisch) hätte ich erst noch lernen müssen. Außerdem ist Straßburg von der Region Nürnberg aus gut zu erreichen, der Kontakt zu Familie und vor allem zu Papa würde also nicht unnötig leiden.
Aus Familie und Bekanntenkreis bekam ich ordentlich Gegenwind:
„Warum ins Ausland?“
„Was bringt das?“
„Das arme Kind! Da muss er ja eine neue Sprache lernen und das mit vier Jahren!“
„Das ist egoistisch von dir, das kannst du deinem Kind nicht antun!“
„Wem willst du etwas beweisen? Das bringt doch eh nichts!“
Je mehr ich mich auf das Jahr vorbereitete, desto mehr brachten mich eben solche Äußerungen dazu, es auf jeden Fall durch zu ziehen. Ja, ich gebe es zu: vielleicht war ich ab einem gewissen Punkt wirklich stur und egoistisch. Kaum einer traute mir das zu, wenige gönnten mir dieses Glück. Jetzt erst recht! Letzten Endes war dieses Jahr genau das richtige, um vor allem familiäre Strukturen etwas zu erschüttern und dadurch neu zu ordnen – hin zum Besseren.
Mit dem Vater meines Sohnes hatte ich mich im Vorfeld geeinigt: da wir geteiltes Sorgerecht haben, konnte ich nicht einfach mal kurz für ein Jahr über den Rhein umziehen. Gemeinsam mit dem Jugendamt besprachen wir Vollmachten, Rechte und (theoretische) Pflichten. Ich erhielt, begrenzt auf ein Jahr, die alleinige Sorge für Gesundheit und Schulwahl und verpflichtete mich, in den Schulferien regelmäßig nach Deutschland zu fahren. Straßburg ist keine Weltreise, es war gut machbar.
 Als alleinerziehende Studentin war ich gleich in aller Munde
Die meisten anfänglichen Probleme lösten sich schnell. Wir fanden eine kleine, aber feine Wohnung in einem etwas ärmeren Viertel von Straßburg und dank des zentral organisierten Schulsystems war die Einschulung meines Sohnes (ich nenne ihn einfach mal „Monsieur“) nach einigem Papierkram schnell geschehen (Urkunden, Versicherungen, Vollmachten etc.). Wir hatten für die Mensa seiner Schule sogar die Wahl zwischen „normalem“, „vegetarischem“ und „Halal“ Essen. Monsieurs Lehrerin (eine für 24 vierjährige Kinder!) war sehr nett und es stellt sich heraus, dass sie und ihr Mann sehr germanophil eingestellt waren. So lernte die ganze Klasse, in die mein Sohn ging, über das Jahr mehrere deutsche Kinderlieder („Mein Hut, der hat drei Ecken“, „Hänschen klein“). Was für ein schöner Start!
An der Uni schauten mich die KommilitonInnen, als ich noch in den Ferien zur Einführungswoche mit meinem Sohn erschien, erst etwas verdutzt an. In Frankreich ist es sehr ungewöhnlich – noch ungewöhnlicher als bei uns in Deutschland – dass Frauen während des Studiums schon Kinder bekommen und dann auch noch alleine aufziehen. Da die Betreuung kein Problem darstellt, stellt sich für Französinnen gar nicht die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für Kinder: eben dann, wenn der Job und der Mann feststehen. Die Kinder gehen in die Krippe, dann in die Maternelle und für den Krankheitsfall, wenn das Kind nicht in die Schule gehen kann, gibt es im Extremfall sogar Tagesmütter.
Als alleinerziehende Studentin war ich gleich in aller Munde. Meine Fakultät war sehr klein (5-10 Leute pro Jahrgang) und ich fand schnell Anschluss. Schneller, als ich in Deutschland je Anschluss finden konnte. Ich weiß bis heute nicht, woran das liegt. Vielleicht an unserem/meinem charmanten deutschen Akzent 😉 Es war gar kein Thema, dass meine neuen FreundInnen abends auch einmal zu mir kamen. Keine Rechtfertigungen, keine Entschuldigungen. Monsieur meistens mittendrin.
Es entstanden viele, neue Freundschaften, die teilweise immer noch sehr eng sind.
