Harter Brocken Sexarbeit

Da gab es neulich diese Diskussion und eigentlich wollte ich sie einfach vergessen. Nachdem meine Diskussionspartnerin anschließend aber einen neuen Blogbeitrag dazu geschrieben hat, und dieser auch von einer Plattform, die ich persönlich sehr schätze, geteilt wurde, möchte ich dies unbedingt auch noch einmal tun, um sicherzugehen, dass ich nicht falsch verstanden worden bin und um meine Sicht der Dinge ausführlich zu erklären. Die Rede ist von Sexarbeit. Da gibt es diese Kampagne, die mir als Argument gereicht wurde und an welcher ich nun der Einfachheit halber meine Argumentation aufbaue.

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Das ist selbstverständlich eine schöne Kampagne. Frauen, die selbstbestimmt über ihren Körper verfügen, die ihre Kinder versorgen, ein “ganz normales” Leben leben und den Mut haben, sich dafür öffentlich ablichten zu lassen und Respekt zu fordern. Das ist in meinen Augen aber gar nicht das Problem. Ich setze mich schon lange für Frauenrechte ein und ich bin unbedingt der Meinung, dass jede Frau der Arbeit nachgehen sollte, die ihr Freude bereitet, aber meine Kritik setzt so viel tiefer an.

Ich könnte dieser Kampagne das Folgende entgegensetzen:

Ich könnte Reinigungsfrauen aus Rumänien finden, die in deutschen Wohnungen putzen und stolz sind auf ihre Arbeit, ich könnte die selbe Kampagne mit Bauarbeitern, Müllmännern, Kloputzern oder all den anderen anrüchigen Berufen unserer Gesellschaft nachstellen. Ich würde Menschen finden, die ihren Job gerne machen, die stolz darauf sind, ihn zu haben und die dafür allen Respekt verdient haben. Für mich ist das kein Problem. Ich respektiere sie alle.

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Was ich mich frage ist allerdings: Wenn es diese Berufe gar nicht gäbe, bzw. wenn die Personen die diese Berufe ausüben, dies finanziell nicht nötig hätten, würden sie diese Berufe wohl wieder wählen? Können Sie sich einen reichen Erben vorstellen, der ein Klo putzt? Oder eine gut situierte Witwe, die ihren Körper für Geld anbietet? Die Sexarbeit ist ein Thema, das unter Feministen zu langen Diskussionen führen kann. Einerseits die Selbstverwirklichung der Frau, die Selbstbestimmtheit über ihren Körper und die Akzeptanz ihrer erwachsenen Entscheidungen, andererseits das Problem des strukturellen Sexismus, der in dieser Branche tiefe Selbstverständlichkeit hat. Denn wer ist in der Regel der Kunde einer Prostituierten? Das ist in der Regel der weiße Mann, gegen dessen Vorherrschaft der Feminismus nun einmal kämpft. Es gibt nur sehr wenige heterosexuelle männliche Prostituierten. Die heterosexuelle Prostitution ist in der Regel weiblich und sie bedeutet, dass das Geld eines Anderen über den Körper einer anderen verfügen darf. Selbstverständlich hält sich das in vielen Fällen der selbstorganisierten Prostitution in genau abgegrenzten Bereichen, es ändert aber nichts daran, dass jemand mit einem höheren Status für die Erfüllung seiner Wünsche durch den Körper einer Statusuntergebenen bezahlen kann. Damit erhält derjenige mit dem Geld (=Macht) das Recht über das Intimleben eines Untergebenen zu bestimmen.

Ich respektiere diese Frauen als Menschen. Ich will sie weder stigmatisieren, noch für verkehrt erklären. Aber ich bin eine Visionärin und möchte klarstellen, dass es in einer Welt mit größerer Statusgleichheit und weniger Geldsorgen vermutlich gar keine Prostitution geben würde. Das ist in meinen Augen die einzig wichtige Frage: Würdest Du diesen Beruf auch machen, wenn ich Dir jeden Monat 8000 Euro überweise?

Ich möchte ganz bewusst darauf verzichten, dem ganzen einen anrüchigen oder reisserischen Ton zu verleihen. RESPEKT ist auch mir das aller wichtigste in überhaupt jeder Debatte. Darum ist für mich auch die wichtigste Frage: Inwiefern bringt der Freier der Sexarbeiterin diesen Respekt entgegen, den die Kampagne von allen Unbeteiligten verlangt? Im aktuellen Heft der Ruhrgetstalten findet sich u.a. ein Artikel von mir über Sexualassistenzen. Das sind speziell ausgebildete Sexarbeiterinnen, die sich mit Menschen mit Behinderungen befassen. In diesem Milieu steht der Respekt an vorderster Stelle und es ist eine vollkommen andere Form der Prostitution, deren Existenz ich sehr gut nachvollziehen kann. Wenn es darum geht, dass Frauen sich zur Verfügung stellen müssen, um Männern, die im Leben stehen zu dienen, finde ich höchst befremdlich. Selbstverständlich wird das gerne mit Prüderie oder Spießigkeit verwechselt und immer wieder wird man zum Respekt aufgerufen.

Darm möchte ich hiermit klarstellen: Ich habe Respekt vor diesen Frauen. Vor den meisten Männern, die diese Leistung in Anspruch nehmen, kann ich keinen Respekt haben und diese Meinung ist nicht einmal eine weibliche. In meinem Freundeskreis befinden sich Männer, die durchaus genau so darüber denken. Männer, die “NIE zu einer Sexarbeiterin” gehen würden und wir alle wissen doch intuitiv, warum das so ist. Ich glaube nicht daran, dass man Körper und Seele –  oder wie immer man das bezeichnen möchte – voneinander trennen kann, aber ich glaube jedem sofort, der mir sagt, dass er diesen Bezug in unserer rasanten Gesellschaft verloren hat.

Anstoß der Diskussion war übrigens ein Zitat von Sybille Berg, das mit Sexarbeit gar nichts zu tun hatte. Das Zitat lautete:

“Rosen, das sind doch sie Schäferhunde unter den Blumen.” Darunter entstand dann eine Diskussion, weil eine der Beteiligten sagte, sie sei aufgrund eines Kommentar von ihr kein Freund ihrer Literatur. Daraufhin entrbannte die Diskussion, die ich darum nun gerne mit deren Worten aus Syibille Bergs aktuellen Buch beenden möchte:

 

Aus Sybille Berg "Vielen Dank für das Leben", Hanser Verlag

Aus Sybille Berg “Vielen Dank für das Leben”, Hanser Verlag

 

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Author: Sarah Wiedenhöft

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