Die erste Prüfung stellte mich vor große Herausforderungen. Um 8h begann die Prüfung, die Maternelle machte erst um 7h45 auf und den Weg in die Uni konnte ich unmöglich in 15 Minuten bewältigen. So lernte ich Anne kennen: auch eine alleinerziehende Mama, deren Tochter in Monsieurs Klasse ging. Ich fragte sie einfach, ob ich ihr meinen Sohn früh vorbeibringen könne, damit sie die Kinder in die Schule bringt und ich rechtzeitig in der Uni sein kann. Ohne zögern sagte sie mir zu, als gäbe es einen ungeschriebenen Kodex unter Alleinerziehenden. Anne stellte sich als ein Engel heraus und nach nun zweieinhalb Jahren Freundschaft gehört sie zu unsrer Familie. Sie half mir so viel, animierte mich zum Reden, zeigte mir schöne Ecken Straßburgs und ihre Tochter wurde meinem Sohn eine gute Freundin.
Monsieurs neue Freunde waren vor allem Kinder, die auch noch nicht richtig Französisch sprechen konnten: aus Serbien, aus Russland und aus Ghana. So lief die Kommunikation anfangs vor allem nonverbal ab. Eine wertvolle Erfahrung für uns beide. Anfangs reagiert Monsieur sehr aggressiv  auf die neuen Umstände und wir stritten uns oft. Ich brachte Stress aus der Uni mit heim, er aus der Maternelle und so waren unsere gemeinsamen, ohnehin kurzen Abende im ersten Semester oft gefüllt mit Streit und Tränen. Wir gingen wirklich an unsere emotionalen Grenzen. Fast täglich wurde mit Papa geskypt, den Telefonaten folgten häufig Tränen. Mehr als einmal dachte ich daran, nachzugeben, aufzugeben. Ich trug nicht nur die Verantwortung für mich, meine universitären Leistungen und meine Gesundheit, sondern vor allem für die Gesundheit und das Wohlergehen meines Sohnes. Vor Weihnachten waren wir beide viel krank. Doch im neuen Jahr, zum Anfang des zweiten Semesters, kam alles ganz anders.
Die Bedürfnisse der Mütter und Kinder stehen auf einer Stufe. Keines wird dem anderen untergeordnet.
Über Weinachten waren wir zwei Wochen in Deutschland. Viel Papa-Zeit und Besuche bei allen (wichtigen) Verwandten. Als wir wieder nach Straßburg kamen, sagten wir zum ersten Mal „Wir fahren nach Hause“. Mit diesem Gefühl, eine Heimat gefunden zu haben, ging es in das nächste Semester. Ich fühlte mich gut, Monsieur lernte immer schneller Französisch und ich fragte mich, was um alles in der Welt mit uns geschehen war.
Ich denke, dass wir uns vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der Kinder fremdbetreut werden, gewöhnt hatten: ich genoss die Sicherheit der Betreuung, mein Sohn ging gern in die Maternelle (er machte eine regelrechte Sprachexpolsion durch und lernte plötzlich sehr schnell!).
Ich möchte an dieser Stelle auf keinen Fall eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Fremdbetreuung starten. Ich denke, viele von euch, liebe LeserInnen, haben ebenso wie ich keine Wahl. Wenn aber alle Kinder frühestens um 16h abgeholt werden können, eine Betreuung bis 18h15 sichergestellt ist und ein Netz von Tagesmüttern und Babysittern auch Randzeiten problemlos abdecken, ist die Situation eine andere. Im Falle eines freien Nachmittags raste ich nicht wie von der Tarantel gestochen zur Maternelle, um meinen Sohn abzuholen. Ich ging mit meinen KommilitonInnen in die Mensa, in die Stadt, lernte mit ihnen und genoss meine Zeit als Studentin und Frau.
Auch wenn Monsieur hier in Deutschland unterdessen in der Schule ist und einen Hortplatz hat: bis heute habe ich ein schlechtes Gewissen, ihn länger als bis 16h30 im Hort zu lassen. Meistens schaffe ich es nicht vor 17h. Das schlechte Gewissen vergaß ich in Straßburg völlig. Ich genoss die neue Selbstverständlichkeit, nicht nur Mama, sondern auch Frau zu sein. Über das Frauenbild bzw. die Frauenrolle in Frankreich könnte man Bücher füllen. Ich war „nur“ in Straßburg, im Elsass, was aus Sicht des restlichen Frankreichs ja nicht einmal richtig französisch ist (Geschichte des Elsass!). Dennoch spürte ich die Unterschiede deutlich. Die Bedürfnisse der Mütter und die der Kinder stehen (meistens) auf einer Stufe. Keines wird dem anderen untergeordnet.
Meine neuen Freundschaften wurden im Sommer noch fester. Der Sommer in Straßburg ist einfach herrlich und ich genoss die Zeit sehr. Wie im Fluge vergingen die letzten drei Monate und ich hatte mich vorher und auch danach nie mehr so „gar nicht alleinerziehend“ gefühlt. Ich war einfach eine Mutter, die studiert. Ein Kind zu haben wird anerkannt, aber man wird nicht mitleidig belächelt. Wenn die Betreuung stimmt, ist es auch leichter, einen Job zu finden.
Oft wurde ich auf die Betreuungssituation in Deutschland angesprochen. Dann wurde milde gelächelt, wenn ich von der Familienpolitik und dem Bild einer „mère allemande“ (deutschen Mutter) erzählte, was sich schon romantisch anhört, was auch wunderschön sein kann, für Französinnen aber völlig absurd klingt.
Monsieur sprach mehr und mehr Französisch, vermischte in manchen Sätzen sogar Deutsch und Französisch. Seinen Papa sah er regelmäßig in den Ferien und Papa kam auch manchmal zu uns nach Straßburg. Dann übernachtete ich einfach bei einer Freundin und ließ den Männern ihre Zeit. In der Zeit zwischen den Besuchen war weiterhin Skype unsere Nummer 1 für die Kommunikation.
Rückblickend bin ich stolz auf uns als Eltern, dass wir das gemeinsam so geschafft habe, auch wenn Monsieurs Vater anfangs verständlicherweise gar nicht begeistert war, seinen Sohn ein Jahr lang nur noch alle vier bis sechs Wochen zu sehen. Ich denke, dass das gegenseitige Vertrauen stark gewachsen ist. Ich habe sein Vertrauen nicht missbraucht, indem ich den Kontakt nicht unterband oder ihm keine Rechte unnötig entzog. Er zeigte, dass er auch über weite Strecken bereit ist, sich um seinen Sohn zu kümmern. Das zeigte mir, dass er es ernst meint und er auch trotz 350km Entfernung das Interesse nicht verliert.
Die letzten Monate verliebte ich mich noch einmal unglücklich. Diese Erfahrung gehört wohl dazu, wenn man ein Erasmus-Studium macht 😉 Dennoch hätte ich sie mir gerne erspart. Trotzdem wollte ich nicht wieder nach Deutschland zurück. Wir waren so daheim in Straßburg. Beim Überqueren der Grenze mit unserem Transporter in Richtung Deutschland liefen uns die Tränen über das Gesicht. Wieder ein Abschied von Freunden, von lieb gewonnenen Menschen, von Orten und Gefühlen. Aber auch ein Wiedersehen mit Altbekanntem und vertrauten Menschen, Orten und Gefühlen. Zwei Tage später ging Monsieur wieder in seinen (alten) Kindergarten und beschwerte sich bei mir, dass er manchmal noch Französisch redet und ihn dann niemand versteht. Keine zwei Wochen zurück, stellte sich das schlechte Mama-Gewissen wieder ein und ich stand, wenn es die Zeit zuließ, zur zweiten Abholzet um 14h vor dem Kindergarten. Meistens wurde es natürlich später, aber der Stress im Hinterkopf bleibt.
Jetzt, fast zwei Jahre später, spricht mein Sohnemann kein Französisch mehr. Er versteht noch einiges, aber der aktive Wortschatz ist nicht mehr vorhanden. Sein bester Freund in seiner Schulklasse ist witziger Weise Franzose (bzw. dessen Eltern). Wir denken gern an die Zeit im Elsass und ich möchte, so ich in 20 Jahren noch alleine bin und wenn mein Sohn selbstständig ist, ins Elsass zurückkehren. Es gibt Orte im Leben, an denen man sich daheim fühlt, wo man ankommt und nicht wieder weg will. Straßburg ist so ein Ort für mich. Und ich wünsche jeder/m, solch einen Ort zu finden.
Ich kann nur jede/n StudentIn dazu ermutigen, ein Auslandsstudium mit Kind zu wagen, wenn es die Finanzen und die Rechtslage zulassen. Es muss ja nicht gleich China oder Brasilien sein, wenn man alleine mit Kind unterwegs ist. Auch einmal „kurz über den Rhein“ ist eine tolle und wertvolle Erfahrung! Mit guter Vorbereitung und Organisation, Bereitschaft zu Vertrauen (Eltern und Kinder!), einer Portion Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen kann so ein Jahr unvergesslich schön und wertvoll werden! Ich zehre bis heute von den Eindrücken und Erfahrungen, die wir auf der westlichen Seite des Rheins gemacht haben.
Mehr über Saskias Auslandsaufenthalt erfahrt ihr hier.

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Author: Sarah Wiedenhöft

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7 Comments

  1. Per E-Mail erreichte mich folgende Frage von Carmen:

    Wovon lebt man als alleinerziehende Studentin (bzw. dabei sogar noch in einem fremden Land)?

    Ich hoffe, du und Saskia fühlt euch durch diese Frage nicht zu Nahe getreten, aber ich kann mir das einfach absolut nicht vorstellen.

    LG Carmen

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    • Ich hatte ein Vollstipendium mit Auslandszuschlag. Das ist ein großes Glück, aber kein unerreichbares…
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele studierende Alleinerziehende sich gar nicht trauen, sich für Stipendien zu bewerben. Leider! Dabei ist das meistens einfacher, als zunächst angenommen.

      Ansonsten gibt es Auslandsbafög und in Frankreich selbst die Möglichkeit, Wohngeld (CAF) zu beziehen. 🙂 KiGa/Schule kostet nichts, die außerschulische Betreuung richtet sich (außer Babysitter) nach dem Einkommen!

      Zu zahlen: Wohnung (abhängig von eigenen Ansprüchen und Region), Essen/Leben (zu zweit in Frankreich min. 100,-/Woche) und geringes Geld für Mensa und Betreuung (umgelegt mit Ferienbetreuung ca. 50,-/Monat)

      Liebe Grüße!

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  2. Ich vergaß, Kosten für (verpflichtende) Versicherungen und ggf. öffentliche Verkehrsmittel zu erwähnen…
    – Auslands-KV in Europa ca. 30,-/Person/Monat
    – Haftpflicht europaweit (60,-/Jahr)
    – Mietschädenversicherung (bei uns in Haftpflicht mit drin)
    – Nahverkehr: in Straßburg nach Einkommen gestaffelt, bei uns 20,- für beide

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  3. Hallo Sarah, der Link zu Saskias Blog funktioniert nicht richtig.

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    • Problem gelöst 🙂 Danke dir für den Hinweis!

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  4. Ich war auch allein mit zwei kids im Ausland zum Studieren und kann das nur wärmstens empfehlen! Bei uns wars Schweden.

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  5. Ich bin gerade mit meinem Mann (wir studieren beide) und meinen beiden Jungs (2 und 5 Jahre alt) im Auslandssemester in Bali. Eine Kommilitonin von uns hier ist ebenfalls alleinerziehend. Wir drei sind hier natürlich totale Exoten und ernten dafür von allen Seiten Respekt und Unterstützung. Die Kinder lieben es hier und haben überhaupt kein Heimweh.

    Genau wie Sarah kann es jedem nur empfehlen, sich diese Erfahrung zuzutrauen. Egal, ob alleinerziehend oder nicht. Man lernt sich und sein Kind ganz neu kennen, schaut über den Tellerrand und kommt gestärkt wieder zurück.

    Sonnige Grüße aus Bali,
    Luisa

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